Zivilschutzübung

Reine Übungssache

von Sabine Brandes

Es ist kurz vor halb acht, Dienstagmorgen. Langsam trudeln die ersten ein, mit dicken Ranzen auf den Schultern oder auf Rollen im Schlepptau. Die Erstklässler gehen noch fröhlich an der Hand von Mama oder Papa, die Großen aus der Fünften und Sechsten schlurfen betont lässig durch das Eingangstor. Ein ganz gewöhnlicher Morgen in der Itzchak‐Rabin‐Grundschule von Pardes Channa‐Karkur – wie es scheint. Und doch wird heute alles anders sein. Der Krieg ist da. Kämpfe in Gasa, blutige Fronten im Norden gegen die Hisbollah und Syrien, da‐
zu aufständische Araber im ganzen Land. Ein grausiges Szenario. Glücklicherweise ist es lediglich eine militärische Übung. Die umfassendste in Israels Geschichte.
Um neue Methoden des Zivilschutzes zu testen begann die Übung mit Namen „Wendepunkt 3“ bereits am vergangenen Sonntag und dauert bis zu diesem Donnerstag an. Am Dienstag ist die breite Öffentlichkeit mit einbezogen worden, seit dem frühen Morgen fahren Autos mit Megafonen durch jede Gemeinde und wecken die Be‐
wohner: „Heute wird eine Sirene zu hören sein, es handelt sich um eine Übung.“ Außerdem wird seit Tagen in Zeitungen, Radio und TV über das Megamanöver informiert. Punkt elf Uhr heult plötzlich der Alarm in einem „Auf‐Ab‐Ton“ durchs ganze Land, das Signal für einen Angriff.
Auch in der Klasse 3a ist die gellende Sirene nicht zu überhören. Obwohl Lehrerin Anat vorher alles genau erklärt, zucken die meisten zusammen, ein Mädchen beginnt zu weinen. „Es ist wichtig, den Kindern zu sagen, was geschieht, sie vorzubereiten, damit keine Traumata entstehen“, sagt die Pädagogin, während sie dem Mädchen die Tränen abwischt. Schnell ist die Ordnung hergestellt, immer zwei Schüler nehmen sich an den Händen und gehen zügigen Schrittes gemeinsam in das Lehrerzimmer, das gleichzeitig Schutzraum ist. Die Fenster sind mit Metallklappen verschlossen, und auch die Tür ist aus undurchlässigem Stahl. Drinnen flimmert nur noch Neonlicht, die Kinder sind auf einmal ungewöhnlich leise.
Zahllose Kampfjets donnerten in der vergangenen Woche ständig von Nord nach Süd und begannen damit die Tests der Luftwaffe, die denen der so genannten Heimatfront vorausgingen. Das Notfallhauptquartier der Regierung koordiniert die Maßnah‐
men, die von Major General Yair Golan und dem Leiter der Notfallbehörde im Verteidigungsministerium, General Zeev Tzuk, ge‐
leitet werden. Ziel von „Wendepunkt 3“ ist es, Notfallmaßnahmen zwischen Militär und Zivilisten durchzuspielen und dann besser abstimmen zu können.
Diesen Dienstag und Mittwoch wurden Kriegsszenarien in verschiedenen Regionen simuliert. In der nördlichen Großstadt Haifa etwa wendet man die Erfahrungen des letzten Libanonkrieges vom Sommer 2006 an und rettet Menschen nach diversen Raketenangriffen. Netanja teilt freiwillige Helfer für einen Großeinsatz ein und Rischon Lezion trainiert, wie man Einwohner im Notfall in unterirdischen Parkgaragen in Sicherheit bringt. Auch die Polizei ist mit dabei: Sie probiert sich im Bergen von Bewohnern hoher Gebäude, vornehmlich in und um Tel Aviv.
Doch auch Übungen sind in Israel nicht ohne Querelen über die Bühne zu bringen. Vor dem Auftakt hatten die Gemeinden im Süden und Norden, darunter Sderot und Kiriat Schmona, der Regierung schwere Vorwürfe gemacht, in Zeiten der Krisen nicht genug für sie getan zu haben, und drohten mit Boykott. Erst als Premier Benjamin Netanjahu ein Extrabudget für die Sicherheit der betreffenden Gemeinden versprach, lenkten die Bürgermeister ein und beteiligten sich an der Übung.
Auch an anderer Front musste der Regierungschef beruhigen. Einige Anrainer sehen „Wendepunkt 3“ lediglich als getarnte Vorbereitung für einen wahren Krieg mit den Nachbarn. „Dies ist eine Routineaktion um die Heimatfront für einen Notfall zu rüsten und hat nichts mit Geheimdienstinformationen zu tun“, betonte er. Verteidigungsminister Ehud Barak machte deutlich, dass diese Simulation jedes Jahr statt‐
finde. „Das gab es vor einem und vor zwei Jahren. Der Unterschied ist nur, dass es bei der Infanterie keinen Bedarf gibt, die Zivilbevölkerung einzubeziehen, bei einer Übung der Heimatfront aber schon.“
Miriam Hadary aus dem Kibbutz Gevat im Norden ist von den „Kriegsspielen“, wie sie es nennt, genervt. „Als ob wir nicht schon genug Anschläge, Mord und Totschlag bei uns hätten. Müssen wir das jetzt noch simulieren? Die Armee soll es für sich allein üben und uns Zivilisten in Ruhe lassen“, meint sie und fügt wütend hinzu, dass es eine Frechheit sei, ihr zu unterstellen, sie müsse probieren, den Weg zum Bunker zu finden. „Ich habe sechs Kriege hinter mir, die Schutzräume sind alle noch am selben Fleck. Ich weiß nun wahrlich, wo ich hin muss.“
Den Weg kennen nun auch die Schüler. Schon nach zehn Minuten ist für sie alles vorbei. Auch für die 3a. Mit einem ohrenbetäubenden Quietschen wird die Tür zum Lehrerzimmer‐Bunker wieder geöffnet, Sonnenlicht strömt herein. Lihi und Schira tuscheln, drei Jungs spielen Fangen und holen sich prompt eine Ermahnung ab. Es geht zurück in die Klasse. Mathe statt Krieg.

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