Der jüdische Pirat Roberto Cofresí

Robin Hood der Karibik

von Hans‐Ulrich Dillmann

Er war der meistgesuchte Pirat der Karibik: Roberto Cofresí Ramírez de Arellano. Sein Name ließ die Kapitäne der Fracht‐ und Handelsschiffe erschauern. Wagemutig, tollkühn soll er gewesen sein, raffiniert in seiner Taktik, reich beladenen Segelschiffen aufzulauern und sie dann auszurauben – und vor allem großzügig gegenüber jenen in der Karibik lebenden Menschen, die von der Hand in den Mund lebten. Kopfgelder wurden auf ihn ausgesetzt: Wer ihn ablieferte, tot oder lebendig, sollte reich belohnt werden, versprachen die Kolonialherren.
„Robin Hood der Karibik“ nennt ihn der englische Autor Lubos Kordac, der in einem Buch von „verschwundenen und verlorenen Schätze in der Dominikanischen Republik“ und vom Leben Roberto Cofresís erzählt. Nach dem Piraten ist ein Strand benannt, Playa de Cofresí, und in Cabo Rojo, einer Kleinstadt in Puerto Rico, wurde sogar ein Denkmal für ihn errichtet.
In der drittgrößten Insel der Großen Antillen, heute ein mit den USA frei assoziierter Staat, wurde Capitan Cofresí, wie er später nur noch genannt wurde, am 12. Juni 1791 geboren. Sein Vater, Francisco Cofresí, war ein jüdischer Einwanderer aus Italien. Er schiffte sich in Triest auf der Flucht vor der dortigen Gerichtsbarkeit ein. Er wurde wegen Mordes gesucht. Kordac schreibt, Francisco Cofresí habe in Selbstverteidigung einen Menschen umgebracht.
Sohn Roberto war das jüngste von vier Kindern, die Francisco Cofresí zusammen mit der Puertorikanerin Marí Germana Ramírez de Arellano bekam. Der spätere Pirat war ein schmales Bürschlein, das seine zarte Statur schon in der Schule durch Raufereien wettzumachen versuchte. Als er mit seinem Vater, einem Gemüsehändler, Waren auf ein englisches Schiff brachte, seien beide vom Kapitän misshandelt worden, schreibt Kordac über die Gründe für Roberto Cofresís Hass auf die Herren. Viele Historiker sehen darin die Ursache für Cofresís spätere Raubzüge in der karibischen See.
Mit 27 Jahren steuerte er schon ein Korsarenschiff mit dem Freibeuterpatent des spanischen Gouverneurs von Puerto Rico. In dieser Zeit war es durchaus üblich, dass die Engländer staatlich sanktionierte Kaperschiffe auf Raubzug gegen die Spanier, Dänen, Franzosen und Holländer schickten. Und die Spanischen Könige großzügig Erlaubnis erteilten, Schiffe verfeindeter Nationen aufzulaufen – gegen Anteil an der Beute. Kurze Zeit später machte sich Cofresí selbstständig. Obwohl viele Großsegler nicht mehr so reichlich mit Gold beladen waren wie noch knapp hundert Jahre zuvor, als die Spanier die Raubschätze aus Lateinamerika auf die spanische Halbinsel brachten, versprachen sie doch gute Beute für Mitglieder der „Bruderschaft der Meere“, wie die Piraten auch genannt wurden.
Bald hatte sich Cofresí Feinde bei allen Kolonialmächten der Region gemacht. Sie übten immer stärkeren Druck auf die spanische Königin aus, dem „Seeraubritter“ endlich das Handwerk zu legen. Bei der Bevölkerung dagegen nahm mit jedem Raubzug die Bewunderung für Cofresí zu. Er beteiligte seine Mannschaft redlich an seiner Beute. Witwen und Waisen fanden in ihm einen Unterstützer, Arme erhielten Geldgeschenke. Er nahm den Reichen und gab den Armen – Roberto Cofresí wurde zum Mythos, der jeder Falle entkam, jede Finte kannte.
In den flachen Küstengewässern der Halbinsel Samaná foppte die schnelle Schaluppe Cofresís mehr als einmal die Verfolger. Wo der „schwarze Prinz“ nach gelungener Kaperfahrt auftauchte, war Party an‐ gesagt, schreiben die Gerichtsakten. Von Wein, Gesang und viel Weib berichten die Zeugen und Denunzianten. Und davon, dass er einen Teil seiner Beute in Höhlen und einsamen Buchten vergraben habe.
Ein spanisches Zielfahndungskommando wurde auf den Freibeuter angesetzt. Am 19. März 1825 tappte Cofresí mit seiner Mannschaft in einer Meerenge in eine Falle und wurde gefangen genommen. Zwar hatte die spanische Königin den Freibeuter‐Chef kurz zuvor wegen seiner Verdienste im Kampf gegen die Feinde Spaniens begnadigt und ihm ein neues Kaperpatent versprochen, doch die rettende Nachricht erreichte den Gouverneur der spanischen Kolonie in Puerto Rico nicht mehr rechtzeitig. Am 27. März 1825 um acht Uhr morgens wurden Roberto Cofresí und zehn Männer seiner Besatzung öffentlich vor dem Fort El Moro in San Juan erschossen.
Sein Mythos lebt weiter – auch weil moderne Glücksritter von den sagenhaften Schätzen angezogen werden, die Cofresí versteckt haben soll. „Er sei kein Einzelfall“, sagt der jüdische Journalist Ed Kritzler (67), der nach jahrzehntelanger Korrespondententätigkeit jetzt auf Jamaika lebt. „Ich habe viele Dokumente und Hinweise gefunden, dass Juden aktiv an den Kaperfahrten der Piraten beteiligt waren. Manche gaben Tipps, andere finanzierten die Beutezüge oder kommandierten Schiffe, die unter der Totenkopfflagge segelten.“ Viele hätten Abenteuer und Geld gesucht, sagt Kritzler, aber auch „Freiheit und Rache“ für die Vertreibung durch die spanischen Könige von der Iberischen Halbinsel.

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