gesellschaft

Radikal pro Zion

Man sieht sie immer öfter: Israelfahnen auf linken De‐
mos. Man hört immer wieder von ihnen: den israelsolidarischen Linken. Im Internet treiben sie sich herum, in eigenen Zeitschriften und in solchen, in denen sie zu Wort gelassen werden, prägen sie innerlinke Debatten. Selbst dann, wenn keines ihrer Mitglieder an der Debatte teilnimmt. Und sie treiben nicht wenige Linke, aber auch manchen israelfreundlichen Konservativen zur Weißglut.

vielfalt Wer sind diese Leute? Zunächst sei der Verfassungsschutz beruhigt. Auch diese Linken wollen den Staat grundlegend verändern, wenn nicht gar umstürzen. Viele von ihnen pflegen ein affirmatives, wenn auch nicht unkritisches Verhältnis zum Staatskommunismus, in ihren WGs sieht man an den Wänden Bilder von Rotarmisten, die 1945 unter der Roten Fahne die Befreiung feiern. Einige fühlen sich dem autonomen Spektrum zugehörig, wollen Fabriken verstaatlichen und Banken enteignen. Andere wissen scharf zwischen verschiedenen Formen der Geschlechterunterdrückung zu scheiden, sie beschäftigen sich mit Gendertheorien und Psychoanalyse, analysieren Faschismus und Nazis‐ mus, hassen oder lieben Foucault, und das alles mit der Leidenschaft der Jugend oder der Beharrlichkeit des Alters. Kurzum: Sie benehmen sich wie andere mehr oder weniger radikale Linke auch. Und sie teilen mit diesen nicht nur das Outfit und viele Themen, nein, sie haben auch einige der klassisch linken Verkehrsformen übernommen. So spalten sich andauernd Gruppen und gründen sich andernorts neue, es wird munter ausgeschlossen und ausgegrenzt, beste Freundinnen und Freunde sind plötzlich erbitterte Feinde, und nicht selten wird der Konflikt öffentlich ausgetragen. So entstehen auch bei der israelsolidarischen Linken sektenartige Fraktionen und Dummköpfe, deren kindische Fixiertheit auf die eine Gruppe und die eine Publikation ihnen das letzte bisschen Verstand raubt. Soweit ist diese Strömung kaum von den hergebrachten linken Gruppen zu unterscheiden. Allein ihre Ansichten zu Israel und dessen Politik formieren sie. Denn wenngleich es auch hier Unterschiede gibt – die einen favorisieren den Likud und beobachten die israelische Friedensbewegung mit Skepsis, die anderen halten es eher umgekehrt –, in der grundsätzlichen Israelsolidarität ist man sich einig.

antideutsch Das hat historische Gründe. Man kann es an den Daten 1990, 1998 und 2001 festmachen. Kurz vor der drohenden »Wiedervereinigung« gründete sich in Westdeutschland eine Gruppe namens »Radikale Linke«. Zeitgleich fanden sich in der zu diesem Zeitpunkt noch existierenden DDR ebenfalls Skeptiker, die nicht nur den Zusammenschluss fürchteten, sondern ein dabei entstehendes Großdeutschland, das sofort wieder, dem deutschen Nationalkomplex gehorchend und der Aufsicht der Alliierten entronnen, versuchen werde, Großmachtpläne in die Tat umzusetzen. Die Ereignisse nach dem Oktober 1990 gaben diesen Menschen, die sich selbst als »Antideutsche« definierten, recht. Der deutsche Nationalismus erlebte eine neue Blüte, Ausländer wurden unter dem Beifall des Publikums gejagt und manchmal sogar ermordet, und auch über »den Juden« konnte der hässliche Deutsche nun wieder laut sagen, was er schon immer wusste. Auch in nicht rechtsradikalen Kreisen wurde die bisherige Staatsräson, die mehr als nur das »Exis‐tenzrecht« Israels für unhinterfragbar hielt, offen attackiert. Nicht nur ein Möllemann wagte plötzlich, das zu äußern, was seitdem »Israelkritik« heißt und Antisemitismus partout nicht sein will, und dennoch nahezu jede islamistische Gruppierung rechtfertigt, die Israel und »die Juden« vernichten will. Auch Konservative, Sozialdemokraten, Linke und Liberale äußerten ihre »Israelkritik« laut und versuchten so, die eigene Nation rein von der Schuld zu waschen. Wenn auch die Israelis einen »Holocaust am palästinensischen Volk« begingen, dann war die singuläre Tat der Nazis plötzlich nur noch als ein verzeihlicher historischer Irrweg von vielen zu werten. In dieses Ras‐
ter passte auch, dass Joschka Fischer 1998, zum Auftakt der neuen deutschen Kriegspolitik, die Geschehnisse im Kosovo ausgerechnet mit Auschwitz verglich.

11. september Als nach dem 11. September 2001 dann auch eine Unmenge vorher nicht verhaltensauffällig gewordener Menschen glauben wollte, »die Amerikaner«, »der Mossad« oder gleich »die Juden« hätten die Terrorakte gesteuert, war selbst dem letzten der Kritischen Theorie verpflichteten Skeptiker klar, dass man sich zu diesem Irrsinn zu verhalten hatte. Hinzu kamen die Bedrohung der Juden und des jüdischen Staates durch den Islamismus, die Zunahme antisemitischer Taten in West‐ und Osteuropa, und die Erkenntnis, dass Sexismus, Antikommunismus und moderner Antisemitismus eng miteinander verwoben sind. Spätestens seit 2001 ist die antideutsche, die israelsolidarische, die ideologiekritische – oder wie sich die einzelnen Grüppchen auch nennen mögen – Linke eine Bewegung geworden, die die anderen Linken extrem bewegt. In Diskussionen verbohrter Antiimperialisten darf das völkische Element nun nicht mehr fehlen, ein Großteil der Palästina‐Solidarität hat sich von ihrer humanistischen Maske befreit und paktiert mit dem mörderischen Mob, einige Traditionsmarxisten sehen nun im Nationalismus das Heil und erproben sich in Querfrontbildungen mit Rechtsradikalen. Ande‐ re haben gelernt, die Gegenüberstellung von bösem israelischen Panzer und gutem palästinensischen Steinewerfer zu hinterfragen, und begonnen, ihr politisches Umfeld zu kritisieren. Diese Letzteren beginnen die politische Bedeutung Israels zu verstehen. Auf sie kann man bauen.

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