Helen Zille

Mutter Courage

von Wolfgang Drechsler

Spektakulärer könnte die Kulisse kaum sein. Von ihrem Panoramafenster im sechsten Stock der Kapstädter Stadtverwaltung schaut Helen Zille direkt auf den mächtigen Tafelberg, der wie eine Front aus grauem Fels den Innenstadtbereich der südafrikanischen Küstenmetropole von den schwarzen Townships in der sandigen Kapebene abgrenzt. An diesem Tag ist sein Massiv gestochen klar, bis in die kleinste Felsritze. Doch statt den Blick zu genießen, schaut die Bürgermeisterin der WM-Stadt 2010 lieber in ihre Akten.
Bei Helen Zille ist vieles anders, selbst ein normales Interview. Statt des üblichen Frage-Antwort-Spiels bevorzugt die deutschstämmige Südafrikanerin eine offene Diskussion. Schnell wird deutlich, dass sie mit Leib und Seele Journalistin geblieben ist. Dabei ist es mittlerweile 30 Jahre her, dass Zille, damals noch als Reporterin bei der legendären Rand Daily Mail, eine Sensation enthüllte: Als Erste berichtete sie 1977, dass der Schwarzenführer Steve Biko nicht an den Folgen eines Hungerstreiks gestorben war, wie es offiziell hieß, sondern von der Sicherheitspolizei in der Haft zu Tode geprügelt wurde. Jahrelang war Zille später im Anti-Apartheidskampf aktiv und versteckte dabei in den 80er-Jahren Mitglieder des damals noch verbotenen Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) monatelang im eigenen Haus.
Umso ironischer mutet es an, dass ausgerechnet sie drei Jahrzehnte später zum Schreckgespenst des nun am Kap regierenden ANC geworden ist. Zille, die im Mai zur neuen Vorsitzenden der liberalen Democratic Alliance (DA) gewählt wurde, Südafrikas größte Oppositionspartei, hat das geschafft, was vor ihr noch keinem anderen gelungen ist: Im März 2006 vertrieb sie den übermächtigen ANC in Kapstadt aus dem Amt und wurde Bürgermeisterin der Küstenmetropole an der Süd- spitze Afrikas.
Kaum jemand außerhalb der Kaprepublik nahm damals von ihrem Sieg größere Notiz. In Deutschland interessierten weit weniger die politischen Folgen als die deutsch-jüdischen Wurzeln der neuen Bürgermeisterin. Dabei war ihr Sieg ein Ereignis von großer Tragweite für das Land. »Wenn wir in Kapstadt unsere Regierungsfähigkeit unter Beweis stellen, wäre das ein Meilenstein für unsere junge Demokratie«, frohlockt Zille.
Wie mühselig dieser Weg, zumal in Afrika, jedoch sein wird, haben die vergangenen Monate gezeigt. Die Schmierenkomödie, die sich seitdem in Kapstadt abspielt, hat in den lokalen Medien ungezählte Seiten gefüllt. Obwohl der ANC alle neun Provinzen und auch vier der fünf größten Städte des Landes kontrolliert, erwies sich die frühere Widerstandsbewegung als denkbar schlechter Verlierer.
Höhepunkt der Kampagne, Zilles Regierungskoalition mit allen Mitteln zu sprengen, war ein Antrag des ANC, Kapstadts Stadtverwaltung unter die Kuratel der von ihm selbst kontrollierten Provinzregierung im Westkap zu stellen, weil die Stadt angeblich handlungsunfähig sei. Dabei machte vor allem die permanente Blockadepolitik des ANC der neuen Bürgermeisterin das Regieren lange fast unmöglich. Erst die Drohung Zilles, notfalls vor dem Verfassungsgericht in Johannesburg gegen ihre geplante Entmachtung zu klagen, bewog den ANC schließlich, den Antrag auf Vormundschaft zurückzuziehen.
Die Frau, deren Arbeitstag um vier Uhr morgens mit der Beantwortung von E-Mails beginnt und oft erst gegen 22 Uhr auf einer dienstlichen Veranstaltung ausklingt, funktioniert bei hoher Belastung am besten: »Ich blühe erst unter Druck richtig auf«, kokettiert Zille, wenn man sie auf den randvollen Terminkalender anspricht. Gleichzeitig ist sie für ihren Hang zu Gründ- lichkeit und Ordnung, aber auch für eine gewisse Ungeduld bekannt. »Da geraten deutsches Temperament und Afrika manchmal voll aneinander«, sagt die 56-Jährige und schmunzelt.
Dass sie die extreme Doppelbelastung durchhält, hat auch viel mit dem Mann zu tun, mit dem sie seit 25 Jahren verheiratet ist: dem burischen Soziologieprofessor Johann Maree. Zusammen mit ihren Söhnen Paul und Thomas leben die Zilles in einem bescheidenen Haus im Kapstädter Vorort Rosebank, gleich neben der Bahnlinie.
Wer nach den Wurzeln von Zilles beinahe exzessiver Arbeitsethik und ihrem unermüdlichen sozialen Einsatz sucht, wird immer wieder auf ihre Eltern stoßen. Beide waren in den 30er-Jahren unabhängig voneinander vor den Nazis aus Deutschland geflohen. Ein Großvater mütterlicherseits und eine Großmutter auf Seiten des Vaters waren Juden. Mutter Mila, eine geborene Cosmann, stammt aus Essen, Vater Wolfgang aus Dessau. Und es gibt eine direkte Linie zum berühmten Berliner Milieumaler und Karikaturisten Heinrich Zille. Dieser war ein Vetter des Großvaters – und Helen Zille ist demnach seine Großnichte. »Auf Heinrich Zille bin ich natürlich stolz«, sagt sie. »In unserer Familie wurde viel über ihn erzählt. Er hat mich aber auch deshalb inspiriert, weil er die einfachen Leute verstand.«
Als Tochter zweier Immigranten wuchs auch Helen Zille in eher bescheidenen Verhältnissen auf, anfangs in einem ländlichen Umfeld bei Johannesburg. Besonders stark war der Einfluss ihrer heute 88-jährigen Mutter Mila, die Helen politisch inspirierte, aber auch religiös stark beeinflusste. Ihr Vater Wolfgang war konfessionslos, aber dennoch »der ethischste Mann, den ich kannte«, sagt Helen Zille. Er war 1934 mit seiner Mutter nach Südafrika gekommen.
Während der inzwischen verstorbene Vater in der liberalen Progressive Federal Party (PFP) tätig war und später im Township Soweto bei Johannesburg lange Jahre eine Gruppe Querschnittsgelähmter betreute, engagierte sich Helens Mutter Mila in der Bürgerrechts- und Frauenbewegung Black Sash (Schwarze Schärpe), der auch Tochter Helen später beitrat. »Ich war 14, als Hitler an die Macht kam«, erinnert sich Mila Zille, die sich in ihrer Jugend stark mit ihrem jüdischen Hintergrund identifizierte, aber ihre Kinder später dennoch im christlichen Glauben erzog.
Mila verließ Deutschland unmittelbar nach der Reichspogromnacht im November 1938 und lebte anschließend zunächst längere Zeit in England. Erst 1948, gerade als die Apartheid am Kap offizielle Politik wurde, kam sie nach Südafrika. »Wir flohen vor dem Rassismus nach Südafrika – und wurden dort bei unserem Eintreffen sofort wieder mit dieser Blut-und-Boden-Geschichte konfrontiert«, sagte sie im vergangenen Jahr in einem Interview mit der »Welt«. »Ich war außer mir und beschloss: Dieses Mal sitzt du nicht einfach auf dem Sofa ... dieses Mal tust du was.«
Ein Großteil der Zille-Familie war jedoch nichtjüdisch. Helen wurde 1951 in einer Methodistenkirche getauft und ging später, genau wie ihre Schwester Carla, auf eine anglikanische Schule. Sie selbst bezeichnet sich als gläubig. »Ich gehe so oft wie möglich in die Kirche, aber schaffe es weniger häufig als mein Mann, der jeden Sonntag geht«, sagt sie.
Ihre Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben ist eher pragmatischer Natur. »Ich war immer der Ansicht, dass Jesus das Judentum zu Recht herausforderte und dass dies schließlich zu einem Paradigmenwechsel führte.« Sie selbst habe großen Nutzen aus dem Christentum gezogen. »Ich bin zudem mit einem im besten Sinne tief religiösen Mann verheiratet, dessen Glaube sein Leben in jeder nur denkbaren Weise bestimmt. Er ist nicht leicht zu überzeugen, aber geht an alles mit Mitgefühl und Güte heran – und versucht stets, die Perspektive des anderen zu verstehen«, sagt sie.
Umso unverständlicher ist es, dass heute ausgerechnet die Zilles vom ANC wegen ihrer weißen Hautfarbe angefeindet werden. Helen Zille selbst hat eine einfache Erklärung für die Ressentiments des ANC. »Zum einen sind seine Vertreter besorgt, dass wir es schaffen und den Menschen in Kapstadt eine politische Alternative bieten könnten.« Auch glaube der ANC offenbar noch immer, durch die Aura des Befreiers einen moralischen Anspruch auf die Macht zu haben.
Der Machtverlust in Kapstadt habe dem ANC aber auch deshalb Angst gemacht, weil er nun nicht mehr wie zuvor den eigenen Freunden und Verwandten Aufträge und Jobs zuschanzen konnte, glaubt sie. In nur zwei Jahren hatte es der ANC fast geschafft, Afrikas Touristenhochburg an die Wand zu fahren. Fast alle Posten waren vom ANC zuletzt allein nach dem Kriterium der Hautfarbe oder Parteizugehörigkeit und kaum noch nach Kompetenz vergeben worden – mit verheerenden Folgen für die Effizienz der Stadt und ihrer rund 3,5 Millionen Einwohner.
Zille kennt die Probleme in den Townships aus eigener Anschauung. Jahrelang hatte sie ihren Wahlkreis in einem der ärmsten und gewalttätigsten Slums vor den Toren von Kapstadt. Mehrmals in der Woche fuhr sie dabei in die Gebiete, in die viele weiße Südafrikaner noch nie einen Fuß gesetzt haben. Man hat auf sie geschossen, sie beleidigt und bei Wahlveranstaltungen mit Stühlen beworfen – es hat sie nur noch entschlossener gemacht.
Wer sich mit Helen Zille unterhält, hat fast durchweg das Gefühl, es mit einer Person zu tun zu haben, die sich auf einer politischen Mission befindet. Für die Bürgermeisterin geht es in Kapstadt in der Tat um nicht mehr oder weniger als die politische Zukunft des Landes. Was wäre also, wenn das Experiment misslingt? »Wenn ich mich um eine einzige Sache wirklich sorge, dann darüber, dass undemokratische Kräfte am Ende die Oberhand gewinnen. Das wäre in der Tat sehr gefährlich – und hätte gravierende Konsequenzen.«
Auf der anderen Seite könnte ein Erfolg in Kapstadt die politische Landschaft im Land weitreichend verändern – Zille spricht von dem berühmten Dominoeffekt. Schon deshalb ist politisches Engagement bei ihr keine Frage der Freiwilligkeit, sondern ein Mix aus Leidenschaft und Notwendigkeit. »Ich will nicht, dass auch noch Südafrika eine dieser gescheiterten Demokratien wird, von denen es auf dem Kontinent so viele gibt«, sagt Helen Zille.
Sie selbst träumt davon, dass Südafrika die erste große Demokratie sein könnte, die die Rassenschranke wirklich überwindet. Notwendig dafür sei »harte, harte Arbeit«. Und es sei »ein langer, langer, langer Weg«. Irgendwie fühlt man sich an Israels Staatsgründer David Ben Gurion erinnert, der einmal sagte: »Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist«.

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