Mikwe

Quelle der Kraft

von Rabbiner Yosef Y. Jacobson

Ein protestantischer Pfarrer, ein katholischer Priester und ein Rabbiner reden über Beerdigungen und erörtern folgende Frage: »Wenn du im Sarg liegst, und Freunde, Familie und Gemeindemitglieder stehen trauernd um dich herum, was würdest du sie am liebsten sagen hören?« Der protestantische Pfarrer sagt: »Ich würde gern hören, wie sie sagen, ich sei ein wunderbarer Ehemann, ein hervorragender geistiger Führer und ein guter Familienvater gewesen.« Der katholische Priester sagt: »Ich würde gern hören, was für ein wunderbarer Lehrer und treuer Diener Gottes ich war, der den Menschen Versöhnung und Liebe brachte.« Der Rabbiner antwortet: »Ich würde gern hören, wie sie sagen: ‚Guck mal, er bewegt sich!‘«
Die Tora erzählt in der Geschichte von Noach und der Flut von einer ganzen Ge‐
neration, die abhängig war von Verderbtheit und Promiskuität, von Gier und von Lügen. Es ist die Geschichte eines Volkes, in dem die Menschen Seele und Körper in einem Ausmaß zerstörten, dass sie unrettbar schienen. Dann wurden sie von einer kosmischen Flut überschwemmt – und das war das Geheimnis ihrer Gesundung.
Die Geschichte von der Flut, die eine durch und durch korrupte Welt vernichtete, ist natürlich eine der schmerzlichsten und schrecklichsten Geschichten in der ganzen Bibel. Dennoch gibt es einen faszinierenden Midrasch, der zu verstehen gibt, dass die Flut eine mächtige positive Energie verkörperte.
Es war einmal ein König, der baute einen herrlichen Palast und bevölkerte ihn mit stummen Menschen. Jeden Morgen wachten die Stummen auf und begrüßten den König. Da ihnen Worte versagt waren, um mit ihm in Verbindung zu treten, drückten sie ihre Dankbarkeit mit Hilfe der Körpersprache aus.
Einmal kam dem König ein Gedanke: Schade, dass diese netten Menschen nicht reden können. Hätten sie die Fähigkeit, mit Worten und hörbar zu kommunizieren, wäre das Band zwischen uns umso enger. Also bevölkerte er seinen Palast mit Menschen, die sprechen konnten. Nicht lange danach besetzten die neuen Einwohner den Palast und erklärten: »Dieser Palast gehört nicht dem König; dieses Schloss gehört uns.« Der König sagte: »Ach, würde mein Palast wieder zu dem werden, was er früher war: ein Zuhause für die Stummen.«
Der Midrasch erzählt diese bewegende Geschichte, um zu erklären, warum G‐tt die Welt einer gigantischen Flut auslieferte. »Als das Universum geschaffen wurde, war das ganze Universum von Wasser be‐
deckt. Das Wasser sang Hymnen auf den Schöpfer. Daher schrieb der Psalmist: »Das Tosen vieler Wasser, die Brandung des Meeres rufen: Mächtig ist der Herr in der Höhe.«
G‐tt sprach: Wenn sogar die Wasser, die keinen Mund haben, erfüllt sind von meinem Lobgesang, um wie vieles mehr wäre das der Fall, wenn ich sprechende Wesen schaffen würde. Also sprach G‐tt: »Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde.« Doch dann erhob sich die Menschheit und erklärte Ihm den Krieg. Also sprach G‐tt: Lass meine Welt von ihren ursprünglichen Einwohnern bevölkert sein. Daher sagt der Vers: »Der Regen ergoss sich 40 Tage und 40 Nächte auf die Erde.« Als die Flut die Erde verschlang, er‐
reichte die Welt einen geistigen Zenit, ähnlich ihrem erhabenen Zustand am Beginn der Schöpfung.
Das Gleiche gilt für das Leben eines jeden von uns. Anfangs lebten wir im Wasser. Als winzige Menschlein schwammen wir monatelang in einer mit Fruchtwasser gefüllten Blase in der Gebärmutter unserer Mutter. Während dieser Lebensphase waren wir stumm und unschuldig. Keine Masken, keine Fassaden, keine Falschheit. Instinktiv erkannten wir G‐tt und verbanden uns Ihm auf reale, einfache und leidenschaftliche Weise.
Dann kommt der Tag, an dem das Gebot ausgesprochen wird: »Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde.« Der Fötus verlässt die warme, geschützte Gebärmutter und betritt ein trockenes und verdorrtes Land. Obwohl er die Gelegenheit erhält, seine Persönlichkeit zu ent‐
wickeln, seine Potenzial voll auszuschöpfen und G‐tt auf eine tiefere, intelligentere und anspruchsvollere Weise zu entdecken, geschieht es so oft, dass der Mensch versucht, den Palast zu besetzen und die Exis‐tenz des Königs zu leugnen.
Infolge unserer eigenen Irrtümer oder aufgrund von Fehlern der Menschen um uns verlieren wir, wenn wir älter werden, oft den Kontakt zu dem heiligen »stummen« Säugling, der wir einmal waren. Er‐
füllt von ehrgeizigen Ansprüchen, kappen wir die Verbindung zu unserer inneren göttlichen Würde, unserer schlichten Hu‐
manität und unserem spirituellen Kern.
Das ist die dann die Zeit, in der Flut zu ertrinken. Zurückzukehren in die Zeit, als du in der Gebärmutter umgeben warst von Wasser. Zurückzukehren zu jenem un‐
schuldigen Ort in dir, der seit den Tagen, als du im warmen Fruchtwasser schwammst, unberührt geblieben ist. Jeder von uns be‐
wahrt einen heiligen Ort, zu dem keiner Zugang hat – außer ihm selbst und G‐tt. Der Teil in dir, der noch immer rein ist, so wie er war, als du im Leib deiner Mutter warst.
Jeder Mensch verfügt in seinem Inneren über ein Reservoir an spiritueller Un‐
schuld und tiefer Liebe, das, was der Sohar als »inneres Kind« beschreibt. Auch wenn es brachliegt, auch wenn es viele Jahre unterdrückt wird, letzten Endes können wir alle darauf zurückgreifen und mit seiner Hilfe die pure Lebensfreude, die der natürliche Besitz jedes Menschen ist, zurückgewinnen. Wenn in deinem Leben die Korruption die Oberhand gewonnen hat, ist es Zeit, sich wieder ins Wasser zu begeben.
Das ist der Grund, weshalb Moses Mo‐
sche genannt wurde, was »aus dem Wasser gezogen« bedeutet. Was diesen großartigen Menschen, der der Welt das Geschenk der Tora gab, ausmacht, ist die Tatsache, dass er niemals den Kontakt zu der wasserähnlichen Unversehrtheit und Lebensbejahung, die dem Wasser gleicht und dem menschlichen Geist immanent ist, verloren hat.
Auch wenn es hart auf hart kommt, kannst du immer an den Ort des »Moses« zurückkehren. Dort wirst du dein wahres »Ich« entdecken, das Ich, das auf natürliche Weise glücklich, heiter, liebend und zuversichtlich ist.
Dies ist auch das Geheimnis der Mikwe – des Beckens mit natürlichem Wasser, in das eine jüdische Frau eintaucht, bevor sie zum ersten Mal nach dem Monatszyklus eine intime Begegnung hat, und in das einige jüdische Männer täglich, monatlich oder jährlich eintauchen. Wenn wir in die Mikwe eintreten, kehren wir zum heiligen Ort unseres innersten Wesens zurück, bevor es von der umgebenden Welt beschädigt wurde. Wir nehmen unsere angeborene Würde als Reflektion G‐ttes wieder in Besitz. Wenn wir aus der Mikwe kommen, können wir auf dem Trockenen unser Leben wieder mit der Klarheit, Bejahung und Intaktheit leben, die unser dem Wasser gleichendes Wesen uns eingeflößt hat.

Der Autor ist Chefredakteur von »The Algemeiner Journal«, New York. Am 30. November (14 Uhr) ist er Gastredner bei der Eröffnung der Mikwe im Jüdischen Bildungszen‐ trum, Münstersche Straße 6, Berlin.

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