Man Ray

Revolutionär der Kamera

von Bettina Piper

Er war Maler, Zeichner, einfallsreicher Objektkünstler und Filmregisseur. Vor allem aber hat er die Fotografie revolutioniert: Man Ray, Star der Pariser Kulturszene der 20er-Jahre, der weltberühmte Bild-Ikonen geschaffen hat wie »Le Violon d’Ingres«, den Akt eines weiblichen Rü-ckens, auf den die Schalllöcher eines Violoncellos retuschiert sind. Oder »Noire et Blanche« aus dem Jahr 1936, eines der teuersten und begehrtesten Fotos der Welt, auf dem der Künstler das zarte Gesicht seiner Geliebten Kiki de Montparnasse ne-ben eine afrikanische Maske setzte. Jetzt widmet der Berliner Martin-Gropius-Bau bis zum 18. August dem vielseitigen Werk dieses Mannes eine umfangreiche Retro-spektive. Zu sehen sind 300 Exponate aus dem Man Ray Trust in New York, die in diesem Umfang noch nie zuvor öffentlich gezeigt worden sind.
Man Ray, eigentlich Emmanuel Rudnitzky, wird 1890 als Kind russisch-jüdischer Einwanderer in Philadelphia geboren. Sein Vater ist von Beruf Schneider. Der Junge muss ihm bei der Arbeit zur Hand gehen. So erlernt er früh den Umgang mit verschiedenen Materialien, der sich später in seinem künstlerischen Werk wiederfindet. Nach Besuch einer Kunstschule und kurzem Studium an der National Academy of Design in New York widmet sich der junge Mann zunächst Malerei und Architektur. Um seine ostjüdische Herkunft zu verschleiern – Antisemitismus war in den USA des beginnenden 20. Jahrhunderts kein Fremdwort –, gibt er sich ein angelsächsisches Pseudonym und signiert seit 1912 seine Arbeiten mit Man Ray.
Der Dadaist Marcel Duchamp lockt ihn 1921 nach Paris. Duchamp gehört zu den führenden Vertretern einer Kunstrichtung, die vor dem Hintergrund von Indus-trialisierung und Krieg in nie dagewesener Radikalität mit traditionellen ästhetischen Vorstellungen bricht. Die überlieferte bürgerliche Kultur wird lächerlich gemacht. Es ist die Geburtsstunde von Collage, Fotomontage und »ready-made«, bei dem vorgefundene Alltagsgegenstände auf einen Sockel gestellt und zur Kunst erklärt werden. Man Ray treibt diese Neuerungen intensiv voran. Zur Bewegung will er aber nicht gerechnet werden. Dafür ist ihm seine geistige Unabhängigkeit zu wichtig.
In Paris widmet sich Man Ray vor allem der Fotografie. Er wird so etwas wie der »offizielle« Fotograf der Surrealisten, macht Porträts von Pablo Picasso, Salvador Dalí, René Magritte, Luis Buñuel und vielen anderen Künstlern und Literaten. Sein Geld verdient er mit höchst erfolgreichen Modeaufnahmen für die renommierten Zeitschriften Vogue und Harper’s Bazaar. Doch er hadert mit der kommerziellen Fotografie und will auch als Lichtbildner vor allem Künstler sein. Er erprobt verschiedenste Kompositionsmöglichkeiten und fortschrittliche technische Verfahren, entdeckt die kameralose Fotografie und beginnt mit ersten Filmexperimenten.
1940 marschieren die Nazis in Paris ein. Man Ray muss fliehen und geht zurück in die USA. Nahezu sein gesamtes künstlerisches Werk bleibt in Frankreich. In Amerika ist er längst in Vergessenheit geraten. Er muss ganz von vorne anfangen und be- ginnt, wieder zu malen. Doch die erhoffte Anerkennung bleibt ihm versagt. In der US-Kunstszene ist der Pariser Star ein Nobody. Enttäuscht über die Ignoranz seiner Landsleute geht er nach Kriegsende 1950 erneut nach Frankreich, wo er 1976 stirbt.
Die Vielseitigkeit des experimentierfreudigen, multimedialen, humorvollen und letztlich unkategorisierbaren Künstlers Man Ray in allen Phasen seines Schaffens aufzuzeigen, ist Anliegen und Verdienst der Retrospektive. Dabei stellt sie die künstlerischen Arbeiten den Werkzeugen, Dokumenten, Gegenständen und Bildern gegenüber, aus denen Man Ray seine Inspiration schöpfte: Objekte aus dem Alltagsleben des Künstlers wie Spazierstock und Melone, Dinge aus den Regalen seines Fotostudios in Paris, die er für seine experimentellen Rayografien verwendete, private Briefe, Zeichnungen und Manuskripte, nicht zuletzt auch seine beachtliche Sammlung erotischer Fotografien. Zu den Neuentdeckungen der Schau zählt eine Serie von brillant kolorierten Polaroids und Farbdias aus den 50er- und frühen 60er-Jahren sowie eine Reihe von Aktaufnahmen, die viel Sinn für pornografische Detailansichten verraten und sogar heute noch kühn wirken. Auch werden zum ersten Mal sämtliche Filme gezeigt, die Man Ray je produziert oder an denen er mitgewirkt hat.
Dem Betrachter begegnet ein Künstler, den die Suche nach neuen Ausdrucksmitteln ein Leben lang umtrieb und der sich durch diese Suche ständig selbst erneuerte. Das geschah nicht immer freiwillig. »Unbekümmert, aber nicht gleichgültig« steht auf Man Rays Grabstein in Paris. So lautet auch der Titel der Berliner Ausstellung. Das klingt nach dem populären Klischee des leichtlebigen Künstlers. Tatsächlich war Man Ray ein Getriebener, ein ewiger Pendler zwischen den Kunst- und Lebenswelten, der sich immer wieder neu erfinden musste. Äußerliche Unruhe und Zerrissenheit spiegeln sich wider in den Brüchen seiner künstlerischen Arbeit. Die Beachtung, die Man Ray zu Lebzeiten als Auftragsfotograf entgegengebracht wurde, fand er als Künstler erst lange nach seinem Tod. Vielleicht hätte man sonst schon früher das Gesamtwerk dieses radikalen Erneuerers in einer umfassenden Ausstellung zu Gesicht bekommen.

www.gropiusbau.de

Zur Ausstellung ist ein Katalog im Nicolai-Verlag erschienen (Ausstellungsausgabe 29 Euro, Buchhandelspreis 39,90 Euro)

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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