Chicago

Orthodox, säkular, urban

von Olaf Glöckner

Russische Juden ohne Großstadt? Im 21. Jahrhundert undenkbar! Wie die Luft zum Atmen brauchen die Schapiros, Feldmanns, und Abramowitschs das Flair der Metropolen: Galerien, Theater, Museen und natürlich Bibliotheken. Was aber, wenn die Moskauer, Petersburger oder Odessaer Juden ihre Heimat verlassen und Neuanfänge im Westen versuchen? Bilden sie dort russische Kleinststaaten oder assimilieren sie sich? Was bleibt von den eigenen Wurzeln, und was passiert, wenn sie auf alteingesessene Juden treffen?
Derartige Fragen im Gepäck, hat sich die Ethnologin Victoria Hegner über Jahre hinweg in Chicago und Berlin umgesehen, dabei Dutzende Vereine, Lesungen und Gottesdienste besucht, sich Biografien angehört und die Arbeit von Integrationszentren begleitet. Herausgekommen ist ein spannendes Doppelporträt: Gelebte Selbstbilder. Gemeinden russisch‐jüdischer Migranten in Chicago und Berlin. Wer in die Lektüre eintaucht, erfährt viel über Höhen und Tiefen einer hoch qualifizierten, selbstbewussten und doch verletzbaren Minderheit, die Amerika und Deutschland entdeckt und dabei versucht, sich selbst neu zu verorten.
In Chicago, dem Industrie‐ und Handelszentrum am Michigansee, stoßen 20.000 russische auf rund 250.000 amerikanische Juden. Die Stadt atmet Business, Jazz und Multikulti, und doch sind bis heute ganze Stadtteile „ethnisch dominiert“. West Rogers Park, wo die Autorin intensive Feldforschung betrieb, gilt als „letzte Bastion jüdischer Nachbarschaft“. Hier verbringen viele Neuankömmlinge ihre ersten amerikanischen Jahre, ein Netzwerk von erfahrenen Hilfsorganisationen im Rücken. Niemand, so Hegners Beobachtung, erwartet hier die Aufgabe von Herkunftssprache und -kultur.
Entlang der Devon Avenue bleibt Russisch und Jüdisch eins: Kulturzentren blühen, und religiöse Gemeindezentren wie die F.R.E.E.-Synagoge (www.obshina.com) genießen hohen Respekt. Wer später von West Rogers Park nach Lincoln Park oder Edgewater zieht, muss den Anschluss an die Community nicht zwangsläufig verlieren. Auch viele der Jüngeren sehen sich noch Jahre später bei Lyrikabenden, Studentenpartys oder zum rabbinischen Vortrag. Erstaunlich dabei: Sämtliche jungen Leute, die sich auf Religionsgespräche mit der Autorin einließen, hatten sich orthodoxen Organisationen zugewandt – wenngleich sehr oft aus eher intellektuellem Interesse.
In Berlin, wo während der 90er‐Jahre um die 6.000 russische Juden auf etwa ebenso viele alteingesessene Gemeindemitglieder trafen, liegen die Dinge deutlich komplexer. Hier gibt es keinen jüdischen Stadtteil wie West Rogers Park, da‐ für aber zeithistorisch und soziokulturell determinierte Zentren im Westen und im Osten. Im „sowjetisch‐jüdischen Mikrokosmos auf der Oranienburger Straße“ erlebt Hegner – als Ethnologin – deutlich mehr Aufgeschlossenheit als anderswo, wird mit Erzählungen und Lebensphilosophien regelrecht überhäuft, endlos zu Tee und Gebäck eingeladen und zwischendurch auch mal als KGB‐Agentin verdächtigt. Hegner lässt sich ein auf die Welt von Menschen, denen künstlerische und intellektuelle Ideen unter den Nägeln brennen, die durstig sind nach neuen Herausforderungen, sich aber oft schwer tun, Anschluss an die etablierte Gemeinde zu finden.
Nicht wenige ziehen säkulare Vereine und das Leben im eigenen Kiez vor, bleiben fürs Erste kulturelle Grenzgänger. In manchen Gesprächen offenbart sich tiefe Verbitterung, dass die jüdische Abstammung allein väterlicherseits nicht zur Aufnahme in die Gemeinde ausreicht. Verbitterung vor allem dann, wenn Antisemitismus‐Erfahrungen aus Sowjetzeiten noch frisch im Gedächtnis haften.
Doch auch in säkularen jüdischen Vereinen gibt es keine Garantien für ein echtes Ankommen. So beschreibt Hegner gleich zwei Klubs im Ostteil Berlins, die ursprünglich viele Partizipationschancen boten, doch letztlich eher zum Übergangsort auf der Suche nach weiteren Netzwerken wurden.
„Migranten für Migranten“ heißt dagegen das Leitbild im großen Integrationszentrum in der Oranienburger Straße, wo ganze Generationen sich wöchentlich in Kunst‐, Literatur‐, Wissenschafts‐ und Sportgruppen sowie regionalen Landsmannschaften treffen. Über die älteren Besucher berichtet Hegner: „Sie sind zwar nicht mehr die verantwortungsvollen Ärzte, Bauingenieure oder Computerspezialisten. Sie haben als Künstler keine Auftritte in gefragten Opern‐ und Theaterhäusern mehr. Dafür werden sie als Schriftsteller, Musiker oder Komponisten in der eigenen Community gefeiert.“ Russisch ist auch hier die übliche Kommunikationssprache – eine von allen Seiten akzeptierte, temporäre Lösung.
Und die Jüngeren? Auch unter ihnen betrachtet sich nur eine Minderheit als religiös, doch dabei mit unvoreingenommenen, unkonventionellen Sichtweisen. „Russische Juden in Berlin konnten orthodoxe Einsichten genauso ‚interessant‘ finden, wie sie von der Weisheit des Lubawitscher Rebben als auch der reformierten Form des Gottesdienstes überzeugt waren“, schreibt die Autorin. Zugleich stellt sie bei den hiesigen Immigranten eine intensive „intellektuelle Beschäftigung mit der historischen Stadt“ fest. Deutlich stärker etwa als in der „Second City“ am Michigansee, in der bei vertrauten Gesprächen dann doch immer wieder von New York City und Brighton Beach geschwärmt wird.
Victoria Hegners einfühlsame Studie macht deutlich: Die perfekte Metropole für russische Juden wurde noch nicht erfunden – doch gibt es Großstädte, in die es sich gut integrieren lässt. Chicago und Berlin zählen dazu.

victoria hegner:
gelebte selbstbilder.
gemeinden russisch‐jüdischer migranten in chicago und berlin
Campus, Frankfurt/M. 2008, 247 S., 32,90 €

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