Abenteuercamp

Paddeln in der Wüste

von Tobias Kühn

Es hat aufgehört zu regnen, nur vereinzelt fallen noch einige Tropfen. Tief hängen Wolken über der knapp tausendjährigen Burg Mildenstein, die sich auf einem Felsen hoch über der Freiberger Mulde erhebt. Vor dem Postkartenpanorama hat sich am steinigen Ufer eine Gruppe von drei, vier Dutzend Kindern und Jugendlichen ausgebreitet. In der Ferne läuten Kirchenglocken, es ist 12 Uhr mittags.
„Wer hat noch nichts?“, fragt Mikhail Tanaev. Der junge vollbärtige Mann verteilt Brötchen aus einer Riesenplastiktüte und für jeden eine Dose Thunfisch. „Hört mal zu, Rebjata“, sagt er, „nach dem Essen holt sich jeder eine Schwimmweste ab.“ „Rebjata“ ist russisch und heißt „Kinder“. Wie Mikhail Tanaev stammen die meisten der hier lagernden Jugendlichen und Kinder aus russischsprachigen jüdischen Zuwandererfamilien.
Wenn die letzten aufgegessen haben, wollen sie zu einer Paddeltour aufbrechen. Der 21jährige Mikhail ist einer von vier Madrichim, Jugendleitern, die für eine Woche mit rund 40 Kindern und Jugendlichen auf Abenteuerferien gefahren sind: Der Jüngste ist sieben, der Älteste 17, sie alle kommen aus den jüdischen Gemeinden Dresden, Leipzig und Chemnitz – bis auf zwei israelische Mädchen aus Haifa. Aus Angst vor Raketenanschlägen haben ihre Eltern sie für die Zeit der Ferien zu Verwandten nach Deutschland geschickt.
Die Idee, mit den Kindern und Jugendlichen auf Abenteuerferien zu fahren, kommt von Ruth Röcher, der Religionslehrerin der drei sächsischen Gemeinden. „Es ist das erste Mal, daß wir so etwas machen“, sagt sie. Eher zufällig habe sie vom Unger‐Abenteuercamp in Klosterbuch erfahren, einem 36‐Seelen‐Dorf nahe der Kleinstadt Döbeln, ziemlich in der Mitte zwischen Dresden und Leipzig. Malerisch gelegen neben den Ruinen einer gotischen Klosteranlage schlafen die Jugendlichen in Tipi‐Zelten und Blockhütten. Tagsüber machen sie Fahrradausflüge, Paddeltouren, Wanderungen. Ihre Mahlzeiten kochen sie auf offenem Feuer, das Holz dafür müssen sie selbst hacken. Thema des Sommerlagers ist das 4. Buch Moses, Bamidbar, zu deutsch „in der Wüste“.
„Ganz schön unbequem“, schimpft der 16jährige Dima. „Alles ist anstrengend hier.“ Er stöhnt: „Ich habe Muskelkater, und ich vermisse mein Bett. Und den Fernseher.“ Doch dann huscht ein Grinsen über das Gesicht des schlaksigen Jungen. „Eigentlich ist es aber auch toll hier.“ Für einen kurzen Moment leuchten seine Augen. „Wir haben gelernt, wie man Feuer macht – ohne Streichhölzer“, flüstert er, als verrate er ein Geheimnis.
Inzwischen haben am Flußufer die letzten Kinder ihr Mittagessen verspeist, und die Riesenplastiktüte, aus der Mikhail Tanaev die Brötchen verteilt hat, füllt sich wieder: diesmal mit leeren und halbleeren Thunfischdosen. Dann legen alle ihre Schwimmwesten an, und Ronny Benak vom Unger‐Abenteuercamp verteilt die Paddel. Der 29jährige Outdoorguide hat schon viele Gruppen betreut, doch eine jüdische noch nie. Sie unterscheide sich nicht von anderen, sagt er. „Sehr ungewohnt“ sei allerdings, für sie einzukaufen. „Wir ziehen mit der Koscherliste durch die Supermärkte. Manchmal müssen wir sogar die Geschäftsführer holen lassen. Aber oft wissen auch die nicht Bescheid.“ Letztlich habe sich aber alles klären lassen, sagt Benak. Dies scheint auch an der guten Kommunikation zu liegen zwischen ihm und Ruth Röcher und ihren Madrichim. „Wir sind sehr froh, daß Ronny sich um den Großteil der Organisation und um das Abenteuerprogramm kümmert“, sagt die Religionslehrerin.
Ronny Benak schiebt seinen grünen Einer‐Kajak ins Wasser, steigt hinein und blickt zum Ufer. „Erstes Boot einsetzen“, ruft er. Eines nach dem anderen werden vier Schlauchboote ins Wasser gelassen, die ein Mitarbeiter von Benak per Kleinbus hergebracht hat. Weil die Freiberger Mulde hier kaum 20 Zentimeter tief ist, muß man bis zur Mitte des Flusses durchs Wasser waten und kann erst dann ins Boot steigen. Der Outdoorguide rät, die Schuhe nicht auszuziehen, denn der Boden sei steinig und spitz, und im trüben Wasser sollen Angelhaken liegen.
Die ersten Schritte sind äußerst unangenehm: Langsam füllen sich die Schuhe mit Wasser. „Iih, wie eklig! Iih, wie naß!“, kreischen ein paar Mädchen. Einer der größeren Jungen schimpft: „Ronny, was machst du mit uns?!“ Doch eingestiegen ins Boot, sind die nassen Füße im Nu vergessen, denn jetzt wird gepaddelt. „Eins und zwei und eins und zwei …“, gibt Albina den Takt vor. Energisch führt die 16jährige Madricha das Kommando im ersten Boot; sie hält die Mannschaft bei Laune und paßt auf, daß niemand schlapp macht. „Viktor, was tust du?! Wir müssen nach links!“, pfeift sie den Steuermann zusammen. Der 11jährige hatte nicht auf den Kurs geachtet, sondern sich die Landschaft angeschaut: Weiden und Eichen säumen die Ufer, Feuchtwiesen und einzelne Häuser ziehen vorüber, ein Graureiher steigt in die Luft, aufgescheucht vom Lärm der jungen Menschen.
„Heute paddeln wir neun Kilometer“, sagt Ronny Benak, „aber mit der Strömung“, sonst habe es einen zu sportlichen Charakter. Ruth Röcher lacht. „Die machen hier Minimalprogramm für uns. Sie wissen, was wir für eine Klientel sind.“ Viele seien sehr erschöpft, denn zu Hause säßen sie oft stundenlang am Computer und bewegten höchstens die Maus hin und her. „Ich selbst habe auch Muskelkater am ganzen Körper“, stöhnt die 51jährige.
Für die meisten Kinder und Jugendlichen ist es die einzige Reise in diesen Sommerferien. Viele, betont Röcher, begegneten hier zum ersten Mal praktiziertem Judentum: Das Essen sei koscher, der Schabbat werde gehalten, vor den Mahlzeiten sage man Brachot. Die Kinder und Jugendlichen sind ihrem Alter nach in vier Gruppen aufgeteilt. Passend zum Thema tragen sie die Namen israelischer Wüstenstädte: Eilat, Beer Schewa, Sderot und Arad. „Am Anfang haben die Kinder sich ein bißchen über diese Orte informiert und über das Leben in der Wüste“, erzählt Röcher. Später seien dann einige Kapitel aus dem Buch Bamidbar besprochen worden. „Die Ältesten haben die Szene mit den Spionen unter die Lupe genommen und wollen sie nachspielen.“ Jeden Abend gebe es ein lustiges Programm: „Am Tu beAw, dem Tag der Liebe, haben die Madrichim ein Theaterstück über Rabbi Akiba und seine Frau aufgeführt“, berichtet die Religionslehrerin. „Wir haben so gelacht!“
Dann macht Ruth Röcher ein ernstes Gesicht und zeigt auf den Fluß. „Das mit dem Wasser hier war uns nicht bewußt, als wir das Thema Wüste wählten. Und daß es so viel regnen würde, damit haben wir auch nicht gerechnet.“ Doch dann erhellt sich ihr Blick und sie lacht. „Immerhin: Wir leben in Zelten, und es ist unbequem.“

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