Muslime

Muster ohne Wert

von Michael Wolffsohn

Juden gestern, Muslime heute: Welche Lehren und Vorhersagen lassen sich aus der deutsch‐jüdischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts bezüglich der Integration von Muslimen in Deutschland ableiten? Jenseits der Vergangenheit seien zehn Thesen für die Zukunft gewagt.
1. Die Quantität der deutschen Juden, ihr demografisches Gewicht entsprach nie der politisch‐gesellschaftlichen Qualität beziehungsweise Intensität der „Jüdischen Frage“. Die Mehrheit der nichtjüdischen Deutschen war bis 1945 weder willens noch fähig, diese kleine jüdische Minderheit innerlich zu tolerieren, zu akzeptieren oder gar zu integrieren. Dabei gab es in der Weltgeschichte kaum je eine Minderheit, die so willens und fähig war, sich bis zur Selbstauflösung zu integrieren, wie Deutschlands Juden. Selbstauflösung und „Endlösung“ kennzeichnen den Weg der Juden bis zu Hitler, „Auferstehung“ nach Hitler. Deutschlands Juden, „die“ Juden überhaupt, sind jedoch zur Selbstaufgabe nicht mehr bereit. Die jeweiligen gesellschaftlichen Spielregeln akzeptieren sie allerdings ohne Wenn und Aber. Die Furcht der Deutschen vor einer „Überfremdung“ durch die Juden war immer Hirngespinst. Quantitativ sind „die“ Juden nach 1945, auch seit der jüdischen „Massen“-Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion in die vereinigte Bundesrepublik, kein Problem der deutschen Gesellschaft und Politik. Qualitativ sind sie Subjekt und Objekt deutscher Symbolpolitik.
Die erste, leichte Integrations‐Herausforderung, die „Judenfrage“, haben „die“ Deutschen nicht bewältigt. Werden sie die zweite, erheblich größere Herausforderung bestehen – und zwar sowohl quantitativ‐demografisch wie qualitativ‐kulturell: die Aufnahme und Eingliederung der muslimischen Minderheit? Dabei ist diese Minderheit deutlich weniger willens und fähig zur Integration im Sinne einer Regelakzeptanz, nicht einer Selbstauflösung. Und sie wächst millionenfach – in Deutschland wie Westeuropa.
2. Die Mehrheit muss das Gefühl, ja, die Gewissheit haben, Mehrheit zu bleiben. Diese Gewissheit konnte die deutsche Gesellschaft gegenüber den Juden zwar haben und bis heute behalten, aber zu einer Integration hat diese Gewissheit, sicher bis 1945, nicht geführt. Die muslimische Gemeinschaft basiert auf dem Koran, der in einer und für eine islamische Mehrheitsgesellschaft konzipiert wurde. Ein Minderheiten‐Instrumentarium hat die muslimische Welt nicht entwickelt. Das bedeutet: Die nichtmuslimische Mehrheit, nicht nur in Deutschland, hat Probleme mit der muslimischen Minderheit und diese mit sich selbst, weil sie – mangels eines solchen Instrumentariums – als Minderheit keine muslimische Orientierung findet. Ausgehend vom islamischen Muster‐Stadt‐Staat Mohammeds, Medina, orientiert sich die muslimische Tradition, auch Gesetzgebung und Handlungsanleitung, an der einer Gesellschaft, in welcher der Islam den Ton angibt.
3. „Integration durch Sprache“: So lautet die gängige bundesdeutsche These, die fast jedes Gespräch über Integration einläutet. Die deutsch‐jüdische Geschichte zeigt das Gegenteil. Sprache mag funktional beiden Seiten den Wirtschaftsalltag erleichtern, doch Integration garantiert sie nicht. Die sprachlich überlegenen, zumindest ebenbürtigen Juden wurden damals nicht integriert, also von den Mehrheitsdeutschen nicht als zugehörig empfunden und behandelt, sie blieben Außenseiter.
Wer wagt die Prognose, dass die Integration der Muslime gelingt, die in ihrer ganz überwiegenden Mehrheit der deutschen Sprache viel weniger mächtig sind? Offenbar ist, dass selbst deren vollkommene Beherrschung kein hinreichendes Vehikel ist für eine gelungene Integration.
4. „Integration durch Bildung“: So lautet heute das Credo derer, die in ethnischen oder religiösen Parallelgesellschaften eine Gefahr für das demokratische Gemeinwesen erkennen. Wieder bietet die deutsch‐jüdische Geschichte die auf Empirie gestützte Gegenthese. Waren die Mendelssohns, Einsteins, Habers, Meitners, Ehrlichs, getauft oder ungetauft, weniger gebildet als die Müllers, Maiers oder Schmidts? Deutschlands Juden verkörperten nicht nur „Bildung“, sondern sogar Fort‐Bildung, sprich: Innovation. Auch diese vielfache Innovation führte nicht zu Integration. Die Mehrheit der muslimischen Minderheit ist heute erheblich schlechter ausgebildet und, gemessen am europäischen Bildungskanon, auch weniger gebildet als die Mehrheit der Deutschen. Es wird aber heute kaum leichter sein, ausgerechnet bildungsschwache Minderheiten einzugliedern und auch innerlich zu akzeptieren, als damals die bildungsstarke jüdische Minderheit.
5. Integration erreicht man durch den Ausgleich des „Kulturgefälles“. Ein solches Kulturgefälle trennte die Mehrheit der Deutschen nicht von den deutschen Juden, am allerwenigsten deutsche und jüdische „Bourgeois“ oder gar Großbürger. Wenn je eine Gruppe in Deutschland Bildungs‐ und Wirtschafts-„Bürgerlichkeit“ verkörperte, dann die deutschen Juden in Lebensstil, Lebensphilosophie und „bürgerlichem“ Einsatz für andere, sei er ideell oder materiell. Auch heute gibt es kein Kulturgefälle zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland, wohl aber zur muslimischen Minderheit: Die Differenz der Kulturen ist hier gewaltig, die dadurch bedingten Unterschiede im Hinblick auf Werthaltungen sind enorm groß, eine deutsch‐muslimische Bürgerlichkeit ist im Ansatz noch kaum erkennbar.
6. Weiter als der „Ausgleich des Kulturgefälles“ geht die „Akkulturation“, die kulturelle Anpassung. Die große Mehrheit der deutschen und zunehmend auch der „Ostjuden“ in Weimar‐Deutschland haben sie vollzogen, wenn auch unterschiedlich intensiv. Deutschlands heutige Juden sind ebenfalls „akkulturiert“. Die muslimische Minderheit ist es nicht.
7. „Assimilation schafft Integration“ hört man landauf, landab. Wirklich? „Assimilation“ geht weiter als „Akkulturation“, die auf das Erreichen der anderen Kultur zielt. „Assimilation“ bedeutet Anpassung bis hin zur Aufgabe des ursprünglich kulturell Eigenständigen. Die deutschen Juden waren mehrheitlich bis zur Selbstaufgabe assimiliert. Weder Akkulturation noch Assimilation bewahrten sie vor ihrem Schicksal. „Nach Auschwitz“ war ihre Mehrheit zur instrumentellen und ideellen Akkulturation bereit, nicht zur Assimilation. Das ist verständlich – und richtig. Die wachsende muslimische Minderheit von heute strebt offenbar weder Akkulturation noch Assimilation an.
8. Die soziologische, schichtenspezifische Dimension hängt mit dem bereits Erwähnten zusammen. Die Mehrheit der deutschen Mittel‐ und Oberschicht konnte und wollte die ebenfalls der Mittel‐ und Oberschicht angehörenden Juden nicht integrieren. Die deutschen Unterschichten zeigten gegenüber den deutschen Juden mehr Hilfs‐ und Rettungsbereitschaft als das etablierte Bürgertum. Tätige Hilfe, etwa das Verstecken verfolgter Juden, erlebte man im „Dritten Reich“ bei „kleinen Leuten“ häufiger als bei „Großkopferten“. Genau diese Schicht lässt heute „ihre“ Juden in ihre Kreise. Diese „hoffähige“ Schicht fehlt – bis auf wenige Ausnahmen – bei der muslimischen Minderheit auf absehbare Zeit völlig.
9. „Partizipation schafft Integration“ hören wir heute. Das klingt gut, ist aber von der deutsch‐jüdischen Geschichte ebenfalls widerlegt. Haben sich die deutschen Juden – die Rathenaus, Bambergers, Lasalles, Singers, Eislers – nicht um Partizipation bemüht? Sie haben zwar tatsächlich partizipiert, aber goutiert wurde es von der deut‐ schen Mehrheit nicht. Muslimische Partizipation in herkunftsdeutschen Parteien, Verbänden, Institutionen, Organisationen oder Vereinen ist bislang begrenzt. Weit eher wahrscheinlich ist eines Tages muslimische Partizipation im muslimischen Teil‐Rahmen – konkret: muslimische Parteien, die sich dem kommunalen, dem Landes‐ oder gar Bundeswettbewerb stellen. Die Folge einer solchen Partizipation wäre aber wohl
eher Polarisierung als Integration.

10. „Die Aufhebung der Segregation, der räumlichen Trennungen, bewirkt Integration.“ Schön wär’s. Wieder widerlegt die deutsch‐jüdische Geschichte die edle Hoffnung. Nach dem Fall der Ghettomauern hatten sich Deutschlands Juden nicht separiert oder segregiert. Ob freiwillig oder nicht, Deutschlands muslimische Minderheit lebt weitgehend getrennt von der Mehrheitsbevölkerung. Noch schlechtere Integrationsvoraussetzungen.
Die tolerante Gesellschaft bleibt eine wunderbare Utopie. Sie gleicht einer Don Quichotterie – die aber unerlässlich ist, wenn wir die Normen der Bürger‐ und Menschenrechte ernst nehmen. Sich allein auf die Erziehung zu verlassen, wäre töricht. Auf die rechtliche Absicherung kommt es an. Das Grundgesetz bietet eine solide, bewährte Basis. Sie hat sich praktisch‐politisch bewährt, wohlgemerkt, in derselben deutschen Gesellschaft, der einst Judenmord als legal und legitim galt. Sie verlangt anderes Denken und erst recht anderes Handeln und erzwingt es auch durch Androhung sowie Durchsetzung von Strafmaßnahmen – das Handeln mehr als das Denken. Der einzig verlässliche Garant der Menschenrechte ist eine humane Verfassung, nicht „der Mensch“, gar der „gute Mensch“.

Michael Wolffsohn ist Historiker an der Bundeswehruniversität München und im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München. Der Text ist die Kurzfassung des Schlusskapitels seines mit Thomas Brechenmacher am Donnerstag im Piper‐Verlag erscheinenden Buches „Deutschland, jüdisch Heimatland. Die Geschichte der deutschen Juden vom Kaiserreich bis heute“ (368 Seiten, 22,90 €).

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