Studienprogramm

Online zur Smicha

von Detlef David Kauschke

Judentum ist Lernen. Lebenslanges Lernen. Während der Unterricht früher in Bethäusern oder Talmudschulen stattfand, ist das Studium jetzt auch zu Hause möglich. Das Internet macht es möglich. Unter dem Stichwort „jewish learning“ sind im weltweiten Netz fast eine halbe Million Einträge zu finden – vom Online‐Barmizwa‐unterricht bis zur virtuellen Jeschiwa. Dabei macht der orthodoxe Internetdienst „Shema Yisrael Torah Network Project“ seit einigen Jahren ein ganz besonderes Angebot: ein Schulchan‐Aruch‐Studienprogramm für daheim. Juden in aller Welt können die Halacha, die jüdischen Gesetze, lernen – und das online. „Wir richten uns damit an Menschen, die im Berufsleben stehen oder anderweitig eingespannt sind, aber in ihrer freien Zeit dennoch strukturiert lernen wollen“, sagt Rabbiner David Engel von Shema Yisrael.
Das ist es, was Donnell Reed gesucht hat. Der 41‐Jährige lebt in Berlin. Er betreibt ein Übersetzerbüro, ist verheiratet, Vater von drei Kindern. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich intensiv mit seiner Religion. Er ist Gabbai (Vorstand) der Synagoge von Chabad Lubawitsch Berlin. „Ich wollte mein Wissen vertiefen, aber komme eigentlich nur in den späten Abendstunden oder ganz früh am Morgen zum konzentrierten Lernen.“ Über eine Anzeige in der Jerusalem Post stieß er vor sechs Jahren auf das Angebot von Shema Yisrael. Fast drei Jahre lang nahm er am Schabbat‐Programm teil, um die einzelnen Gesetze des wöchentlichen Feiertages zu lernen. Vor drei Jahren hat er diesen Teil der Ausbildung abgeschlossen, danach gleich mit dem Programm „Issur v’Heter“ begonnen. Dabei geht es um Kaschrut, aber nicht nur um die Fragen nach erlaubten und verbotenen Speisen (Issur v’Heter, hebräisch: Verbot und Erlaubnis), sondern auch um die Bestimmungen in Bezug auf koschere Essenszubereitung, Küchenhaltung, Tischsitten und mehr. Ein ganzes Semester ist allein den Gesetzen zur strikten Trennung fleischiger und milchiger Speisen gewidmet.
Wie bei allen Programmen erhalten die Teilnehmer per E‐Mail zwei Aussendungen pro Woche, eine Samstagabend und eine am Dienstag. Sie gehen an Anwälte, Ärzte, Manager und Angehörige anderer Berufsgruppen. Die meisten in die USA. Die „Pirchei Shoshanim“-Onlinekurse gehen aber auch in andere Länder rund um den Globus – nach Südafrika, Australien und sogar Iran. Zwischen 85 und 95 Dollar kosten die Kurse monatlich. Eine Schiur, also eine Unterrichtseinheit, umfaßt Textpassagen, Erläuterungen, Verweise, Fragen und Antworten auf etwa neun bis zwölf Seiten.
Als Grundlage dient der Schulchan Aruch, das von Josef Karo im 16. Jahrhundert verfasste Kompendium der jüdischen Religionsgesetze, und die „Arba Turim“ (13. Jahrhundert) von Jakob ben Ascher, ebenfalls ein halachisches Werk. „Das war schon eine besondere Herausforderung“, sagt Donnell Reed, „denn das schriftliche Material muss im hebräischen Original gelesen werden.“
Zwar hat Reed alleine gelernt, online stand er aber im ständigen Kontakt mit den Rabbinern des Internetprogramms. Zudem gab es eine telefonische Verbindung mit denen, die in Deutschland das Programm absolvierten. Dazu gehörte Joel Lion, israelischer Botschaftsrat, der in der diplomatischen Vertretung seines Landes in Berlin für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist. Lion ist ausgebildeter Rabbiner, wollte jedoch sein Wissen erweitern und auffrischen. Außerdem lernten zeitgleich Ytzhak Mendel Wagner in Krefeld und Vladyslav Benzion Kaplan in Düsseldorf. „Wir haben häufig miteinander telefoniert“, sagt Reed, „aber richtig kennengelernt haben wir uns erst in Jerusalem.“
Vladyslav Benzion Kaplan ist 30 Jahre alt. Er stammt aus der Ukraine, wo er bereits in einer Jeschiwa studiert hat. Seit drei Jahren arbeitet der Familienvater bei der Düsseldorfer Gemeinde, die seine Kursteilnahme unterstützte, als Rabbinerassistent. „Für mich war dieses Lernprogramm das richtige, weil ich fast rund um die Uhr arbeite. Da ist es gut, wenn ich mir die Zeit für das Lernen selber einteilen kann.“ Ytzhak Mendel Wagner, 27, hat ein Jahr an der Jeschiwa Mayanot in Israel gelernt und sich dann für das Online‐Studium entschieden. „Für mich ist wichtig, dass ich ein Programm habe, bei dem ich immer am Ball bleiben muss.“ Wagner ist in der Krefelder Gemeinde aktiv. Wenn der Vorbeter ausfällt, leitet er schon mal den Gottesdienst, auch bei der Chewra Kadischa engagiert er sich, und er gibt Tora‐Unterricht.
Nach mehr als zweijähriger Online‐Ausbildung verbrachte er mit seinen Studienkollegen Anfang Januar einige Tage in der israelischen Hauptstadt, um die letzten Schiurim und die Abschlussprüfung zu absolvieren. Die dauerte von 9 Uhr morgens bis teilweise spät in die Nacht. Nach einer Zeremonie an der Klagemauer und einer kleinen Feier in einem Jerusalemer Hotel erhielten sie am nächsten Tag ihre Bescheinigung für das bestandene Studium überreicht. Die Smicha für „Issur v’Heter“ ist gleichzeitig die orthodoxe Rabbiner‐Urkunde.
Unter den ersten Gratulanten in Jerusalem waren der Dortmunder Gemeinderabbiner Avichai Appel und sein Kölner Amtskollege Netanel Teitelbaum. Der ist zugleich Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD). Teitelbaum nannte das ein „wichtiges Ereignis“. Die ORD unterstützt das Lernprogramm. „Wir können zwar nicht viel über die Lehrinhalte sagen, weil wir sie nicht genau kennen. Aber wir wissen, dass das Programm im Kontakt mit dem Oberrabbinat in Israel steht. Und jede Organisation, die in Deutschland zur jüdischen Bildung beiträgt, ist uns herzlich willkommen“, sagt Teitelbaum. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, schickte ein Glückwunschschreiben.
Für Rabbiner Fischel Todd, den Initiator des Programms, ist es etwas ganz Besonderes, dass Lernwillige aus Deutschland das Programm absolviert haben. Er sieht dies als einen Beitrag zur „jüdischen Revitalisierung“ des Landes und einen klaren Beweis, „dass die Tora weiterlebt und sich selbst manifestiert in einer modernen Gesellschaft, ohne das traditionelle System der Werte zu verletzen.“
Deutschland hat drei neue Rabbiner. Ohne großen Medienrummel, die Öffentlichkeit hat kaum Notiz davon genommen. Wie es jetzt weitergeht? Die drei sind in ihre Gemeinden zurückgekehrt. Rabbiner Kaplan nach Düsseldorf. Dort will er weiterhin als Rabbinerassistent tätig sein. Rabbiner Wagner setzt sein Studium an der Uni Düsseldorf fort und will auch in Zukunft als „sehr aktives Mitglied“ in der Krefelder Gemeinde arbeiten.
Und Rabbiner Reed will auch zukünftig mit Übersetzungen sein Geld verdienen. „Als Rabbiner werde ich nicht amtieren. Aber ich möchte Unterricht erteilen und mich um Kaschrutfragen kümmern, in Bäckereien zum Beispiel.“
Außerdem will er mit den Rabbinern Kaplan und Wagner ein Kaschrut‐Programm bei virtualyeshiva.com in Deutsch und Russisch entwickeln. Und nicht zuletzt wird er sein Halacha‐Studium fortsetzen. Online. Judentum bedeutet eben auch für ihn Lernen. Lebenslanges Lernen.

Nähere Informationen zum Programm:
www.shemayisrael.com

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