Hans Günter Flieg

Ordnung ins Bild

von Carl D. Goerdeler

São Paulo, im Dezember. Kanaldeckel heiß wie Herdplatten, die Luft ein Gasgemisch aus Verbrennungsmotoren. Die Tauben haben sich an die Simse unter die Aircondition‐Kästen verkrochen. Hans Günter Flieg wohnt im zweiten Stock von zehn im Block in dieser Riesenpizza aus Beton: Rua Antonia de Queirós, das war mal beste Citylage. Damals, als oben auf der Avenida Paulista noch die Paläste der Kaffeebarone thronten. Als die Stadt so schnell wuchs, dass die Stadtpläne schon veraltet waren, wenn sie gedruckt wurden, wie der Anthropologe Claude Levi‐Strauss (Traurige Tropen) notierte. Damals, als Hans Günter Flieg mit seiner Leica festhielt, wie dieses Riesenbaby aufschoss wie ein Kind vor seiner Pubertät. Als der Chemnitzer fotografierte, wie das „Land der Zukunft“ (Stefan Zweig) industrielle Muskeln ansetzte.
„Zieht es Ihnen?“ Hans Günter Flieg schließt die Tür zur Küche. Draußen mag es kochen, in seiner abgedunkelten Wohnung aber steht die Zeit so still als befände man sich im Windschatten der Geschichte. Jedes Sideboard, jeder Stuhl ist mit Stapeln von Büchern, Briefen und Folianten besetzt. Es gibt gerade noch Platz für einen kleinen Tisch.
Wenn man ein Leben in zwei Fotos packen könnte, dann wären es bei Hans Günter Flieg die beiden, die er mit seiner Leica geschossen hat. Das erste: ein Blick auf die Straße in Chemnitz, wo er gewohnt hatte, wilhelminische Mietskaserne. Das zweite Negativ auf dem gleichen Agfa‐Film: eine Vase mit Orchideen. Die erste Aufnahme hat er am 21. November 1939 gemacht, die zweite ein paar Wochen später in Brasilien. Dazwischen lag die Flucht. Die Flucht aus Nazi‐Deutschland und die Flucht vor dem Tod.
„Meine Eltern, mein älterer Bruder und ich sind mit einem italienischen Schiff aus Genua entkommen. Wir hatten Kajüte gebucht, aber wir wurden, wie alle in dem ehemaligen Viehtransporter, eng übereinandergestapelt unter Deck einquartiert. Der Krieg war ausgebrochen. Ein französischer Kreuzer brachte uns auf. Es hieß, deutsche Spione hätten sich mit Judenpässen unter die Flüchtlinge gemischt. Alle Männer mussten von Bord. Weil meine Mutter französisch parlierte, gelang es ihr durchzusetzen, dass wir ungetrennt und unbehelligt mit meinem Vater zusammen an Bord bleiben durften.“
Dass die Fliegs vor den deutschen Behörden fliehen mussten, schien ein Aberwitz, ein unfassbarer Irrtum zu sein. Sie waren doch immer deutsche Patrioten, wenn nicht gar Nationalisten, kaisertreu, brave Bürger, gewissenhafte Steuerzahler, angesehene Unternehmer und gute Nachbarn gewesen. Mosaischen Glaubens, aber doch nur „Dreitages‐Juden“: zwei Tage Synagoge zu Rosch Haschana, ein Tag an Jom Kippur. Doch das interessierte die Nazis nicht. Die Fliegs ließen in Chemnitz fast alles zurück: Das Familienunternehmen „Strumpf‐ und Stickwaren Eisenberg und Sohn“ war „arisiert“ worden. Zurückblieben auch der Haushalt, die Freunde und die Familie, die ganze Mischpoke, die bereits über halb Europa verstreut war.
Die Mehrzahl der Fliegschen Verwandten, die nicht fliehen konnten oder wollten, wurde in den Gaskammern umgebracht. Dass der größte Massenmord in der Geschichte bevorstand, das hätte sich keiner vorstellen können. Wir waren bis zur letzten Minute angesehene Bürger.“ Hans Günter, Jahrgang 1923, hatte das Realgymnasium 1937 verlassen, eine Lehre als Goldschmied begonnen und schließlich noch eine dreimonatige Fotolehre in Berlin absolviert.
Das alles versank unter dem brasilianischen Horizont; Post kam kaum noch über den Ozean. Die Ungewissheit zehrte die Seelen auf. „Und dann diese Bullenhitze!“ Man kam bei Briefbekannten in São Paulo unter. Der Vater hatte eine Strickmaschine mitschleppen können; die ganze Familie packte mit an. Irgendwie musste es ja weitergehen. Hans Günter Flieg bekam die Krätze. „Es war wohl die Angst vor der eigenen Auflösung.“ Dem Jungen, gerade mal 16, ging alles buchstäblich unter die Haut. Doch er war nicht allein. Es gab die jüdische Gemeinde. Es gab die Feste, den Sport, die Ausflüge. Man sang die alten Wandervogellieder, fuhr an den Strand. Auf einmal war er da, der Glaube. Ein praktisches Band, das zusammenhielt. Und Hans Günter Flieg hatte ja noch seine Leica, Agfa‐Filme und Fotopapier. Also machte er sich nützlich, restaurierte alte Lichtbilder, rackerte als Fotograf auf Familienfeiern und klapperte alle möglichen Firmen ab. Die Reklame steckte noch in den Kinderschuhen. Das aber war sein Feld. Negative, Lithografien, Klischees und schließlich eine eigenes, kleines Studio. Es ging bergauf, auch mit der väterlichen Maschinenstickerei „Bordados Flieg“, die der ältere Bruder noch lange führte. Hans Günter Flieg aber machte sich einen Namen als sorgfältiger, ja penibler Industriefotograf, ein großer Name bei Pirelli, Brown & Boveri, Mercedes, Ipiranga und Votorantim. Einer der ersten Großaufträge bestand darin, Kristallglas aus Murano zu fotografieren. Nicht eine Fluse, nicht eine Schliere durfte ins Bild. Der Deutsche machte keine halben Sachen und löste seine Aufgabe. Flieg erinnert sich noch an den Zorn des damaligen Direktors von Brown & Boveri, als der jüdische Junge mit seinen Lampen und Stativen die ganze Produktion in der Fabrikhalle zum Stillstand brachte. Besenrein und blitzblank musste die Szene sein. Flieg entfernte eigenhändig eine liegen gebliebene Kippe, bevor er loslegte. Das wird den Boss aus der Schweiz schon sehr beeindruckt haben. Ebenso wie die makellosen Großformate, die fortan auf Jahre hinaus das Kraftwerkunternehmen zierten. Flieg forderte viel Geld, aber er konnte es sich leisten. Seine Arbeiten prägten eine Epoche und dokumentieren sie.
Hans Günter Flieg stammt eindeutig aus dem Zeitalter der analogen Fotografie, der authentischen Bilder, der gewissenhaften Dokumentation. Mit seinem Leben hadert er nicht. Ob er noch Deutscher oder schon Brasilianer ist, das interessiert ihn nicht. Seine Heimat ist da, wo es Arbeit gibt. Und die besteht nun darin Post zu beantworten, das Archiv zu ordnen, das Chaos zu bändigen, damit man sehen kann, worauf es ankommt. Zum Beispiel auf jene Aufnahme, auf der ein Ochsengespann einen Jeep aus dem Schlamm zieht. Das war eine ironische Reklame für die Autofirma Willys Overland. Vielleicht ist das Bild eine passende Metapher auf Hans Günter Flieg, den Fotografen aus Chemnitz.

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