Antisemitismus

Polens Profiteure

von Gabrielle Lesser

Antisemitismus ist in Polen ein heikles Thema. Glaubt man den Erklärungen der Politiker, gibt es ihn gar nicht. Daß Abgeordnete in ihrer Freizeit schon mal den Arm zum Hitlergruß strecken, Zeitungsverkäufer auch antisemitische Postillen anbieten und Richter regelmäßig Antisemiten freisprechen, weil deren Taten von »gesellschaftlich geringem Schaden« seien, ist in Polen ebenso »normal« wie Treffen von Rechtsradikalen in katholischen Kirchen. Probleme haben in Polen denn auch nicht die Antisemiten, sondern jene, die vom Antisemitismus sprechen wollen. Solch »Unperson« ist Jan Tomasz Gross. Vor sechs Jahren löste sein Buch Nachbarn. Der Mord an den Juden in Jedwabne die größte Debatte zum polnisch-jüdischen Verhältnis seit dem Zweiten Weltkrieg aus. Das Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) untersuchte das Verbrechen vom Juli 1941 von neuem und kam zu dem Ergebnis, daß es nach dem Überfall der Nazis auf die ehemals sowjetisch besetzten Gebiete Polens zu rund 60 Pogromen und Übergriffen von Polen auf Juden gekommen war. Umfragen zufolge führte die fast zwei Jahre dauernde Debatte zu einem ambivalenten Ergebnis: einerseits beschäftigen sich heute viele Polen kritischer mit ihrer Geschichte. Andererseits gibt es mehr offene Antisemiten.
Nun hat Gross sein neues Buch vorgelegt. Fear heißt es, Angst. Antisemitismus in Polen nach Auschwitz. Eine historische Interpretation.» Warum, fragt sich der amerikanisch-polnische Autor, flammte der Antisemitismus nach Kriegsende erneut auf, obwohl die Polen Zeugen des Massenmordes an den europäischen Juden geworden waren? Wie konnte es zum größten Pogrom der Nachkriegszeit in Europa kommen, als am 4. Juli 1946 christliche Polen in Kielce mehr als vierzig Schoa-Überlebende töteten? Warum fürchteten sich viele polnische Retter auch nach 1945, sich zu ihrer Hilfe für verfolgte Juden zu bekennen?
Noch ist das Buch des polnisch-jüdisch-amerikanischen Autors nur in den USA erschienen. Kaum jemand in Polen hat es gelesen. Doch das Urteil scheint bereits fest- zustehen. «Neue Fälschungen von Gross» überschreibt der katholisch-antisemitische «Nasz Dziennik» (Unser Tagbatt) die Artikelserie von Jerzy Robert Nowaks über Gross’ neues Buch. Der umtriebige Professor aus Tschenstochau hatte schon zum Erscheinen des Buches Nachbarn eine wöchentliche Serie über die «Hundert Lügen des Jan Tomasz Gross’ in Polens größter katholischer Zeitung, dem »Niedziela« (Sonntag) veröffentlicht. Die vom »Nasz Dziennik«, dem derzeitigen Quasi-Regierungs- blatt Polens immer wieder erhobene Forderung, kritischen Forschern das Handwerk zu legen, wollen Parlament und Regierung nun nachkommen. So sieht Artikel 55a im neuen Gesetz über das Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) eine erhebliche Einschränkung der Forschung zur Geschichte Polens vor. Sollte das Gesetz ratifiziert werden, kann demnächst jeder, der »öffentlich die polnische Nation der Teilnahme, Organisation oder Verantwortung für kommunistische oder nationalsozialistische Verbrechen bezichtigt, mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren bestraft werden.« In der liberalen »Gazeta Wyborcza« warnte der Zeithistoriker Dariusz Stola vor einer neuen Zensur und verwies insbesondere auf die Arbeiten von Gross. Bei entsprechend böswilliger Interpretation des Gesetzes, so Stola, müßte Gross für die Publikation seiner Bücher in Polen demnächst ins Gefängnis wandern.
Die Fakten in Gross’ Buch sind gut dokumentiert und nicht neu. Kaum einer der Rezensenten bestreitet sie. Neu jedoch ist die Interpretation und ungewohnt für polnische Leser auch der Stil. Es fehlt das vorsichtige Abwägen des Wissenschaftlers. Die Thesen sind genau durchdacht und scharf formuliert. Das macht das Buch spannend, provoziert aber auch Widerspruch. Stimmt die Hauptthese von Gross tatsächlich, daß der Nachkriegsantisemitismus Polens durch das Schuldgefühl vieler Polen erklärt werden kann, vom Holocaust wirtschaftlich profitiert zu haben? Waren die Polen einverstanden mit dem Raubmord an den Juden, weil auch für sie dabei ein Teil der Beute abfiel? Kam es deshalb zu den Nach- kriegspogromen in Rzeszow, Krakau und Kielce, weil die Holocaust-Überlebenden ihr Eigentum zurückforderten? Hunderte von Prozeß-Unterlagen sowie Tagebücher, Erinnerungen und Interviews mit Zeitzeugen scheinen diese These zu stützen. Auch die noch provisorische Regierung bereicherte sich am »verlassenen« Eigentum, das zu Staatseigentum erklärt wurde. Juden, die aus der Sowjetunion, den Lagern oder ihren Verstecken auf dem Land zurückkehrten, waren nicht gern gesehen. Zwischen 1945 und 1946 ermordeten Polen Schätzungen zufolge 500 bis 1.500 Holocaust-Überlebende. Nach dem Pogrom von Kielce verließen rund 200.000 der einst 3.5 Millionen polnischen Juden fluchtartig das Land.
Unter den meist negativen Rezensionen des Buches in Polen ragen zwei heraus. Maciej Kozlowski, Staatsbeauftragter für polnisch-jüdische Beziehungen, führt in der konservativen »Rzeczpospolita« gleich aufzwei Seiten aus, warum Gross’ Buch dem Image Polens im Ausland schade. Er verüble es Gross persönlich, schreibt Kozlowski, daß der in Princeton lehrende Professor das Buch zunächst in den USA ver- öffentlicht habe. Dort sei es von namhaften Historikern zwar durchweg positiv, aber falsch und »voll kurioser Feststellungen« besprochen worden. Eine solche Vorgehensweise könne man zwar »aus rein kommerziellen Gründen« rechtfertigen, so Kozlowski, doch in Polen müsse das auf englisch verfaßte Buch »wie eine ungerechte Attacke auf Polen« aufgefaßt werden, gegen die es nur eines gebe: »Verteidigung statt sachlicher Diskussion«. So wirft Kozlowski dem Autor denn auch »Manipulationen« der Beweise für seine Thesen vor, da er sie »einseitig« gesammelt habe. Eine Beschreibung des von der polnischen Exilregierung in London finanzierten »Hilfsrats für Juden« fehle fast vollständig. Dafür erkläre Gross, so Kozlowski, den angeblich »zu hohen« Anteil von Juden im kommunistischen Geheimdienst Polens zu wenig. Mit seinem neuesten Buch kläre Gross also nicht auf, sondern gebe den polnischen Antisemiten neue Munition.
Ganz anders argumentiert die Zeithistorikerin Bozena Szaynok in der »Gazeta Wybrocza«. Sie ist moderater, weist darauf hin, daß die meisten Polen nach Kriegsende genug mit sich selbst zu tun hatten und sich vor allem darum kümmerten, ihr eigenes Leben in geordnete Bahnen zu lenken. Der Nachkriegsantisemitismus sei zwar ein Problem in Polen gewesen, aber die Dimensionen stellten sich anders dar als in Gross’ Buch. Polen nach 1945 war übersät von Konzentrations- und Vernichtungslagern, viele Städte lagen in Trümmern. Das Land glich einem gigantischen jüdischen Friedhof. Mehr als drei Millionen Juden hatten die Nazis dort ermordet. Nicht wegen des Antisemitismus hatten die Schoa-Überlebenden Polen verlassen, so Bozena Szaynok. Sondern weil sie nach ihrer Rückkehr keine Freunde oder Familienmitglieder mehr vorfanden. Im »Land der Toten« hätten sie nicht mehr länger leben wollen.

jan tomasz gross: fear. antisemitism in poland after auschwitz.
An Essay in Historical Interpretation, (Random House), New York 2006

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