Brandenburg

Räubern und Tabakhändler

Bei der Neugründung des Landes Brandenburg im Oktober 1990 suchte man zwischen Elbe und Oder vergebens nach jüdischen Gemeinden. Bis zur Schoa war das freilich anders. Zur 850‐jährigen Geschichte der Mark Brandenburg gehört die großer jüdischer Gemeinden ebenso dazu wie das Wirken bedeutender jüdischer Persönlichkeiten. Eine von Irene Diekmann herausgegebene Dokumentation geht nun den verschütteten Spuren dieser bis ins 13. Jahrhundert zurückreichenden jüdischen Präsenz in der Mark nach.
Der Bogen spannt sich dabei auf den annähernd 700 Seiten von den mittelalterlichen Anfängen, über das Emanzipationsedikt von 1812, das Juden in Preußen zu „Einländern“ machte, bis zum Scheitern der deutsch‐jüdischen Symbiose. Es ist eine Geschichte, die immer wieder von Verfolgungen, Brüchen und Neuanfängen erzählt. Etwa von der Ausweisung der Juden aus der Mark 1573 und ihrer Wiederansiedlung 1671.
Der Band endet jedoch nicht mit der Schoa. Er zeigt auch die raue Wirklichkeit in der Zeit des postulierten Antifaschismus der SED, die die jüdische Gemeinschaft nach dem zaghaften Neuanfang 1945 zur Marginalie schrumpfen ließ. Und zugleich wirft er einen Blick in die Gegenwart, die dank Einwanderung russischsprachiger Juden neue Gemeinden hat entstehen lassen.
Die einzelnen Beiträge folgen allerdings keinem chronologischen Faden, sondern erzählen in 13 Ortskapiteln von jüdischem Leben in ausgewählten Städten und Dörfern. Man habe, so Diekmann bei der offiziellen Präsentation des Buches im Berliner Centrum Judaicum, vor allem das „un‐ spektakuläre“ Leben der Juden zeigen wollen. In der Tat bietet der Band einen anschaulichen Einblick nicht nur in die Entwicklung der einzelnen Synagogengemein‐ den, sondern auch in die jüdische Alltagswelt. Die Autoren haben Überlebende aufgespürt, mit Zeitzeugen gesprochen und neben neuen Archivquellen etliche Nachlässe ausgewertet. So stecken in den mit Fotos, Karten und Dokumenten versehenen Beiträgen viele bisher nirgendwo sonst erzählte Geschichten. Lobenswert ist in jedem Fall, dass jüdisches Leben in Orten gezeigt wird, die bisher in größeren Darstellungen meist aus dem Blick fielen. Wie etwa in den Gemeinden des Oderbruchs, in Beelitz oder Finsterwalde.
In 17 Essays werden anschließend übergreifende Aspekte beleuchtet. Etwa zum hebräischen Buchdruck im „Amsterdam des Ostens“, das Frankfurt an der Oder meint, oder zu den jüdischen Studenten an der dortigen Viadrina. Erzählt wird aber auch von jüdischen Räuberbanden und Tabakhändlern. Ein Beitrag begibt sich auf die Spur des jungen Moses Mendelssohn vom anhaltinischen Dessau nach Berlin. Zum Einstieg widmet sich ein Essay dem schwierigen Neuaufbau jüdischer Gemeinden im Land Brandenburg nach 1991.
Auf ein historisches Überblickskapitel wurde verzichtet, dafür findet sich im umfangreichen Anhang eine Zeittafel mit wichtigen Daten zur jüdischen Geschichte im Kontext der allgemeinen Entwicklung Brandenburg‐Preußens. Der Band bietet ein Kaleidoskop, in dem verschiedene Aspekte der jüdischen Geschichte in der Mark sichtbar werden. Carsten Dippel

irene diekmann (hg.): jüdisches brandenburg. geschichte und gegenwart
vbb, Berlin 2008, 688 S., 29,95 €

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