Friedhof

Pilotprojekt

von Annette Lübbers

Lange kann Dirk Geuer seine Haltung nicht beibehalten. Der gelernte Einzelhandelskaufmann kniet auf einer dünnen Unterlage. Seinen Oberkörper hält er tief gebeugt über verblaßte, hebräische Buchsta‐ ben. Mit weißer Farbe zieht er die Schriftzüge der Grabinschrift nach.
Der 44jährige arbeitet auf einem jüdischen Friedhof in Wuppertal. Während christliche Gräber im Regelfall von Erde und Blumenarrangements bedeckt sind, liegen auf jüdischen Gräbern meist Platten, auf denen Besucher zur Erinnerung Steine ablegen, oder sie sind in einer Einfassung mit Kieselsteinen bedeckt. Auf dieser Oberfläche kniet Dirk Geuer nun schon einige Minuten. „Das ist anstrengend“, murmelt der Mann im grünen Arbeitsanzug. Dann steht er auf und streckt, begleitet von einem tiefen Atemzug, seinen Rücken durch.
Einfacher hat es Udo Kammler. Er kann die neue, weiße Farbe auf einem aufrecht stehenden Grabstein auftragen. Gerade ist er dabei, die Farbe, die neben die Gravur gelaufen ist, mit einem Messingspatel abzuziehen. Dabei kann er immerhin stehen. „Mit der weißen Farbe geht es gut. Bei den goldenen Schriften muß man aufpassen. Die überschüssige Farbe darf nur mit einem Bimsstein entfernt werden. Und ein Granitstein bekommt, wenn man nicht sehr vorsichtig arbeitet, schnell Kratzer davon.“ Udo Kammler hat schon einiges gelernt. Die Arbeit auf einem Friedhof ist nichts Neues für ihn. Nur auf einem jüdischen hat er bisher noch nicht gearbeitet.
Die beiden Männer sind die ersten von 15 Arbeitern, die in einer umfassenden Sanierungsaktion den seit mehr als 100 Jahren bestehenden jüdischen Friedhof Am Weinberg in Wuppertal wieder herrichten sollen. Wie fast alle ihre Kollegen sind Udo Kammler und Dirk Geuer arbeitslose Hartz‐IV‐Empfänger.
„Normalerweise sorgen die Nachkommen der Verstorbenen dafür, daß die Gräber gepflegt werden. Die hier Bestatteten haben keine Nachkommen. Ihre Angehörigen wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Gemeinsam wollen wir nun dafür sorgen, daß diese Stätte erhalten bleibt“, erklärt Leonid Goldberg, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde. Für seine Gemeinde ist die kostenintensive Maßnahme alleine nicht zu bewältigen. Leonid Goldberg suchte nach Kooperationspartnern. Die Arbeitsgemeinschaft Wuppertal (Arge), die Bergische Volkshochschule und die Denkmalbehörde der Stadt Wuppertal beschlossen unbürokratisch und schnell, zur Rettung des seit 1985 unter Denkmalschutz stehenden Geländes zusammenzuarbeiten.
Leonid Goldberg ist dankbar für die Zusammenarbeit. „Eine solche Kooperation ist mir von keiner anderen Gemeinde im Landesverband Nordrhein bekannt. Aber Wuppertal hat schon oft eine Vorreiterrolle innegehabt“, sagt er stolz. Für die Sanierung der Grabanlagen stehen in den nächsten zwei Jahren etwa 360.000 Euro zur Verfügung. Der größte Teil der Summe wird von der Arge getragen (260.000 Euro), das Land steuert 30.000 Euro Fördermittel bei, die Jüdische Kultusgemeinde möchte 20.000 Euro aufbringen und die NRW‐Stiftung Naturschutz, Heimat‐ und Kulturpflege hat 50.000 Euro zugesagt.
Dirk Geuer, Udo Kammler und ihre neuen Kollegen bearbeiten ein Feld mit 785 Gräbern und Grabanlagen, von denen annähernd jedes zweite sanierungsbedürftig ist. Inschriften reinigen und Farbe neu auftragen, umgestürzte Steine wieder aufrichten, Grabeinfassungen ersetzen – und das bei Wind und Wetter im beginnenden Herbst. Dreißig Stunden die Woche. 1,50 Euro pro Stunde.
„Die Bedingungen sind ganz okay“, sagt Udo Kammler. „Man muß die Arbeit draußen mögen, und das tue ich.“ Gelernt hat er allerdings etwas ganz anderes. 15 Jahre arbeitete der 48jährige als Sozialarbeiter. Dann gab er seinen Job auf. „Nach so vielen Jahren, zuletzt in der Trennungs‐ und Scheidungsberatung, hatte ich einfach das Burn‐out‐Syndrom. Es ging nicht mehr weiter.“ Seitdem arbeitet Udo Kammler hier und da, wo immer es ein Zubrot zu Hartz IV gibt.
Hat er noch Hoffnung auf den ersten Arbeitsmarkt, für den er sich hier unter anderem qualifizieren soll? „Naja, die Hoffnung ist ein zähes Luder und stirbt zuletzt. Ich bin offen für viele Dinge, aber träumen tue ich nicht mehr.“
Angelernt werden die Arbeiter von Fachleuten und von Mitarbeitern der Denkmalspflege. Dabei hoffen die beiden – der Einzelhandelskaufmann und der Sozialarbei‐ ter – von den Fachleuten einiges lernen zu können. „Unser Vorarbeiter ist Maurer. Steinmetze werden gebraucht, um abgeschliffene Grabinschriften neu zu fräsen. Dabei kann man bestimmt etwas Neues lernen“, sagt Dirk Geuer, dessen letzter Arbeitgeber seine Pforten schloß, als der Besitzer starb. In seinem eigentlichen Job sieht er derzeit kaum Chancen. Vorgaben für die Arbeit auf dem Friedhof gab es keine – abgesehen von der Kopfbedeckung. „So richtig erklärt hat uns aber keiner, warum wir hier eine Mütze oder eine Kappe tragen müssen.“ Dafür hat Udo Kammler ihm erläutert, warum er die Steine von den Gräbern nicht wegnehmen darf. „Weil die eine Bedeutung haben“, erklärt er mit einem unsicheren Lächeln. Hebräische Schriftzeichen hatte er vor seinem Arbeitsantritt noch nie gesehen. Im Gegensatz zu seinem Kollegen interessieren ihn die kulturellen und religiösen Unterschiede zwischen einem christlichen und einem jüdischen Friedhof kaum. „Eigentlich sind Friedhöfe doch alle gleich“, meint er.
Obwohl die Männer in den grünen Arbeitsanzügen die Atmosphäre an ihrem neuen Arbeitsplatz „nett und freundlich“ finden, beenden sie ihre kleine Pause zügig. Die Zeit, in der es im Wuppertaler Herbst nicht regnet, muß gut genutzt werden.

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