Irène Némirovsky

Reiche Juden, arme Juden

von Wolf Scheller

Mehr als 6o Jahre war Irène Némirovsky fast vergessen. Dabei hatte sie zu ihren Lebzeiten zu den Stars der Pariser Literaturszene gehört. Zwanzig Titel hatte die in Kiew geborene Bankierstochter veröffentlicht, bevor sie 1942 an die Deutschen ausgeliefert, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Wiederentdeckt wurde Némirovsky erst 2005, als ihre Tochter Denise Epstein ein nachgelassenes Manuskript entzifferte, das als »Suite fran-çaise« veröffentlicht und zur literarischen Sensation wurde. Das Buch beschreibt den Zerfall der französischen guten Gesellschaft nach dem Sieg der Deutschen 1940, ein Zerfall, den die Autorin selbst hautnah miterlebt hatte. Als Jüdin wurde sie nach der Besetzung Frankreichs in den Pariser Salons geschnitten und ausgegrenzt.
Um diese Zeit entstand Némirovskys Roman Die Hunde und die Wölfe. Er erzählt von der unglücklichen Liebe des armen russisch-jüdischen Mädchens Ada zu ihrem reichen Cousin Harry, eine folie à deux, die wegen der sozialen Unterschiede nicht anders als tragisch enden kann.
Die Schilderung beginnt im Milieu der jüdischen Unterschicht im Kiew der Jahrhundertwende. Dort wächst Ada, die Heldin des Buchs, in ärmlichen Verhältnissen auf. Schon als kleines Mädchen bewundert sie ihren reichen Cousin Harry Sinner. Dessen Familie, assimilierte ukrainische Juden, denen die Vermehrung von Geld und Wohlstand der wichtigste Sinn des Lebens zu sein scheint, zeichnet Némirovsky pointiert als raffgierige und skrupellose Naturen, Geldjuden, deren Habgier keine Grenzen kennt und die über Leichen gehen. Es ist ein Bild, wie man es sonst aus Filmen wie Jud Süß kennt, ein zentrales Motiv antijüdischer Ressentiments. Der französische Kollaborations-Schriftsteller Robert Brasillach, der nach Kriegsende von der Résistance füsiliert wurde, war von der Darstellung so angetan, dass er die Autorin in Rezensionen regelrecht feierte.
War Irène Némirovsky eine selbsthassende Jüdin? Eher nicht. Das bösartige Bild reicher Juden, das sie zeichnete, war Resultat eines gewissen Distanzierungsbedürfnisses, persönlich wie politisch. Sie stammte selbst aus einer wohlhabenden jüdischen Familie, die nach der russischen Oktoberrevolution in den Westen emigriert war, fühlte sich aber inzwischen der Linken nahe. Werte wie Solidarität und soziale Verantwortung prägten Irène Némirovskys Grundeinstellung. Nicht antisemitisch ist ihre Darstellung, sondern kapitalismuskritisch.
Zurück zur Handlung. Ada versucht sich als Künstlerin und geht mit ihrem Cousin Ben und ihrer Tante Raissa nach Paris, wo inzwischen auch Harry lebt, der eine Ban-kierstochter geheiratet hat. Seine Cousine nimmt er erst wahr, als er in einem Geschäft Gemälde von ihr entdeckt. Die Erinnerung an Kiew und an Gemeinsamkeiten ihrer Jugendjahre mündet in eine Beziehung ein, die sich nicht mehr an gesellschaftlichen Unterschieden orientiert und – so viel darf verraten werden – tragisch endet. Der Erzählton schwankt dabei zwischen romantisierender Gefühlszeichnung und sentimentalischen Sprachbildern, die mitunter hart in die Nähe von Kitsch geraten. Man muss das nicht geißeln. Dieser Ton entsprach damals dem Geschmack breiter Publikumskreise. Wenn es aber nicht um Liebesleid und Liebesglück geht, wenn Irène Némirovsky beispielsweise die untergehende Welt des Kiewer Judentums Anfang des 20. Jahrhunderts beschreibt, dann gelingen ihr kleine Glanzstücke.

irène némirovsky: die hunde und die wölfe
Übersetzt von Eva Moldenhauer
Knaus, München 2007, 256 S., 17,95 €

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