Schoa-Gedenken

Rückblende

Frag’ bitte nicht!
„Gerdas Schweigen“
von Britta Wauer

Manchmal glaubt man, über den Holocaust sei alles gesagt. Aber das ist ein Irrtum. Es gibt noch immer Geschichten, die nicht erzählt wurden, wie Britta Wauers berührender Dokumentarfilm Gerdas Schweigen beweist. Dieser Film lässt die unglaubliche Kraft und die große Würde spüren, mit der eine Frau ihr Leben meistert, die Unvorstellbares erlebt hat.
Gerda ist Jüdin. Sie wächst im Berlin der Nazizeit auf. Oft verbringt sie ihre Zeit bei den Elstersmanns, einer befreundeten Nachbarfamilie. Gerda überlebt die Schoa und zieht nach der Befreiung nach New York. 1967 kommt „Tante Gerda“ zu Besuch nach Ost‐Berlin. Knut Elstermann, der Sohn von Gerdas alter Freundin, ist begeistert. Eine Tante aus Amerika, das ist eine Sensation. In diesem Überschwang begeht Knut aber einen folgenschweren Fehler. Der Jugendliche stellt genau die Frage, die er, wie ihm die Mutter eingeschärft hatte, nicht hätte stellen dürfen. Die Reaktion ist ein derart irritierendes und peinliches Schweigen, dass Knut es nie vergessen hat.
Knapp 30 Jahre später: Knut reist nach New York. Er möchte ein Buch über Gerda schreiben. Der 47‐Jährige ist inzwischen Journalist, arbeitet als Radiomoderator und Filmkritiker, tritt gelegentlich, wie in Andreas Dresens Halbe Treppe, auch selbst in Filmen auf. Knut Elstermann ist sich bewusst, wie sehr sich privates und berufliches Interesse bei seinem Projekt mischen. Das macht das Ganze komplizierter, als es ohnehin schon ist. Denn Gerda freut sich zwar sehr, ihn wiederzusehen. Aber Knuts Frage von 1967 möchte sie noch immer nicht beantworten.
Die junge Dokumentarfilmerin Britta Wauer hat diese Reise begleitet. Sie fängt den schwierigen Prozess zwischen „Tante“ und „Neffen“ in ihren Bildern ein und macht sichtbar, dass das, was Gerda (nicht) erzählen möchte, in ihrem Kopf nur als fragmentarisches Puzzle vorliegt, das darauf wartet, zusammengefügt zu werden. Der Film macht erlebbar, wie überlebenswichtig das Verdrängen und wie schmerzhaft das Erinnern sein kann, wobei er diese Qualen nicht in Tränen ertränkt, son‐ dern höchst respektvoll in leisen Details aufscheinen lässt.
Worüber Gerda schweigt, sei hier verschwiegen. Der Kinobesucher sollte es keinesfalls vorher wissen. Denn es ist die große Stärke von Gerdas Schweigen, den Zu‐ schauer die Arbeit der Erinnerung miterleben zu lassen und ihn in all die Widersprüche, aber auch in all die schönen Momente und all die schier unglaublichen Zufälle zu verwickeln, die das Leben für Gerda bereithielt. Ob es richtig war, 60 Jahre lang zu schweigen, oder ob dies ein großer Fehler war – darauf gibt der Film mit gutem Grund keine Antwort. Denn beides ist richtig. Das mag nach den Gesetzen des Verstandes unmöglich sein. Aber ein guter Film ist keine Frage der Logik. Sondern des Lebens. Peter Gutting
Bodenhaftung

„Stolperstein“

von Dörte Franke

In fast allen Städten Deutschlands kennt man sie, die blanken Messingsteine im Straßenpflaster mit einer Gravur: Hier wohnte … Name, Geburtsdatum, Tag der Deportation und der Ermordung. Sie verweisen auf meist jüdische Männer, Frauen und Kinder, die einst hier lebten.
Der Dokumentarfilm Stolperstein von Dörte Franke portätiert den Mann, der die Idee zu Deutschlands bekanntestem dezentralen Erinnerungsprojekt hatte. Seit 2000 verlegt Gunter Demnig Stolpersteine. Bis September 2007 waren es etwa 12.500 in 277 Ortschaften in Deutschland, Österreich und Ungarn. Anfragen hat Demnig inzwischen auch aus Frankreich, Belgien und Holland. Immer mehr Initiativen und Einzelpersonen, oft Nachkommen der Ermordeten, möchten mit den Steinen erinnern. So hat sich das Projekt zu einer logistischen Herausforderung entwickelt. Trotzdem wird weiterhin jeder Stein von Hand gearbeitet, auch die Herstellung ein Akt der Individualisierung gegen den industriellen Massenmord. Dabei bleiben die Minidenkmäler erschwinglich: ein Stein kostet knapp 100 Euro. Der Film begleitet Demnig auf Verlegungstouren, zeigt ihn bei der Arbeit in seiner Kölner Werkstatt und gibt Einblicke in die Geschichte des Projekts. Der Zuschauer lernt nicht nur den Künstler kennen, sondern begegnet auch Mitarbeitern, Auftraggebern und anderen, etwa drei Hamburger Frauen, die mühevoll das Messing polieren, um so das Erbe ihrer SS‐Väter zu verarbeiten.
Die Stolpersteine sind nicht unumstritten. Manche fürchten, hier würde die Erinnerung an die Ermordeten mit Füßen getreten – womöglich durch Neonazis mit Springerstiefeln. Charlotte Knobloch und Münchens OB Christian Ude gehören zu den Kritikern. Peter Jordan weiß davon zu berichten. Der gebürtige Münchner war 1938 mit einem Kindertransport nach England gekommen. Seine Eltern hat er nie wieder gesehen. Für sie wollte er Stolpersteine vor deren Haus in München haben. Er bekam von der Stadt keine Erlaubnis. Als Jordan die Steine trotzdem verlegen ließ, wurden sie ausgegraben und auf den jüdischen Friedhof gebracht. Jordan ist verletzt. Er will nicht, sagt er, dass „mir vorgeschrieben wird, wie ich meiner Eltern zu gedenken habe und wie nicht. Ich möchte ihre Namen nicht in einer Synagoge unter Polizeibewachung eingesperrt wissen.“ Jessica Jacoby

Kino

Auf den Spuren von Peter Weiss

Vergangenheitsbewältigung als schwarze Komödie: Cornelius Schwalms Regiedebüt »Hotel Auschwitz«

von Ulrich Sonnenschein  17.01.2019

Nachrichten

Vertrauen, Bundestag, Islamkonferenz

Kurzmeldungen aus Politik

 10.01.2019

Jerusalem

»Hatnua« am Ende

Israels Mitte-Links-Bündnis zerbricht vor Wahl

 01.01.2019