Bier

Oasen in der Wüste

von Wladimir Struminski

Freitagabend in Jerusalem. Um elf Uhr haben die meisten Stadtbewohner ihr Schabbat-Mahl längst verspeist und schlafen den Schlaf der Gerechten. Über der Stadt liegt tiefe Ruhe. Über der ganzen Stadt? Nein. In der kleinen Kneipenzeile zwischen der Hillel- und der Jaffa-Straße herrscht Hochbetrieb. Es fließt viel Bier. Im »Ran« sitzt eine Freundesrunde um den Tisch. Darauf stehen Literkrüge. Sie werden schnell leer. Im »Chance« ist das Gedränge an der Bar noch größer als auf der Tanzfläche. Im »Nadin« ist der Ausschank mit fünf Sorten Fassbier durchaus eindrucksvoll. Zu haben sind die einheimischen Traditionsmarken Goldstar und Maccabi, sowie Heineken, Murphy’s und Paulaner. Flaschenbier gibt es in mehr als zehn Variationen.
Der kleine Vergnügungsdistrikt lässt sich in fünf Minuten hinauf- und hinablaufen. Oder stundenlang genießen. Damit ist Jerusalem ein Sinnbild für Israels Biermarkt schlechthin: eine Wüste mit gelegentlichen Oasen. Mit gerade einmal dreizehn Litern pro Jahr und Kopf ist Israel, vom islamischen Raum abgesehen, eines der Länder mit dem weltweit niedrigsten Bierverbrauch. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 110 Liter pro Kehle. Wer dem Gerstensaft aber frönen will, stößt auf ein ansehnliches Angebot.
Die erfolgreichsten einheimischen Herausforderer von Goldstar und Maccabi sind die in Israel in Lizenz gebrauten dänischen Vorzeigebiere Carlsberg und Tuborg. Daneben tummeln sich 25 kleine Privatbrauereien, mit teils so ausgefallenen Namen wie Eldorado, Dancing Camel oder Laughing Buddha, auf dem Markt. Allein Ende 2006 haben drei neue Braumeister ihre Pforten eröffnet. Auf einheimische Anbieter entfallen drei Viertel des umgerechnet auf rund 100 Millionen Euro geschätzten Marktvolumens.
Abgerundet wird das Angebot durch Importbiere. Marktführer unter diesen ist das niederländische Heineken, doch kämpfen Hersteller aus dreißig Ländern, von Russland bis Mexiko, von Thailand bis zur Türkei, um die durstige israelische Kehle. Ob Pils oder Lager, ob hell oder dunkel, ob Massen- oder Spezialbiere – fast alles ist zu haben. Das Internetportal der israelischen Alkoholika-Anbieter, Bakbuk (zu Deutsch: Flasche), zählt rund dreißig importierte Biersorten auf, doch liegt die tatsächliche Zahl weitaus höher. Ein Großteil der Einfuhren entfällt auf wenig bekannte Marken, die üblicherweise für etwa vier Schekel (70 Eurocent) je Halbliterdose zu haben sind – um ein Drittel wohlfeiler als etablierte Marken. Geschmacklich ist an vielen Billigbieren nichts auszusetzen. Bei der Namensgebung sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. So klingt Günther’s Gold durch und durch germanisch, stammt aber aus Rumänien. Zlaty Hrad (die Goldene Stadt) wiederum gibt sich tschechisch, wird aber in Polen gebraut. Letzteres fällt dem Kunden kaum auf: Eine hebräische oder auch nur englische Beschriftung der weiß-goldenen Dose fehlt nämlich – sieht man vom obligaten Kaschrut-Zertifikat ab. Die wichtigsten Importländer sind die Niederlande und Belgien. Die Bundesrepublik liegt auf Rang drei der Lieferantenliste, hinkt den beiden Beneluxstaaten aber weit hinterher und rangiert unter ferner liefen. Nach den jüngsten verfügbaren Zahlen des Zentralamtes für Statistik importierte Israel im Jahre 2005 aus Deutschland Bier im Wert von gerade einmal 1,2 Millionen Euro – für die deutsche Braubranche nicht einmal eine Randnotiz.

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