Sarajevo-Haggada

Schätze aus Pergament

von Ruth Ellen Gruber

1.350 Dollar sollen sie kosten – das Stück! Zum diesjährigen Pessach sollen Nachdrucke eines weithin bekannten illustrierten Manuskripts zum Verkauf angeboten werden. »Die Sarajevo-Haggada wird hoffentlich noch vor dem Fest fertig«, sagte Jakob Finci, ein Repräsentant der bosnischen Juden, am vergangenen Sonntag der Jüdischen Allgemeinen. »Wir werden eine begrenzte Auflage von nur 613 Exemplaren drucken – die Zahl der Mizwot.«
Seit langem gilt die Sarajevo-Haggada als Symbol jüdischen Lebens und Überlebens auf dem Balkan. Sie stammt aus Spanien, wo sie im 14. Jahrhundert mit der Hand geschrieben und bebildert wurde. Nachdem die Juden 1492 aus Spanien vertrieben worden waren, geriet das aufwendig illustrierte 109seitige Manuskript nach Sarajevo, wo es die unzähligen Kriege und Umwälzungen intakt überstand.
Über die Jahrhunderte erfüllte es bei zahllosen Familiensedern seine Aufgabe, und einige seiner Seiten sind von Weinflecken verunziert. Seit 1894 im Besitz des Bosnischen Nationalmuseums, entging es dem Holocaust versteckt in einem abgelegenen Bergdorf. In einem Banktresor eingeschlossen überdauerte es sicher aufbewahrt den brutalen Bosnien-Krieg der 90er Jahre. Im Dezember 2002 wurde das Buch im Nationalmuseum ausgestellt.
In den frühen 80er Jahren wurde eine vollständige Kopie der Haggada veröffentlicht, die jedoch auf Papier gedruckt war. Die neue Ausgabe ist wie das Original auf Pergament gedruckt.
Jede Kopie soll soweit wie möglich eine Nachbildung der Haggada selbst sein. »Sie wird exakt wie das Original aussehen«, sagt Finci. »Die Ausgaben, die in der Vergangenheit veröffentlicht wurden, waren einfach nur Kopien.«
Idee und erstes Geld für das Projekt stammen von James Wolfensohn, dem früheren Weltbankpräsidenten. »Als er die Haggada während eines Besuchs in Sarajevo sah, fragte er, wieso wir nicht versuchten, ein besseres Faksimile davon herzustellen«, erzählt Finci. »Als ich antwortete, das sei zu teuer, meinte er, er sei bereit, das Geld zur Verfügung zu stellen. Wir könnten es ihm nach der Veröffentlichung zurückzahlen.« Wolfensohn schoß für das Projekt 150.000 Dollar aus seinem Privatvermögen vor. Der Verlag, bei dem die Edition erscheinen soll, RABIC in Sarajevo, stellte weitere Mittel bereit, und auch ein Bankkredit trug dazu bei, das Projekt auf die Beine zu stellen.
Finci sagt, es gebe bereits potentielle Käufer, die Interesse angemeldet hätten, vor allem nachdem Associated Press im vergangenen Sommer einen Bericht über das Projekt gebracht hatte.
»Wir haben ein paar Dutzend Anfragen aus der ganzen Welt«, sagt Finci, von Einzelpersonen und Institutionen. Nachdem der Vorschuß von Wolfensohn und der Bankkredit zurückgezahlt sein werden, soll der Erlös zwischen dem Verlag und der bosnisch-jüdischen Gesellschaft für Kultur, Bildung und Humanitäres, La Benevolencija, aufgeteilt werden.
Der Druck dieser Edition ist eine weitere Episode in der einzigartigen Geschichte der Sarajevo-Haggada. »Das hebräische Wort ‚Haggada‘ bedeutet ‚Erzählung‘«, schreibt Finci in seiner Einleitung zu dem Nachdruck. »Sie haben ein bemerkenswertes Buch vor sich liegen, nicht nur wegen der Schönheit der Illustrationen, sondern auch wegen der außergewöhnlichen Geschichte.« Die Sarajevo-Haggada entstand um 1350, vermutlich als Hochzeitsgeschenk, doch im Lauf der Jahrhunderte hat sie oftmals den Besitzer und das Land gewechselt.
Die Einzelheiten über das Wie und Wann ihrer Ankunft in Sarajevo sind nicht bekannt. Sie wurde im Jahr 1894 von Joseph Kohen an das Bosnische Nationalmuseum verkauft. Bald wucherten Legenden darüber, wo und wie es gelang, das Manuskript zu retten.
Während des Zweiten Weltkriegs, kurz bevor die Deutschen 1941 die Stadt einnahmen, schmuggelte es der Direktor des Museums ins Haus eines muslimischen Professors, der es in einem Bergdorf versteckte, manche sagen unter dem Fußboden einer Moschee.
Auch zu der Frage, wo das Manuskript sich während des Bosnien-Kriegs von 1992 bis 1995 befand, gibt es Gerüchte. Das Museum wurde bombardiert und schwer beschädigt, doch die Haggada blieb unversehrt, da sie die meiste Zeit in einem Tresor der Nationalen Bank versteckt war.
Der damalige bosnische Präsident Alija Izetbegovic ließ sie 1995 bei einem Seder der jüdischen Gemeinde kurze Zeit ausstellen, auch um den Verdacht zu zerstreuen, die Regierung habe das Manuskript verkauft, um Waffen zu besorgen.
Edward Serotta, Leiter des Central Europe Center for Research and Documentation in Wien, produzierte 1996 für ABC’s Nightline einen Dokumentarfilm über die Sarajevo-Haggada. »Das Faksimile ist gewiß eine großartige Leistung«, sagte er zu JTA. »Aber ich freue mich jetzt auf eine echte, kritische Analyse des Buches und seiner Geschichte.«

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