Medizin

Notaufnahme

Stellen Sie sich vor, Sie müssen dringend operiert werden und keiner kommt. Kein Chirurg, der das Operationsbesteck vorbereitet, kein Anästhesist, der Ihnen die Spritze in den Arm drückt. Es ist einfach niemand da. Das Gesundheitsministerium hat jetzt einen Bericht über den gravierenden Ärztemangel im Land veröffentlicht. Ein Rückgang von acht Prozent bei Ärzten und 40 Prozent bei Krankenschwestern seit dem Jahr 2000 könnte das beschriebene Bild schon in naher Zukunft zu einem realen Gruselszenario machen.
Derzeit liegt die Versorgungsquote bei 3,5 Prozent Ärzten und 5,9 Prozent Krankenschwestern pro 1.000 Einwohner. Obwohl Israels Doktor‐pro‐Kopf‐Rate noch höher ist als in den meisten europäischen Staaten, liegt sie unter der in Deutschland, Spanien, Italien und Russland. Die Anzahl der Krankenschwestern allerdings ist bereits wesentlich niedriger als EU‐Standard. Lediglich Bulgarien, Polen, Rumänien und Griechenland liegen darunter. Ende 2008 gab es 33.051 Ärzte in Israel, die Hälfte von ihnen Spezialisten. Im vergangenen Jahr hat es einen besonderen Einbruch bei Chirurgen, Traumaexperten, Anästhesisten und Neonatologen (Spezialisten für Frühgeburten) gegeben. Von den letzten beiden gibt es lediglich 166 im ganzen Land.

Zwar sei die Zahl der Medizinstudenten in den vergangenen Jahren relativ gleich geblieben, die Anzahl der Immigranten jedoch drastisch gefallen, gibt das Ministerium an. Dies in Verbindung mit der Tatsache, dass die Assistentenzeit sieben Jahre dauert, lässt befürchten, dass bereits in den kommenden Jahren ein akuter Mangel herrschen wird. »Wir brauchen mehr Mediziner, um nicht bald schon weniger als drei Ärzte pro 1.000 Menschen zu haben«, sagt Chezi Levi, Leiter der Medizinischen Abteilung im Gesundheitsministerium. »Zwar ist die Versorgung heute noch gut und verantwortlich, doch der Mangel an Spezialisten kann schon jetzt zu langen Wartezeiten führen.« Besonders schlimm ist die Situation in ländlichen Gegenden wie der Negevwüste, dem Golan und dem arabischen Sektor.

Alija »Sind Sie ein jüdischer Arzt – dann braucht Israel Sie!« Mit diesem Aufruf will die Jewish Agency Mediziner aus aller Welt zur Alija aufrufen. Sie bat bereits das Gesundheitsministerium, die Zulassungskriterien zu lockern, um potenziellen Kandidaten den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern. Die Einwandererorganisation für immigrationswillige Amerikaner, Kanadier und Briten, »Nefesh Be Nefesh«, hat jetzt sogar ein spezielles Mediziner‐Alija‐Stipendium ins Leben gerufen. In den ersten beiden Jahren soll damit das monatliche Einkommen aufgestockt und das Ankommen in der neuen Heimat erleichtert werden. Mathew Fridmann war ein solcher Arzt. Vor sechs Jahren war der jüdische Doktor aus dem Staat New York in den USA nach Israel eingewandert, um mit einer Gruppe von anderen Ärzten die Notfallmedizin an Krankenhäusern hierzulande zu verbessern. »Zu‐ erst war ganz viel Enthusiasmus da«, erinnert sich der 45‐Jährige. »Es ging ja darum, etwas für den jüdischen Staat zu tun, das war aufregend und fühlte sich richtig gut an.« Nach vier Jahren jedoch packte Friedman sein Operationsbesteck wieder ein und zog zurück in seine alte Heimat. »Ich habe in Israel nur einen Bruchteil verdient, meine Familie und ich konnten von dem Gehalt einfach nicht leben. Irgendwann musste ich realistisch sein und an meine finanzielle Zukunft denken. So traurig das auch war.«
Apathie Die israelische Ärztevereinigung (IMA) beklagt, dass die Regierung nicht genug unternehme, um gegen die Verknappung vorzugehen: »Dies ist ein sehr beunruhigender Bericht. Wir haben seit Jahren vor dieser Situation gewarnt, aber ohne Erfolg«, hieß es in einer Presseerklärung. »Der Staat war apathisch und hat nichts getan, um sein Bildungskapital zu kultivieren und zu erhalten. Der wachsende Mangel in Verbindung mit mehr Ärzten, die lediglich eine private Praxis unterhalten wollen, was selbstverständlich bessere Arbeitsbedingungen mit sich bringt, wird zwangsläufig das öffentliche Gesundheitssystem schädigen.« Die IMA fordert bessere Bedingungen wie höhere Gehälter und weniger Arbeitsstunden für das medizinische Personal sowie einen nationalen Notfallplan, um sofort mehr Ärzte auszubilden. Während die Ärzte in Deutschland Mitglieder der kassenärztlichen Vereinigungen sind, die für sie die Bedingungen mit den Krankenkassen aushandeln, schließen israelische Mediziner Verträge direkt mit den Kassen ab und dürfen dann nur Patienten dieser einen Kasse behandeln. Die Einkommen liegen im Schnitt wesentlich unter denen der deutschen oder nordamerikanischen Ärzte. Der Medizinermangel ist ein weltweites Phänomen, bedingt hauptsächlich durch die immer älter werdenden Menschen, erklären Experten.

Förderung Etwa 600 Ärzte werden jedes Jahr in Israel zugelassen. Allerdings hat davon lediglich die Hälfte an heimischen Universitäten studiert. Viele erwerben ihre Diplome an ausländischen Unis, etwa in Ungarn. Dort sind die Studiengebühren wesentlich niedriger. Neben den extrem hohen Studiengebühren sind die drakonischen Zugangsbeschränkungen ein Faktor für die niedrigen Studentenzahlen: »Es gibt viele geeignete Kandidaten«, gibt Gabi Ben‐Nun, stellvertretender Generalsekretär im Ministerium, zu. »Wir müssten allerdings die Gelder für die Unis aufstocken, um mehr Studierende annehmen zu können.« Das Ministerium denkt über eine Lockerung der Eingangstests nach: »Nach dem Motto ›Wer zuerst kommt, mahlt zuerst‹«. Einige der Maßnahmen, auf die das Gesundheitsministerium setzt, sind Förderprogramme für die Spezialisierung von Ärzten, der Bau einer neuen medizinischen Fakultät im Norden sowie die Einstellung von Anästhesisten aus Georgien. Die ersten zehn werden Anfang 2010 erwartet, nach der Prüfung ihrer medizinischen Voraussetzungen. Dem akuten Mangel an Krankenschwestern soll mit einem Umschulungsprogramm entgegengewirkt werden. Bislang haben sich 500 Frauen und Männer eingeschrieben. Außerdem sollen drei Schulen eröffnet werden, in denen 850 Krankenschwestern und -pfleger jährlich ausgebildet werden.

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