Münchner Schoa-Opfer

Puzzlearbeit des Erinnerns

von Miryam Gümbel

Im Gang der Erinnerung, der Synagoge und Hauptbau des Jüdischen Zentrums am Jakobsplatz miteinander verbindet, sind die Namen der Münchner Schoa‐Opfer eingeschrieben. Sie wurden mit Hilfe des Münchner Stadtarchivs ermittelt.
Wie sie Historiker in langer Forschungsarbeit zusammentrugen, das beschrieb Andreas Heusler in einem Vortrag im Münchner Stadtarchiv. »Quellen jüdischer Ge‐ schichte« hatte der Historiker diese Veranstaltung ganz unspektakulär angekündigt. Was der auf Zeitgeschichte und jüdische Geschichte spezialisierte Historiker den Besuchern aufzeigte, war eine Kurzführung durch die Archivbestände und ein Kompaktsemester über die Möglichkeiten für Recherche und Forschung zugleich.
Zunächst erlaubte Heusler den Besuchern einen Blick in das »Allerheiligste« der Archivräume an der Winzererstraße, ins Depot – zumindest anhand von Fotos. Dann erklärte er, warum es gar nicht so einfach ist, die Geschichte der Münchner Juden zu erforschen: Es gibt kein spezielles Archiv, in dem alle Unterlagen zu finden sind. Quellen, die die Kultusgemeinde selbst besessen hat, sind – soweit sie durch die NS‐Zeit gerettet werden konnten – beim Brandanschlag auf das Gemeindehaus in der Reichenbachstraße 1970 vernichtet worden.
Zusammensuchen müssen die Forscher ihre Quellen in verschiedenen Archiven: städtische Dokumente im Stadtarchiv, andere in den Archiven der Industrie‐ und Handelskammer, im Hauptstaatsarchiv, aber auch in Archiven in Washington oder in Jerusalem. Was die Namen im Erinnerungsgang und in dem von Heusler erarbeiteten Biographischen Gedenkbuch der Münchner Juden anbelangt, ist das Stadtarchiv die ideale Quelle. Denn hier sind die Historiker auf Fotos der ermordeten Juden gestoßen. Heusler zeigte die Kopie einer »Kennkarte«, Vorläufer des Personalausweises, von Bernd Rosenbaum. Später zeigte er in kleinem Kreis die gesamte Kartothek, die alle jüdischen Bürger umfasst, die Ende der 30er‐Jahre in München lebten. Deutlich sichtbar war dabei das »J« für Jude. Dieses war, wie Heusler erklärte, nicht einfach aufgestempelt. Die Vorlagen waren bereits so gedruckt worden.
Neben diesen »Kennkarten« sind in der Winzererstraße auch Meldebögenunterlagen der städtischen Behörden archiviert. Sie enthalten weit mehr biografische Angaben als die Kennkarte, zum Beispiel Adressenwechsel, Kinder, Eheschließungen, Religionszugehörigkeit und zusätzliche Bemerkungen der Behörde. Bei allen interessanten Details haben diese Karten ein Handicap für den Forscher: Sie unterliegen heute zum Teil noch dem Datenschutz. Im Fall von Bernd Rosenbaum etwa ist auf dieser Karteikarte die Adresse Hohenzollernstraße vermerkt – bis zum 11. November 1938. Ihm gelang es, zunächst nach London und dann 1939 in die USA zu emigrieren.
Dieser Kontakt zu Zeitzeugen spielt neben der Dokumentenrecherche eine wichtige Rolle. Auf diese Weise sind zahlreiche wertvolle Unterlagen aus Familienbesitz ins Stadtarchiv gekommen. Einer der wichtigsten Nachlässe, die das Stadtarchiv seit Ende der 80er‐Jahre besitzt, ist derjenige von Hans Lamm, des langjährigen Präsidenten der IKG München. Besonders berührte die Besucher ein Brief aus dem Jahr 1933, in dem der damals 20‐jährige Publizist und Autor seinen Jugendfreund Fritz Rosenthal, der sich später Schalom Ben‐Chorin nannte, um Vermittlung für den Abdruck eines Textes bat.
Mitunter sind es aber auch nur einzelne Dokumente, die ins Archiv gelangen. Etwa ein Abschiedsbrief der beiden Münchnerinnen Karla Adler und Lisl Balbier. Geschrieben haben sie ihn – die Deportation ins Ungewisse vor Augen – im November 1941 an eine nichtjüdische Münchner Freun‐ din. »Wenn es geht, lassen wir von uns hören«, lautete der letzte Satz. Wenige Tage später waren sie tot, ermordet im litauischen Kaunas, wohin sie zusammen mit tausend Münchner Juden deportiert worden waren. Die Adressatin hatte den Brief, den sie über all die Jahre aufbewahrt hatte, in den 70er‐Jahren dem damaligen Oberbürgermeister Hans‐Jochen Vogel anvertraut.
Ein anderes bedeutendes Geschenk ist ein Fotoalbum. Es stammt von Charlotte Haas. Die Tochter des renommierten Chirurgen Alfred Haas, der 1912 die bekannte Münchner Haas‐Klinik gegründet hatte, lebt in New York. Noch heute kommt die inzwischen 95‐Jährige jedes Jahr nach München. Dem Historiker Andreas Heusler hat sie bei einem dieser Besuche das Album für das Stadtarchiv übergeben.
Zu den Einzelthemen, die aus den Beständen des Stadtarchivs bearbeitet werden können, gehört auch das Thema jüdischer Religionsunterricht. Was seit vielen Jahren von Abiturienten ganz selbstverständlich als Schwerpunktfach gewählt wird, war vor hundert Jahren noch nicht gang und gäbe. So findet sich im »Schulamtsbestand« des Archivs ein Schreiben des damaligen »Rabbinatsassistenten« Leo Baerwald, der 1911 an einer staatlichen Schule für jüdische Schüler Religionsunterricht gab. Der spätere Münchner Gemeinderabbiner emigrierte im März 1940 in die USA.
Der Vortrag im Stadtarchiv machte deutlich, dass in den Magazinen der Archive gerade zum Thema jüdische Geschichte und Alltagsleben noch so mancher Schatz zu heben ist.

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