Spritkosten

Purer Luxus

von Sabine Brandes

Schaul Anger ist sauer. Immer wieder drückt er auf die Hupe, um seinem Unmut so richtig Luft zu machen. »Aber bewirken wird das eh nichts«, meint er resigniert, »weil die da oben taub sind«. Anger steht mit seinem weißen Subaru inmitten eines riesigen Staus auf der achtspurigen Tel Aviver Stadtautobahn Ayalon. Was an einem gewöhnlichen Donnerstag normaler Feierabendverkehr wäre, ist heute geplante Aktion. Alles um ihn herum hupt: Busse, Lastwagen, Taxis. Auch der 54‐Jährige ist von Beruf Taxifahrer. Gemeinsam mit Hunderten seiner Kollegen blockiert er die Straße, um gegen die explodierenden Benzinpreise zu demonstrieren. »Wir stehen hier, weil wir gegen das Nichtstun unserer Regierung aufbegehren wollen. Diese Preise bedrohen unsere Existenz. So geht es nicht weiter.« Lange genug hätten sie still‐ gehalten, jetzt sei Schluss damit.
»Dies ist eine Demonstration der gesamten Öffentlichkeit«, erklärte der Vorsitzende der Transportvereinigung Israels, Gabi Ben‐Harusch, vor dem Protest. »Denn wir alle werden für diese Preissteigerungen zahlen. Ob an den Tankstellen oder im Supermarkt. Die Regierung jedoch ist im Hinblick auf die globale Krise begriffsstutzig und unfähig.« Als der Finanzminister Roni Bar‐On vergangene Woche verkündete, die Steuer auf Sprit nicht zu senken, rief die Vereinigung zum Protest auf.
Der weltweite Trend macht auch vor dem Heiligen Land nicht halt. In den vergangenen Wochen sind die Ziffern an den Zapfsäulen rasant in die Höhe geschnellt. Wo kürzlich noch eine Fünf vor dem Komma stand, muss der Autofahrer heute schon 6,60 oder sogar 6,70 Schekel (umgerechnet 1,27 / 1,29 Euro) pro Liter berappen.
Im Vergleich zu deutschen Preisen mag das wie ein Schnäppchen anmuten, doch bedenkt man, dass israelische Löhne im Schnitt etwa die Hälfte der westeuropäischen betragen, sind diese Zahlen äußerst schmerzhaft. Als Beispiel: 1999 betrug die Dieselsteuer neun Prozent des Literpreises, heute sind es 40. Der Preis für Diesel ist innerhalb von sechs Jahren um 460 Prozent gestiegen.
Unumgängliche Folge des steigenden Ölpreises sind teure Lebensmittel. Israelis bekommen das tagtäglich in ihrem Supermarkt um die Ecke zu spüren. Wo der Li‐
ter Milch jüngst noch für fünf Schekel zu haben war, muss man nun sieben bezahlen. Reis kostet 65 Prozent mehr. Preise für Joghurts, Käse, Süßwaren und andere Lebensmittel waren hierzulande schon immer relativ hoch – sowohl im Vergleich zu deutschen Preisen wie zu israelischen Einkommen. Discounter wie Aldi oder Lidl gibt es nicht, einzig Obst und Gemüse, das hier angebaut wird, ist günstig. Doch auch bei den Letzteren sind die Kosten für die Ernte in die Höhe geschnellt, was prompt an den Endverbraucher weitergegeben wird. Tomaten beispielsweise sind kaum mehr unter 1,20 Euro pro Kilo zu haben.
Ein Teil des Problems ist Israels immense Abhängigkeit von Importen. Das Land führt mehr als 90 Prozent an Getreide ein, bis zu 80 Prozent an Fisch und Fleisch und mehr als die Hälfte der verbrauchten Hülsenfrüchte und Nüsse.
Nachdem der Absatz von Reis um 100 Prozent gestiegen war, begrenzte die Supermarktkette »Super Sal« den Verkauf zeitweilig auf zwei Pakete pro Kunden. »Wir wollen vermeiden, dass Händler günstig bei Ketten einkaufen und dann das Produkt teuer an die Endverbraucher weiterverkaufen«, lautete die Presseerklärung. Zusätzlich zu den höheren Preisen bei Hunderten von Produkten im vergangenen Jahr werden jetzt Steigerungen bei Kaffee von bis zu 8,5 Prozent, bei Süßwaren von fünf Prozent und sogar beim subventionierten Brot von bis zu 15 Prozent erwartet. Auch in Restaurants wird es teurer. Nur die Hotels versuchen mit Senkungen von bis zu zehn Prozent in der schon angelaufenen Sommersaison Kunden anzulocken.
Ron Leipmann, alleinerziehender Vater einer 15‐jährigen Tochter, lebt im Zentrum von Tel Aviv. Monatlich hat er 8.000 Schekel netto zur Verfügung (umgerechnet et‐
wa 1.500 Euro). Für seine Wohnung zahlt er 3.300 Schekel plus Kosten für Strom, Gas, Wasser, lokale Steuer und Versicherungen. Die Miete ist im vergangenen Jahr um fast 80 Euro gestiegen. Eigentlich ge‐
hört der Lehrbeauftragte an einem privaten College nicht zu den Wenigverdienern. Mit dem Geld, das er für seinen Zweipersonenhaushalt hat, müssen oft mehrköpfige Familien auskommen. Und doch muss Leipmann den Gürtel enger schnallen.
»Nach allen Fixkosten habe ich weniger als 3.000 Schekel (570 Euro) zur Verfügung. Das geht alles komplett für Essen und Sprit drauf. Am Ende des Monats ist das Portemonnaie leer.« Er versucht zu sparen, wo es nur geht. »Ich gehe weniger aus, wir essen kaum noch in Restaurants. Aber ich will meiner Tochter nicht sagen, jetzt gibt es keine Schokolade mehr, oder ich fahre dich nicht mehr zu Freunden. So aber geht es finanziell nicht weiter.« Wie die Preise steigen, so wächst Leipmanns Minus auf dem Konto.
Da er in Tel Aviv wohnt aber in Rischon Lezion arbeitet, ist er auf das Auto angewiesen. Züge fahren nicht, nimmt er den Bus, verlängert sich seine Fahrtzeit von einer halben auf eineinhalb Stunden. Für innerstädtische Touren aber holt der 42‐Jährige immer häufiger das Fahrrad aus dem Keller. Gerade hat er sich einen Korb für den Gepäckträger gekauft, um die Einkäufe vom Markt transportieren zu können. Auch wenn es finanzielle Einbußen gibt, Leipmann sieht definitiv Positives an der Krise: »Es ist gut, dass sich die Israelis langsam um Alternativen bemühen. Etwas mehr Abstand zum Auto und weg vom sinnlosen Konsumieren um jeden Preis.«

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