Nicola Galliner

Ohne Programm

von Christine Schmitt

Das Programm des aktuellen Trimesters hat vor knapp zwei Wochen begonnen. Alles wie gehabt. Dennoch steht eine we-
sentliche Änderung in der Jüdischen Volkshochschule (JVHS) an: Im Oktober werden die Leiterin Nicola Galliner und ihr Kollege Christian Deutschmann ihre Schreibtische ausräumen und ihre Arbeit in Leitung, Programmplanung und Redaktion beenden. Während Deutschmann in Pension geht, will Galliner das Jewish Film Festival bundesweit etablieren. »Und da haben wir uns gesagt, dass wir zusammen aufhören«, erläutert Deutschmann.
Bereits im Frühjahr sei der Vorstand der Jüdischen Gemeinde von Galliner informiert worden, dass sie neue Pläne außerhalb der Volkshochschule habe, sagt Kulturdezernent Aharon Risto Tähtinen. Auf die Frage, wie es nun weitergehen soll, antwortete er: Die Volkshochschule werde es weiter geben. Doch sei es noch zu früh, über organisatorische Einzelheiten zu sprechen. Für das aktuelle Trimester sei alles vorbereitet. Auf jeden Fall soll die JVHS in Zukunft mehr mit der Gemeinde »verzahnt« und enger an die Kulturabteilung angeschlossen werden. »Unsere Ressourcen sind bisher schlecht genutzt worden«, meint Tähtinen. Mehrere Gemeindemitarbeiter seien für die Aufgaben in der Volkshochschule qualifiziert. Wer die Nachfolge von Galliner und Deutschmann antreten werde, vermochte er, wie auch die Gemeindevorsitzende Lala Süsskind, nicht zu sagen. Auf jeden Fall solle es mehr Platz für aktuelle Themen geben, so Tähtinen, der an ein jüdisches Gemeindeforum denkt.
Zwei Jahrzehnte lang haben Nicola Galliner und Christian Deutschmann die Jüdische Volkshochschule geprägt. Als sie be-
gannen, hatte die JVHS noch ein umfang-
reicheres Angebot als heute. Damals gab es auch noch Geld, um mit Plakaten für Veranstaltungen zu werben. Heute ist der Etat geschrumpft, und das Programm be-
steht neben Kursen übers Judentum überwiegend aus Sprachseminaren. Galliner hatte vor sechs Jahren in einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen bereits ge-
sagt, dass es ihr unverständlich sei, warum gerade bei den »kleinen« Institutionen ge-
spart werde. Die Gemeinde finanzierte da-
mals etwa zwei Drittel der Ausgaben. Doch seit Heinz Galinskis Tod 1992 knabbere die Gemeinde an der Summe herum, sagte sie. Der Zuschuss für die Jüdische Volkshochschule betrage nur etwa ein Prozent des Gesamtbudgets der Gemeinde. Das war im März 2002.
Der Berliner Senat fördert die Jüdische Volkshochschule seit Jahren unverändert mit 128.000 Euro, sagt Kenneth Frisse, Pressesprecher der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Ob-
wohl auch in diesem Bereich der Rotstift angesetzt worden sei, seien an dieser Einrichtung keinerlei Kürzungen vorgenommen worden. »Die Arbeit der Jüdischen Volkshochschule wird von uns sehr geschätzt.«
Auch die Teilnehmer wissen das Angebot zu schätzen. An den Tagen, an denen sich Interessierte anmelden können, gibt es lange Warteschlangen im Gemeindehaus. Es werden sogar Wartenummern ausgegeben. Die Seminare sind alle rasch ausgebucht. Neben den Sprachkursen gab es bis jetzt immer kulturelle »Highlights« wie besondere Filmvorführungen, Lesungen oder Vorträge von renommierten Gastrabbinern, wie zum Beispiel Leo Trepp.
»Galliner und Deutschmann haben eine gute Arbeit geleistet«, sagt Julius Schoeps, der, wie er sagt, bei der Gründung der Jüdischen Volkshochschule selbst mitgewirkt hat. Sie sei nach wie vor eine wichtige Einrichtung. Zum einen sei ihr Programm »nach innen« wichtig für die Zuwanderer, die dort an Sprachkursen teilnehmen können, aber auch »nach außen« sei sie von Bedeutung, da sie übers Judentum informiere. Die Volkshochschule habe mitgeholfen, Berührungsängste abzubauen, denn sie sei die »offene Tür zur Gemeinde« gewesen.
Er habe mit der Volkshochschule nur die besten Erfahrungen gemacht, sagt auch der ehemalige Gemeindevorsitzende Alexander Brenner. Und sein Amtsnachfolger, Albert Meyer, meint: »Galliners Ausscheiden ist der große Verlust einer großen Dame.« Sie sei das Aushängeschild der jüdischen Kultur und des jüdischen Films.
Im März 1962 nahm die Jüdische Volkshochschule ihren Lehrbetrieb auf. Der damalige Gemeindevorsitzende, Heinz Galinski sel. A., sah darin einen dauerhaften Beitrag zur Brüderlichkeit. Er hoffte, dass »weitere jüdische und nichtjüdische Kreise in vertrauter Gemeinsamkeit und ständigem Gedankenaustausch« den Weg ins Gemeindehaus finden würden. Die jüdische Volkshochschule sei als ein offenes Haus konzipiert gewesen, hatte Nicola Galliner später betont. Am Anfang sei es wichtig gewesen, Nichtjuden die Frage zu beantworten: »Wer sind die Juden«. Außerdem sollte Gemeindemitgliedern geholfen werden, ihr Wissen über ihre Religion zu vertiefen. Galinski nannte die Neugründung »ein mutiges Wagnis und ein Politikum ersten Ranges«. Mittlerweile besteht die Volkshochschule seit 46 Jahren und hat mehrere tausend Hörer.
»Die Jüdische Volkshochschule soll weiter existieren und noch besser werden«, fordert Alexander Brenner. Besserung kenne schließlich keine Grenzen. Schoeps sieht nach wie vor einen großen Aufgabenbereich bei den Zuwanderern in der Gemeinde. Die Volkshochschule bedürfe einer Struktur und einer Leitung, meint er.
Was folgt, ist unklar. Galliner und Deutschmann bleibt der Blick zurück. Und den beschreiben sie im Vorwort des aktuellen Trimester-Programms so: »Es war uns nie langweilig, oft war es anregend und aufregend und nur manchmal ärgerlich.«

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