Auszeichnungen

Preisträger vom Dienst

von Michael Wuliger

Amos Oz erhält den erstmals ausgelobten Stefan‐Heym‐Preis der Stadt Chemnitz, meldete Ende Dezember dpa. Oz sei „ein international renommierter Schriftsteller und Publizist, der sich zeitkritisch und couragiert als Persönlichkeit einmischt“, zitierte die Agentur die Jury.
Dem wird niemand widersprechen wollen. Zumal Oz als preiswürdiger Autor bestens ausgewiesen ist: 1992 erhielt er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, 1998 den Israel‐Preis für Literatur, 2002 die Tübinger Poetik‐Dozentur, 2003 den Friedenspreis der Geschwister‐ Korn‐und‐Gerstenmann‐Stiftung, 2004 den Preis des Senders France Culture für ausländische Literatur sowie den „Welt“-Literaturpreis, 2005 den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main und den Wingate Literary Prize, 2006 den Corine‐Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten, 2007 den Prinz‐von‐Asturien‐Preis sowie den Literatur‐im‐Nebel‐Preis der österreichischen Stadt Heidenreichstein.
Jeden dieser Preise hat Amos Oz verdient. Der Verfasser von 18 Büchern, die in 37 Sprachen übersetzt wurden, ist ein vielseitiger, exzellenter Autor, der zudem – was unter Belletristen eher selten ist – in seinen zahlreichen Essays politisch klug zu analysieren weiß. Auch ein angenehmer Mensch soll Oz dem Vernehmen nach sein. Aber wurde er deshalb für die vielen Auszeichnungen auserkoren?
Für etliche wahrscheinlich schon, vor allem für die ersten. Danach jedoch hat mutmaßlich gegriffen, was Ökonomen als „Bandwagon“- oder Mitläufereffekt bezeichnen: ein Nachfrageverhalten, bei dem ein Haushalt umso mehr von einem Gut kauft, je größer die Menge ist, die andere Haushalte von dem gleichen Gut kaufen; man glaubt, der Kauf durch die anderen sei ein Indiz für die Qualität des Produkts. Das funktioniert bei Kulturpreisen nicht anders als bei Telekom‐Aktien, IPods oder Designerjeans.
Eine Rolle spielt wahrscheinlich auch die Risikoscheu von Preisverleihern. Wer anderswo bereits prämierte Künstler auszeichnet, muss nicht befürchten, dass dunkle Stellen in Leben und Werk des Bepreisten ans Licht kommen; gäbe es sie, wären sie schon zu früherer Gelegenheit enthüllt worden. Wie es in der Persilwerbung einst hieß: Da weiß man, was man hat!
Dieses Phänomen gilt generell für alle Auszeichnungen, gleich, welcher Nationalität Ausschreiber und Empfänger sind. Bei Amos Oz fällt es auf, weil er das Pech hat, Israeli zu sein. Israel hat gerade sieben Millionen Einwohner und – bei aller jüdischen Genialität – nicht so viele Künstler von Rang. Die Zahl der potenziellen Preisträger und die Menge der Variationsmöglichkeiten zwischen ihnen sind wesentlich geringer als bei Deutschen, Franzosen oder Amerikanern. Bei denen trifft’s zwar, schaut man genauer hin, auch immer dieselben, jedoch in Abständen von ein paar Jahren. Bei Is‐raelis wie Oz passiert es einmal im Jahr, manchmal sogar gleich zweimal.
Anderen sogar noch öfter. Daniel Barenboim erhielt 2004 gleich vier Auszeichnungen: den Haviva‐Raik‐Friedenspreis, die Buber‐Rosenzweig‐Medaille, den israelischen Wolf‐Preis und den Paul‐Hindemith‐Preis der Stadt Hanau. Der Pianist und Dirigent gehört zu den Rekordhaltern im Preiswesen. Er hat so gut wie jeden Musikpreis, den es weltweit zu vergeben gibt, abgeräumt, darunter sieben Grammys. Dazu kommen zahlreiche politischen Ehrungen: 2002 der Prinz‐von‐Asturien‐Preis, 2006 der Hessische Friedenspreis und der Friedenspreis der Geschwister‐Korn‐und‐Gerstenmann‐Stiftung, 2007 die Goethemedaille des Goethe‐Instituts sowie aus der Hand von UNO‐Generalsekretär Ban Ki Moon der Titel eines Friedensbotschafters der Vereinten Nationen.
Kritiker von Barenboim und Amos Oz, denen die distanzierte Haltung der beiden zur offiziellen israelischen Sicherheitspolitik missfällt, unterstellen gelegentlich, sie würden mit solchen Preisen als jüdische Kronzeugen gegen den jüdischen Staat geehrt. Diese Rolle besetzt jedoch bereits ein anderer: Uri Avnery. Der israelische Journalist und Friedensaktivist erhielt 1995 den Erich‐Maria‐Remarque‐Friedenspreis der Stadt Osna‐brück, 1997 den Aachener Friedenspreis und den Bruno‐Kreisky‐Preis für Menschenrechte, 2001 den Alternativen Nobelpreis, 2002 den Carl‐von‐Ossietzky‐Preis für Zeitgeschichte und Politik der Stadt Oldenburg und 2003 den Lew‐Kopelew‐Preis. Damit liegt Avnery um zwei Auszeichnungen vor einer anderen jüdischen Kritikerin Israels, der Anwältin und Autorin Felicia Langer (Alternativer Nobelpreis 1990, Bruno‐Kreisky‐Preis 1991, Erich‐Mühsam‐Preis 2005, Menschenrechtspreis der Gesellschaft für Bürgerrechte und Menschenwürde 2006).
Neu zur Riege der jüdischen Multikulturpreisträger hinzugestoßen ist 2007 Henryk M. Broder. Lange Jahre abstinent, sieht man einmal vom Schubart‐Literaturpreis der Stadt Aalen 2005 ab, hat der Berliner Publizist es im vergangenen Jahr richtig krachen lassen: „Goldener Prometheus“ als Onlinejournalist des Jahres im Januar, Ludwig‐Börne‐Preis im Juni und zum krönenden Abschluss „Kulturjournalist des Jahres“ im Dezember. Es werden nicht Broders letzte Auszeichnungen gewesen sein.

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