Georg Stefan Troller

Piaf, Chanel und Rubinstein

von Miryam Gümbel

Bekannt wurde Georg Stefan Troller mit den Fernsehserien »Pariser Journal« und »Personenbeschreibung«. In seinem Buch Ihr Unvergeßlichen (Artemis & Winkler, 2006) hat er, wie der Untertitel beschreibt, 22 starke Begegnungen mit großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts festgehalten. Auf seiner Lesereise begeisterte er im Münchner Stadtmuseum die Zuhörer – nicht nur durch die vorgelesenen Auszüge, sondern auch mit der anschließenden Fragerunde, die ihrerseits zu einer Art Interview des Publikums mit dem großen Fernsehinterviewer wurde.
Bereits zum vierten Mal war Troller auf Einladung des Kulturzentrums der IKG nach München gekommen. Dessen Leiterin Ellen Presser gab bei der Begrüßung und Vorstellung der Hoffnung Ausdruck, daß die nächste Lesung mit ihm im Saal des neuen Gemeindezentrums stattfinden werde. Ein Thema dafür gäbe es bereits: Ein geplanter weiterer Band »Begegnungen« mit interessanten, aber weniger bekannten Zeitgenossen.
Damit war dann auch bereits eine der späteren Publikumsfragen beantwortet. Troller hatte nicht zuviel versprochen, als er eingangs gesagt hatte: »Ich freue mich, wenn Sie nachher Fragen stellen.« So wurde es nach der Lesung, in der er Ausschnitte seiner Kapitel über den Schauspieler Woody Allen, die Boxlegende Mohammed Ali, die Modeschöpferin Coco Chanel, die Chansonette Edith Piaf, die Schriftsteller Georges Simenon und William Somerset Maugham sowie den Pianisten Arthur Rubinstein vorgelesen hatte, richtig lebendig im Saal. Für Troller durchaus positiv: »Ich bin immer interessiert daran, daß die Leute fragen, denen man vorliest.« Er will hören, was sein Gegenüber denkt.
Warum es heute keine so herausragenden Persönlichkeiten mehr gäbe wie vor zwanzig oder dreißig Jahren, wollte ein Zuhörer wissen. »Das scheint mir mit der Härte der Zeiten zu tun zu haben«, antwortete Troller. Er zitierte Charles de Gaulle, der einmal gesagt habe, seine Schwächen seien ungeheuer, doch entsprechend groß seien auch seine Tugenden. Troller meinte, es sei wie bei einem Baum, in den man ein Herz einritze. Der Baum wachse, das Herz werde mit dem Wachsen größer – und dabei bleibe es eine Verletzung, die nicht mehr zu entfernen sei. Große Verletzungen und harte Zeiten lösten eine Art Schöpfungsakt aus. Aber »heute leben wir in keinem tragischen Zeitalter, auch wenn jeder seine eigenen persönlichen Tragödien« lebe.
Die Frage, wer von den Interviewten ihm der Liebste gewesen sei, beantwortete er schmunzelnd mit der Gegenfrage an die junge Besucherin: »Sind Sie Journalistin? Das ist da so eine typische Journalistenfrage!« Und dann gab er den Besuchern einen kleinen Einblick in dieses Metier. Für eines seiner ersten Interviews besuchte er William Sommerset Maugham in dessen Haus an der französischen Riviera, ausgestattet mit einem von der Redaktion erstellten Fragenkatalog. Zur Begrüßung zog der Schriftsteller einen Goethe-Band aus der Jackentasche und zitierte: »Alles geben die Götter, die Unendlichen, ihren Liebsten ganz...« Dem konnte Troller nun schlecht die Frage nach Maughams Lieblingsgerichten und ähnlichem entgegensetzen. So ließ er den vorbereiteten Katalog beiseite und antwortete mit der Frage: »Sind Sie einer dieser Freunde der Götter?« Und so begegnete er in dem gefeierten und hoch angesehenen Autor dem noch immer zutiefst verletzten Kind, das wegen seines (längst verschwundenen) Stotterns noch immer an Minderwertigkeitsgefühlen litt. Für Troller selbst war dieses Interview ein wichtiger Grundstein für eigenständiges Arbeiten, auch bei der Wahl seiner Gesprächspartner.
Einige, die er gerne interviewt hätte, bekam er allerdings nicht vor die Kamera. Einer davon war Rainer Werner Fassbinder. Laut Auskunft der Fernsehredaktion hatte sich dieses Porträt bereits ein anderer Kollege reserviert. Es kam allerdings nie zustande. Auch einen Film mit Pier Paolo Pasolini hätte Troller gerne gemacht.
Warum es in seinen Filmen nie um die Weltanschauungen und politischen Meinungen seiner Gesprächspartner gegangen sei, war eine weitere Frage. Seine Aufgabe sei es gewesen, den Menschen die Möglichkeit zur Darstellung ihrer eigenen Persönlichkeit zu geben. Da konnte er ihnen im Gespräch zwar Fallen stellen, aber nicht seine eigene Meinung mit einbringen. Politik sei da nur in ein bis zwei Fällen wesentlich gewesen, etwa im Gespräch mit einem Neonazi.
Politiker müßten zudem ihre Rolle spielen, sie könnten Fragen oft nicht ehrlich beantworten. Als Beleg dafür nannte er den früheren US-Präsidenten Jimmy Carter. Auf die Frage, ob er auch Augen für andere als die eigene Frau habe, habe dieser mit Ja geantwortet. Troller: »Das war das Ende seiner Karriere.«
Die Menschen in seinem Porträtband waren alle hochaktive Menschen. »Alle haben etwas Kreatives geleistet. Da ist Leben drin«, freut sich Troller noch heute. Daß sie ihre Eigenarten hatten, ist für Troller selbstverständlich: »Alle Menschen, die etwas Kreatives geleistet haben, sind stolz auf ihre Leistung.« Er zitierte Goethe: »Nur die Lumpen sind bescheiden.«
»Haben Sie auch Menschen erlebt, von denen Sie sagen können, die sind glücklich«, wollte eine Besucherin wissen. Troller verwies nochmals auf Maugham und meinte: »Kreativität hat nicht unbedingt etwas mit Glück zu tun.« Und er schloß mit Nietzsche: »Trachte ich nach Glück? Ich trachte nach dem Werke.«
Mit tosendem Applaus und einer langen Schlange am Signiertisch endete der Abend. Schließlich hatte Troller ja schon eingangs versprochen: »Ich freue mich, wenn ich signieren darf.«

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