Vladimir Zakgeyn

»Rußland ist wie meine Mutter«

von Annette Lübbers

Sein zweiter Eindruck war keineswegs überwältigend. »Graffitis auf den Wänden und Schmutz auf dem Boden. Hier oben im Norden war es deutlich anders als in Tübingen oder Stuttgart«, erzählt Vladimir Yehuda Zakgeyn über seine zweite Zugreise im fremden Land. Vor dreieinhalb Jahren fuhren Vladimir, seine Frau Olga und die beiden heute elf und dreizehn Jahre alten Mädchen Dina und Evgeniya vom Flughafen Düsseldorf in das Auffanglager Unna-Massen. Nur sechs Stunden Flug lagen zwischen ihrer alten russischen Heimat und der »neuen Welt«, die Vladimir nur von einer zehntägigen Deutschland-Reise im Jahr 1998 kannte.
»Der erste, gute Eindruck von meinem kurzen Besuch war erst einmal weg. Heute habe ich mehr Verständnis für die deutsche Realität. Es war gut, daß wir in der ersten Zeit in Unna-Massen viel Zeit zum Spazierengehen und zum Nachdenken hatten – das hat uns allen gut getan nach den hektischen Monaten in Rußland.«
Heute lebt die jüdische Familie in Wuppertal im Bergischen Land. Die Stadt haben sie sich selbst ausgesucht. »Wir wollten unbedingt in eine größere Stadt, damit die Mädchen – beide gelten als hochbegabt – auf eine gute Schule gehen können. Und da die wirklich großen Städte in Nordrhein-Westfalen keine neuen Einwanderer aufnahmen, blieb nur Wuppertal«, erzählt Vladimir Zakgeyn.
Längst haben die Eltern und Kinder in Deutschland keine Verständigungsprobleme mehr, auch wenn Vladimir vermutet, daß ihm so manche Nuance in den Gesprächen mit seinen deutschen Freunden noch entgeht. »Die Deutschen können oft nicht einordnen, wann wir Witze machen und wann nicht. Wir erzählen Witze immer mit einem todernsten Gesicht«, sagt der diplomierte Mathematiker und Hobby-Posaunist schmunzelnd. »Außerdem kennen die Deutschen keine anderen Wege als jene, die geradeaus führen. Wir haben schon vor dem Sozialismus gelernt: Es gibt Gesetze, und es gibt Auslegungsmöglichkeiten.« Auf wenig Verständnis stößt Vladimir Zakgeyn auch im Bezug auf das, was er leicht zögernd seine »russische Seele« nennt. »Wir Russen haben tiefe Gefühlsschwankungen. Es gibt nur alles oder nichts.« Sich selbst bezeichnet er dennoch als einen realistischen Optimisten, der sogar der deutschen Bürokratie etwas abgewinnen kann. »In Rußland haben wir genauso viel Bürokratie. Aber in Deutschland gibt es für jedes Problem eine Lösung – auch wenn es Zeit kostet, sie zu finden. Das ist in meiner Heimat anders. In Rußland bleiben viele Probleme ohne Lösung.«
Vladimir Zakgeyn ist kein Russe, wie der Westeuropäer ihn sich klischeehaft vorstellen mag. Weder ist er ein gepeinigter Zweifler, wie man es Dostojewski nachsagt, noch ein depressiv-melancholischer Typ, wie die Nachwelt Tolstoi gerne beschreibt. Ebenso wenig ähnelt er jener literarisch bekannten Figur eines tieftraurigen Exil-Russen, der von Mütterchen Rußlands heiliger Erde träumt. Und doch findet der Mann mit den schmalen, markanten Gesichtszügen poetische Worte, wenn er über seine alte Heimat spricht: »Rußland ist wie meine Mutter. Sie ist immer in meinem Herzen«, sagt er. Und weinen – weinen kann er auch. Wenn er alte russische Filme sieht oder russische Musik hört, dann kommen ihm manchmal die Tränen.
Noch läuft nicht alles rund im Land seiner Wahl. Gerade erst hat der 37jährige sein Diplom als Informatiker erhalten. Einen Job aber hat er noch nicht gefunden. Sein Versuch, ein Reisebüro für Rußlandreisen zu gründen, war bislang nicht zu verwirklichen. Notfalls will er in der Werbeagentur arbeiten, die seine Frau gegründet hat. Keinesfalls ist er nach Deutschland gekommen, um hier arbeitslos zu sein und die Hände in den Schoß zu legen. Für ihr eigenes Fortkommen und das seiner Kinder ist er bereit, alles zu tun. Geld an sich bedeutet ihm zwar wenig, »aber es ist wichtig, um seine Ziele verwirklichen zu können«. Da ist er wieder: der pragmatische, zielstrebige Optimist.
Ressentiments gegen die deutsche Umwelt und ihre schreckliche Vergangenheit empfindet der jüdische Einwanderer nicht. »Wir wissen, wie schlimm Hitler war, aber wir wissen auch, welch ein Mensch Stalin war«, sagt Vladimir. Der Einmarsch der Deutschen hat die Familie nicht direkt betroffen, wohl aber die Säuberungsaktionen des sowjetischen Diktators. Vladimirs Großvater wurde 1936 von »Genosse Stalin erschossen«. Seine Großmutter saß 15 Jahre im Gefängnis: »Angeblich hatte sie als Mitglied einer Verbrecherbande versucht, einen Minister zu ermorden«, erzählt Vladimir Zakgeyn in seiner ruhigen, bedächtigen Art. »Außerdem haben die Deutschen ihre Vergangenheit anerkannt. Bis heute gibt es aber keine offizielle Entschuldigung bei den Opfern des Stalinismus.« Und dieser feine Unterschied im Umgang mit der diktatorischen Vergangenheit beider Völker ist dem Mann aus Moskau sehr wichtig.
Aufgewachsen ist Vladimir Zakgeyn in einer nicht-religiösen Familie. Sein Vater ist Jude, seine Mutter ist es nicht. Nach den Gesetzen der Halacha war der junge Vladimir also kein Jude. Erst als 15jähriger betrat er 1983 das erste Mal eine Synagoge. »Damals – es war an Purim – konnte man nicht wissen, welcher Besucher ein offizieller Spitzel und wer tatsächlich Jude war.« Vom Komsomol, der politischen Massenorganisation der sowjetischen Jugend, bekam er den Auftrag, die Gottesdienstbesucher auszuhorchen. »Da habe ich mich geweigert. Das konnte ich nicht.«
Trotz seiner säkularen Erziehung empfand er als junger Mensch eine tiefe Sehnsucht nach Gottesnähe. »Für mich war der Kommunismus als Ersatzreligion nie akzeptabel.« Aber als Jude leben, das war unmöglich in seiner Heimat. Seinen Giur – die offizielle Konversion zum Judentum – machte er erst in Deutschland, in der Wuppertaler Gemeinde. So gut es in der Diaspora eben geht, hält er sich an die jüdischen Gesetze. »Hier in der Gemeinde habe ich Antworten auf meine Fragen gefunden, die mich mein Leben lang bewegt haben.« Für ihn ist die Gemeinde ein Klub, in den man geht, um zu beten und anderen Menschen zu begegnen. »Eben das, was ein echter Beit Midrasch sein soll«, sagt er. »Ohne Gemeinde fehlt mir etwas, und ich bin jedes Mal froh, wenn ich wieder in Wuppertal bin und am Gottesdienst teilnehmen kann. Und es tut mir gut, daß mich die Gemeindemitglieder vermissen, wenn ich fort bin.«
Den Großstadtdünkel, den er einigen seiner Moskauer Mitmenschen nachsagt, pflegt er nicht. »Ich habe mich gewundert, wie viele interessante Menschen ich getroffen habe. Wir haben viele Freunde hier. Aber natürlich streiten wir auch und haben unsere Schwierigkeiten miteinander – aber das ist in jeder Familie so.«
Seine russische Sprache kann er gut »pflegen« in der neuen Heimat. In der Wuppertaler jüdischen Gemeinde stehen 60 deutsche Mitglieder mittlerweile etwa 2.000 russischen Einwanderern gegenüber. Das Ehepaar sieht es als seine Pflicht an, so viel wie möglich zu lernen und der Gemeinde etwas wiederzugeben. »Immerhin sind wir auf dem ›jüdischen‹ Ticket nach Deutschland gekommen.« Ein Gefühl für die jüdische Religion will er auch seinen Kindern mitgeben. »Der Glaube selbst muß in den Kindern wachsen. Aber sie sollen wissen, auf welcher Grundlage sie später ihre Wahl treffen«, sagt der Vater. Beide Mädchen sollen sowohl das biblische Hebräisch als auch Ivrith lernen – damit sie sich in Israel verständigen können. War das jüdische Stammland keine Alternative für die beiden auswanderungswilligen Moskauer? Immerhin kannte Vladimir Zakgeyn das Land der Bibel, bevor seine Wahl auf Deutschland fiel. »Es leben zu viele russische Juden in diesem schönen Land«, sagt er mit einem feinen Lächeln. »Außerdem ist das Militär so präsent – und Soldaten, davon haben wir in Rußland genug gesehen.«
Seine große Moskauer Familie vermißt Vladimir Zakgeyn sehr. Stundenlang telefoniert er mit den Verwandten, und wann immer es geht, fliegt er zurück in seine Heimat. »Wir Juden sind halt sehr familienorientiert«, sagt er lächelnd. Wie hat sein Vater reagiert auf den gläubig gewordenen Sohn? »Er war schon sehr verwundert, aber er sah auch sehr zufrieden aus«, erzählt er mit einem Augenzwinkern. »Immerhin stammt meine Familie von religiösen Juden ab. Der Großvater meines Vaters war Rabbiner, und erst mein Großvater hat mit dieser Tradition gebrochen.« Einen anderen Weg eingeschlagen hat seine Schwester, die noch immer in Moskau lebt. Sie ist russisch-orthodoxe Christin geworden.
Auch wenn Vladimir manchmal Heimweh hat, möchte er nicht zurück in die alte Heimat. »Wir fühlen uns wohl in Deutschland. Wir sind hierher gekommen, weil wir eine Perspektive wollten für uns und unsere Kinder. Diese Perspektive haben die Menschen in Rußland nicht.« Eigentlich haben die beiden vergleichsweise gut gelebt im postsowjetischen Reich des Wladimir Wladimirowitsch Putin. Dennoch: »Die Menschenrechtssituation ist schlecht und auch die wirtschaftlichen Bedingungen werden immer schlechter. Viele der jungen Leute haben zwar Arbeit, aber sie arbeiten für heute und können für die Zukunft nicht planen.« Seine Eltern in Moskau kommen so eben über die Runden – zusammen mit etwa 400 bis 500 Euro im Monat. Wenn sein Vater – immerhin Universitätsprofessor – nur auf sein Gehalt angewiesen wäre, sähe es bitter aus. Nur 200 Euro Salär erhält er als Gegenwert für seine Arbeit. »Die Schwester meiner Großmutter ist noch sehr viel schlechter dran«, sagt Vladimir Zakgeyn leise. »Sie kann sich nur einmal im Monat ein Stückchen Fleisch leisten.«
Auch wenn Deutschland längst kein Wirtschaftswunderland mehr ist, der Familie Zakgeyn geht es gut im neuen Land. Aber der russische Teil ihrer Seele wird wohl noch lange von der Heimat träumen.

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