Maurice Schreibmann

„Nur wer arbeitet, hat Glück“

Frau Knobloch sagt, ihre Koffer sind jetzt ausgepackt, und so geht’s mir auch. Sie ist im neuen Gemeindezentrum am Jakobsplatz angekommen und ich hier, bei unserem Verein. Seitdem ich beim TSV Maccabi München arbeite, fühle ich mich viel besser aufgehoben als früher. Damals habe ich große Geschäfte gemacht und Riesengelder verdient. Aber das hat mich in keinster Weise so befriedigt wie das, was ich jetzt tue.
Mit dem Job als Vereinsmanager habe ich mich auf ein Abenteuer eingelassen. Der Vorsitzende Robby Rajber, der Finanzchef Gregory Schmerz und ich kannten uns zwar, wussten aber nicht wirklich, was wir voneinander zu halten hatten. Das war im März 2003. Maccabi hatte damals kaum Sportstätten und nur 60 Mitglieder. Inzwischen sind es 800. Wir hatten von Anfang an Erfolg. Das Besondere für mich war der kollegiale Umgang im Vorstand. Da sind richtige Freundschaften entstanden. Wir telefonieren mitunter 20 Mal am Tag.
Bis dahin kannte ich so ein Teamwork nicht. Nachdem mein Vater 1980 einen Schlaganfall hatte, übernahm ich als junger Mann seine drei Pelzgeschäfte in München. Zuvor hatte ich in England Abitur gemacht und in München BWL studiert. Mein Vater war der wichtigste Mensch in meinem Leben und sehr erfolgreich. Ich wollte ihm zeigen, dass auch ich so erfolgreich sein kann. Aus den drei Läden habe ich 33 gemacht und mit Mitte 30 plötzlich gesehen, dass das überhaupt keine Rolle spielt. Ich stürzte in eine tiefe gesundheitliche und berufliche Krise und hatte Schulden.
In dieser Zeit lernte ich meine Frau kennen. Sie hat mich mit meinen Schulden geheiratet. Durch einen Zufall bekam ich einen sehr gut dotierten Job, importierte Jeans aus Amerika und war innerhalb von zwei Jahren die Schulden los. Ich musste viel reisen: München, Los Angeles, Istanbul, Montréal, München – alles in einer Woche. Doch ich hatte nicht ewig Lust auf diese Achterbahn. Und inzwischen waren auch unsere beiden Töchter geboren.
Der neue Job kam überraschend und war ein totaler Schnitt. Heute beginnt mein Arbeitstag, wenn die Kinder in die Schule gehen. Ich bin um 9 Uhr im Büro auf dem Vereinsgelände in Riem. E‐Mails beantworten, Zuschussmöglichkeiten bearbeiten, Kontakte aufbauen, viel telefonieren. Wir müssen ja Gelder besorgen, um den Verein am Leben zu erhalten und weil wir einen Fußballplatz bauen wollen, das hat zur Zeit oberste Priorität. Ich muss überall hin, die ganzen Leute kennenlernen, die im Sport was zu sagen haben. Da sitzt man oft auch abends bei Veranstaltungen und Bürgerversammlungen.
Ich versuche, bei jedem Training dabei zu sein. In sämtlichen Sparten. 70 Prozent entfallen bei uns auf Fußball, dann haben wir noch Tennis, Gymnastik, HipHop, Tischtennis. Die Stunden fangen um 15.30 Uhr an. Ich will sehen, ob die Trainer gut arbeiten, ob neue Kinder da sind. Wir haben inzwischen 17 Trainer, die rufe ich jede Woche an. Wir sprechen darüber, welche Probleme es gibt. Die murren mal, weil die Trikots verschwunden sind oder suchen Unterstützung, wenn sich eine Familie keine Fußballschuhe für ihren Sohn leisten kann. Da gibt’s tausend Sachen. Wenn ein Fußballtrainer krank ist, übernehme ich auch mal seinen Job.
Wir machen unheimlich viel Jugendarbeit. Wir haben jetzt bestimmt 150 jüdische und 100 nichtjüdische Kinder, die bei uns Woche für Woche trainieren. Fast jeden Monat gibt es eine soziale Veranstaltung, Sportfeste, Soccernights, Bowling‐ oder Tischtennisturniere. Die Freundschaften, die sich hier entwickeln, sind für mich der Hauptmotor meiner Arbeit. Wir wollen zeigen, dass das jüdische Leben etwas ganz Normales ist.
Für unseren Fußballplatz haben wir ein Gelände von der Stadt bekommen. Letzte Woche kam endlich die Baugenehmigung. Unser Vereinspräsident und unser Finanzchef waren allein deshalb 17 Mal beim Amt. Ein Quantensprung ist für uns auch die Halle, die wir jetzt am Jakobsplatz mitten in der Stadt nutzen können. Dadurch haben wir unheimlich viel Zulauf bekommen.
Inzwischen bin ich auch beim Deutschen Fußballbund (DFB) im Integrationsrat und habe dadurch viele Kontakte. Ich reise oft als Zuhörer zu Integrationsseminaren. Beim DFB bin ich vielleicht so etwas wie der Quotenjude. Reingebracht hat mich der evangelische Diakon und ehemalige Lehrer Eberhard Schulz, der inzwischen eine Art Mentor für mich ist. Der Julius‐Hirsch‐Preis, der vom DFB verliehen wird und an den in Auschwitz ermordeten gleichnamigen deutsch‐jüdischen Nationalspieler erinnert, war seine Idee. Schulz hat mich einmal in die KZ‐Gedenkstätte Dachau eingeladen. Das war überhaupt das erste Mal, dass ich dort war. Mit 48, also vor zwei Jahren. Durch ihn sind wir langsam in die Politik reingekommen. Das ist eigentlich gar nicht das, was wir wollten, aber im Nu ist man da drin. Wir haben zusammen eine Ausstellung gemacht über den Sport vor 1933 (vor allem Fußball) und zwischen 1933 und 1945. Die wollen wir jetzt auch in Schulen zeigen. Dieses Netzwerk, zu dem inzwischen auch DFB‐Präsident Theo Zwanziger gehört, hat sich unheimlich ausgebreitet.
Sport ist wahrscheinlich das beste Integrationsmittel überhaupt. Durch den Verein habe ich das Gefühl, zeigen zu können, dass Maccabi überaus wichtig für das jüdische Leben in München ist, weil mindestens 100 Kinder und Erwachsene jeden Sonntag mit dem Davidstern Punktespiele in ganz Bayern austragen und zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind. Eine bessere Reklame gibt es nicht. Wir erleben auch schlechte Sachen, aber es wird weniger. Wir sind bestimmt auch eine Art Sympathieträger.
Es war verdammt harte Arbeit für uns, so weit zu kommen. Das geht nur mit vielen Gesprächen. Neulich waren Charlotte Knobloch und der Präsident des bayerischen Fußballverbandes, Rainer Koch, bei uns, um sich die Anlage anzuschauen. Es laufen so viele Sachen. Nur wer arbeitet, hat Glück. Mein Maccabi‐Tag hat zwölf Stunden. Das ist nicht familienfreundlich.
Nur samstags arbeite ich nie. Bei uns findet dann kein Sport statt. Schabbat ist dabei für mich weniger ausschlaggebend. Ich bin erst sehr spät in meinem Leben zur Religion gekommen. Mein Vater war ein traditioneller Jude, aber nicht wirklich religiös, so bin ich aufgewachsen. Ganz ehrlich: Als kleiner Junge habe ich mir mal eingebildet, ich mache gute Sachen, also muss ich nicht beten. Das ist bei mir irgendwie geblieben. Erst durch meine Frau, die übergetreten ist, habe ich mich wirklich wieder damit auseinandergesetzt. Sie arbeitet in der Gemeinde als Deutschlehrerin für russische Zuwanderer. Es ist unglaublich, was sie alles weiß.
Mit unseren Kindern machen wir Kabbalat Schabbat. Es ist uns wichtig, ihnen Religion mitzugeben. Warum hat mein Vater überlebt, wenn ich die Tradition nicht weitergeben würde? Erst zwei Wochen bevor er starb, erzählte er mir seine Schoa‐Geschichte. Er ist durch fünf Camps gegangen. Meine Mutter kommt aus Frankreich, sie hat in einem Kloster in Paris überlebt. Es ist meine größte Freude, dass wir sie noch bei uns haben und sie uns mit Rat und Tat unterstützt. Trotz meiner jüdischen Wurzeln hoffe ich, dass durch die Beziehungen, die ich zu anderen entwickle, sie irgendwann nicht mehr im Hinterkopf haben: Das ist ein Jude. Ich bilde mir ein, dass schon manchmal nur der Mensch rauskommt.

Aufgezeichnet von Andrea Schlaier

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