Ultraorthodoxe

Risse in der Fassade

von Wladimir Struminski

Für Außenstehende nahm sich der Vorfall wie eine Art fromme Slapstickkomödie aus: Als der ultraorthodoxe Knessetabgeordnete Jaakow Litzman zu einer Familienfeier eine Synagoge im Jerusalemer Stadtteil Mea Schearim betrat, wurde er von An‐
wesenden angepöbelt, geschlagen und mit Kugel – dem berühmten jüdischen Nudelauflauf – beworfen. Die Ähnlichkeit mit fliegenden Sahnetorten ist aber rein äußerlich. In Wirklichkeit war der Kugelwurf Teil eines erbitterten innerorthodoxen Konflikts, der Israel in Atem hält.
Hintergrund des Streits sind die vor einem Monat abgehaltenen Jerusalemer Kommunalwahlen, bei denen sich die größte chassidische Gruppierung, die Gerer Chassidim, gegen den ultraorthodoxen Kandidaten Meir Porusch, seines Zeichens Belzer Chassid, gestellt und die Wahl des säkularen Nir Barkat zum Bürgermeister der Heiligen Stadt ermöglicht hatten. Grund für das Abweichlertum waren alte politische Rechnungen. Das haben Poruschs Anhänger den Gerern nicht vergeben. Aus Rache geriet Litzman, ein Gerer, ins Visier des Porusch‐Lagers. Der Überfall von Mea Schearim blieb nicht ohne Folgen: Einige Tage später wurde Poruschs Sohn von ultraorthodoxen Angreifern zu Boden geworfen und geschlagen – offenbar als Vergeltung für den Kugelwurf.
Streitigkeiten zwischen einzelnen chassidischen Gruppierungen sind nicht neu. Rivalitäten setzten in Ost‐ und Südosteuropa schon kurz nach der Gründung des Chassidismus vor zwei Jahrhunderten ein. Wessen Rebbe, der »Herr, Lehrer und Gebieter« denn größer sei, war eine Frage, über die Chassidim schon immer gern gestritten haben – bei mehreren Dutzend chassidischen Höfen, die es in Polen, der Ukraine, Ungarn und Rumänien gab, ließ sich darüber denn auch trefflich zanken. Im heutigen Israel geht es beim innerchassidischen Kräftemessen um weitaus mehr als um die angemessene Verehrung der Führungsrabbiner. »Die Streitigkeiten zwischen einzelnen chassidischen Strömungen sind komplex«, erklärt David Assaf, Professor für Jüdische Geschichte an der Universität Tel Aviv. Es gäbe theologische und ideologische Unterschiede. Manchmal bleiben die Differenzen Uneingeweihten verborgen, etwa wenn es um Nuancen des Gottesglaubens geht. In anderen Fällen sind sie offenkundiger. So lehnen die antizionistischen Satmarer den Staat Israel ab, während sich die Lubawitscher dem real existierenden Judenstaat gegenüber offen zeigen und die meisten anderen Höfe zwischen diesen beiden Polen angesiedelt sind.
Auf sozialer Ebene sind die Höfe weitgehend voneinander abgegrenzt. Die Zugehörigkeit zu den einzelnen Gruppen geht von Eltern auf Kinder und Kindeskinder über. Frontenwechsel sind selten. Unter dem Strich, so Assaf ähnelt die Mentalität der Höfe, denen in der Wolle gefärbter Fußball‐fans: Man hat seinen eigenen Verein und betrachtet die anderen nicht gerade mit ungeteilter Zuneigung.
Dann gibt es noch die Politik. Der Kampf um Geld und Macht prägt das Leben chassidischer Höfe nicht weniger als das anderer sozialer Gruppen. Wer einen der »eigenen Leute« als Bürgermeister einer der ul‐traorthodoxen Städte oder als Ratsmiglied durchsetzen kann, darf auf bessere Wohnungsbauprojekte, bevorzugte Schulstandorte und andere Privilegien hoffen. Wenn es sein muss, gehen die Chassidim – sie stellen die größte ultraorthodoxe Bevölkerungsgruppe dar – auch Bündnisse ein. Die älteste ultraorthodoxe Partei, die 1912 in Kattowitz gegründete Agudat Israel, ist eine Allianz chassidischer Höfe und bildet in der Knesset eine Gemeinschaftsfraktion mit der chassidismusfeindlichen Degel Ha‐Tora (Banner der Weisung) – dem politischen Arm der litauischen Strömung der Ultraorthodoxie. Im Parlament versuchen die Rivalen, gemeinsame Interessen durchzusetzen. Letztendlich geht es aber in der ultraorthodoxen Politik nach dem alten nahöstlichen Prinzip zu: »Ich kämpfe gegen meinen Bruder. Ich und mein Bruder kämpfen gegen unseren Cousin. Ich, mein Bruder und mein Cousin kämpfen gegen den Fremden.«
Normalerweise enden chassidische Machtkämpfe mit einer wenigstens vordergründigen Aussöhnung. Im Kampf zwischen Porusch und dem Gerer Rebben Jaakow Arie Alter ist es dazu bisher nicht ge‐ kommen.
Der Riss, den die Jerusalemer Wahlen verursacht haben, ist noch tief. Mitunter werden Gerer Chassidim von Angehörigen anderer Höfe boykottiert, bis hin zur Verweigerung einer Mitfahrgelegenheit. Ein Slonimer Chassid erklärte gegenüber der Zeitung Maariv, er würde seine Tochter lieber mit einem Laizisten als mit einem Gerer verheiraten – der Gipfel der Beleidigung. Der von Porusch zusammenge‐ schmiedeten Allianz, Schlomei Emunei Israel, gehört eine Reihe von Höfen an, darunter die von Belz, Slonim, Karlin und Sadigora. Sie fordern eine Neuordnung der Agudat Israel, die heute wesentlich von Ger geprägt wird. Noch ist nicht ausgemacht, ob solches Säbelrasseln die Gerer in die Knie zwingen soll oder aber das Vorspiel einer politischen Spaltung ist.

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