Tel Aviv

Regenbogen über Tel Aviv

von Sabine Brandes

Schöne Körper, grelle Outfits, fröhliche Ge‐
sichter: Im Monat Juni wird Tel Aviv ganz im Zeichen der Regenbogenflagge stehen. Im Rahmen der Feiern zum 100. Geburtstag der Stadt zelebrieren Schwule und Lesben ihre Lebenseinstellung und sich selbst in der Metropole am Mittelmeer. Unterstützung für die Feierlichkeiten kommt gleich von mehreren offiziellen Stellen: »Gay Pride« wird vom Außen‐ und Tourismusminis‐terium sowie der Stadtverwaltung gefördert. Dazu bietet die nationale Fluggesell‐
schaft EL AL spezielle Angebote, um homosexuelle Partylustige aus ganz Europa zu einem Kurztrip nach Israel zu locken.
Sogar auf der Datingsite für Schwule, Atraf, wird aufgefordert, homosexuelle Freunde aus Europa einzuladen. Das Paket umfasst den Flug ab einer europäischen Destination, aus Deutschland ab Frankfurt, München oder Berlin, sowie die Unterbringung in einem Hotel in der Stadtmitte, ab 250 Dollar pro Person.
Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass Tel Aviv in den vergangenen Jahren zu einer der heißesten Adressen weltweit avancierte. Die Tradition begann 1998 mit wenigen hundert Feiernden, mittlerweile kommen mehr als hunderttausend Teilnehmer jedes Jahr. Das ist auch den offiziellen Stellen nicht entgangen, die sich rechtzeitig zur Parade am 12. Juni in die Werbekampagne eingeklinkt haben.
Doch die direkte Bewerbung der homosexuellen Gemeinde ist sogar für Kenner der Szene recht ungewöhnlich. Itai Pinkas, ehemaliges Mitglied des Stadtrates und jetzt Leiter des GLBT‐Zentrums (Vereinigung für Schwule, Lesben, Bi‐ und Transsexuelle in Israel) in der Stadtverwaltung, bestätigt: »Es ist wirklich neu, aber exis‐
tiert ja tatsächlich, wie man überall im Internet sehen und buchen kann.« Einige wenige beklagten sich über die Werbung der Fluglinie, darunter der Tel Aviver Rabbiner Naftali Lobert, der mit den Worten zitiert wurde: »Es ist eine Schande. Wo EL AL sich sensibel gegenüber der ultraorthodoxen Gemeinde gezeigt hat, koscheres Essen serviert und nicht am Schabbat fliegt, sollten sie an so etwas nicht teilnehmen«. Ein EL AL‐Sprecher war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen, die Werbungen indes sprechen für sich. Pinkas erklärt, dass die homosexuellen Touristen vielversprechende Kunden seien und jede Menge Geld ins Land bringen.
Jetzt will auch das Außenministerium zeigen, dass Israel nicht nur heiliges, sondern auch weltoffenes Land sein kann: Es schickt eine offizielle Delegation nach Ko‐
penhagen, wo in diesem Jahr die »Out‐games« stattfinden, die olympischen Spiele der Homosexuellen. Um etwas israelisches Flair zum zehntägigen Festival mit nach Dänemark zu nehmen, soll in der Hauptstadt ein Stückchen Tel‐Aviv‐Strand nachgebaut werden. Komplett mit heimischer Musik, Falaffel und lokalen Filmen. Wahrscheinlich wird sogar Bürgermeister Ron Huldai vorbeischauen. Pinkas persönlich hat ihn eingeladen, »und er hat zugesagt«.
Dass die Ministerien trotz der religiösen Regierungsbeteiligung die Gay‐Pride‐Veranstaltungen derart offen unterstützen, wundert Pinkas nicht. »Hin und wieder gibt es Kritik von Religiösen, das stimmt. Aber wir sind ja hier in Tel Aviv, nicht in Jerusalem.« Das Außenministerium bestätigte die Unterstützung: »Wir wollen dazu beitragen, dass Israels liberales und modernes Antlitz bekannter wird.«
Mit in Tel Aviv dabei sein will auch Christian Thomas aus der Partnerstadt Köln. Er kennt Israel von einem Besuch und ist begeistert: »Es ist so jung und un‐
verbraucht, während andere Zielorte für Schwule sehr kommerziell geworden sind. Tel Aviv hat etwas von Miami, New York und Barcelona in einer einzigen überschaubaren Stadt mit kurzen Wegen. Dazu kommen natürlich Sonne und Strand.« Dem 36‐Jährigen scheint es, als sei alles im Auf‐
bruch und neu – für die einheimischen Jungs und Besucher gleichermaßen. »Au‐
ßerdem gibt es jeden Tag eine andere Party. Das hat selbst Köln nicht zu bieten.«
In der gesamten Stadt sind verschiedene Events geplant, Massenpicknick, Film‐
festival, Büchermesse und ein Hundesalon unter freiem Himmel, damit die Vierbeiner genauso schick aussehen wie Herrchen und Frauchen. Die Parade selbst werde größer und besser sein als je zuvor, versprechen die Organisatoren, darunter Stadtratsmitglied Yaniv Weitzmann, der eine Hoch‐
zeitszeremonie für mehrere schwule und lesbische Paare auf die Bühne bringen will. Schon Tradition hat das Ende am Gordon‐Strand, wo sich jedes Jahr Tausende im kühlen Nass des Mittelmeeres von der heißen Feierei abkühlen.

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