Regina Yantian

Musik verbindet

von Stefan Wirner

Bereits Tage vor dem Konzert findet Regina Yantian keine ruhige Minute mehr. „Neuerdings reißen sich alle um uns“, sagt die 45‐Jährige. Seit fünf Jahren leitet sie den christlich‐jüdischen Shalom Chor Berlin, so viel Aufmerksamkeit wie derzeit aber wurde ihm bislang nicht zuteil. „Vielleicht liegt es ja am Mendelssohn‐Jahr und einem gesteigerten Interesse an jüdischer Musik“, vermutet Yantian.
Es wird ein außergewöhnliches Ereignis, dem die Zuhörer in der Baptisten‐Gemeinde Berlin‐Steglitz beiwohnen. Zu seinem 15‐jährigen Jubiläum bietet der Chor mit Kantor Isaac Sheffer am vergangenen Sonntagabend Auszüge aus seinem Repertoire – jüdisch‐liturgische Musik und israelische Lieder. Am Klavier sitzt Svetlana Stepovaja, die musikalische Leitung hat Yantian.
Der Chor ist im Jahr 1994 aus der Zu‐
sammenarbeit des damaligen Oberkantors der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Estrongo Nachama, mit dem Chor der Steglitzer Baptistengemeinde hervorgegangen. 35 Frauen und Männer aus verschiedenen Berliner Kirchengemeinden und der Jüdischen Gemeinde singen in ihm. Er tritt bei Gottesdiensten auf und gibt bereits Konzerte in vielen Städten Deutschlands und auch in Israel.
Yantian leitet neben dem Shalom‐Chor auch das Synagogal Ensemble Berlin an der Synagoge in der Charlottenburger Pestalozzistraße, wo sie überdies als Organistin tätig ist. Hier wird unter Kantor Sheffer eine besondere Tradition gepflegt: Das Ensemble mit seinen 20 Mitgliedern ist derzeit das einzige weltweit, das jeden Freitagabend, am Schabbatmorgen und an den jüdischen Feiertagen die Liturgie nach Louis Lewandowski (1821 bis 1894) zelebriert.
Während im herkömmlichen Gottesdienst der Kantor die Gebete leitet und die Gemeinde einstimmt, wird in dieser Tradition der Gesang der Gemeinde von einem Chor und einer Orgel unterstützt. Lewandowskis Verbindung jüdischer Tradition mit abendländischer Harmonik machte den Gottesdienst auch zu einem musikalischen Ereignis. Sie wurde im 19. Jahrhundert zum Ausdruck für das neue jüdische Selbstbewusstsein.
„Diese Form der Liturgie war vor allem vor dem Zweiten Weltkrieg sehr gebräuchlich, danach aber wurde die Tradition hierzulande nicht fortgeführt“, erklärt Yantian. „In Amerika wurde sie hingegen weiter gepflegt, hierfür stehen Komponisten wie Kurt Weill, der auch Stücke für Synagogen geschrieben hat, Ben Steinberg oder Meir Finkelstein.“
Yantian findet es wichtig, „dass Jugendliche diese Tradition kennenlernen und damit aufwachsen. Wir arbeiten auch mit Kindern, die sich auf ihre Bar‐ oder Batmizwa vorbereiten.“ Im Unterschied zum Shalom Chor besteht das Ensemble nur aus Berufsmusikern, die ihr Geld etwa an den Berliner Opernchören oder freiberuflich verdienen. „Bei uns singen zurzeit vor allem Nichtjuden, denn entscheidend ist für uns die musikalische Qualität“, sagt Yantian.
Die Chorleiterin ist mit Musik aufgewachsen. In Stuttgart geboren und in Minden groß geworden, lebt sie seit 1986 in Berlin. Schon zu Schulzeiten leitete sie einen Chor, sie verbrachte ein Jahr in einem Kibbuz in Israel und studierte an‐
schließend Judaistik und vergleichende Musikwissenschaft. Ihre Stelle an der Synagoge in der Pestalozzistraße ist auf ihre Art einzigartig in Deutschland. „Es steckt sehr viel Mühe darin“, sagt sie. „Wir arbeiten mit Noten, die über 100 Jahre alt und meistens unleserlich sind, in Hebräisch mit lateinischen Buchstaben.“
Yantian räumt ein, dass diese Form der Liturgie für orthodoxe Juden problematisch ist: „Die Orgel ist nicht unbedingt ein beliebtes jüdisches Instrument. Es gab auch Ressentiments innerhalb unserer Ge‐
meinde, manche assoziieren damit christliche Musik.“ Aber Yantian und Kantor Sheffer konnten Vorurteile abbauen und erfreuen sich inzwischen großer Unterstützung. So finanziere der Zentralrat der Juden in diesem Jahr acht Konzerte des Ensembles zusammen mit dem Shalom Chor, die Spielorte reichen von Konstanz bis Oldenburg.
„Es ist eine Musikkultur, die in Deutschland sehr verbreitet war. Ich will sie jüdischen, aber auch nichtjüdischen Menschen nahebringen“, sagt Yantian. Hierfür hat sich auch der Verein der Freunde und Förderer des Synagogal Ensemble Berlins ge‐
gründet. Die Musik des Ensembles liegt in‐
zwischen als CD mit dem Titel „Die Liturgie der hohen Feiertage“ (Jubal Music) vor.
Die Annäherung von Gegensätzen – das könnte Yantians Motto sein. Denn während sie sich mit dem Synagogal Ensemble vor allem um die Vermittlung jüdischer Musiktraditionen bemüht, ist für den Shalom Chor die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Religionen bezeichnend. Der interreligiöse Dialog sei zwar nicht ihre „Botschaft“, wie sie betont, aber wenn sie gefragt werde, „dann mache ich es gerne“.
Und die Anfragen häufen sich. So wurde der Shalom Chor vom buddhistischen Orden Shinnyo‐En eingeladen, am 21. Juni im Berliner Velodrom aufzutreten. Bei dem Konzert sollen vier Chöre mit unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit singen. „Die Leute sind sehr nett und be‐
müht“, sagt Yantian. Auch mit türkischen Chören habe man bereits zusammengearbeitet. „Die Türken waren sehr gut organisiert“, erzählt sie, bei einem Konzert sei der Sendesaal des rbb voll gewesen.
Trotz des großen Engagements darf das Privatleben nicht zu kurz kommen. Ihr Sohn macht gerade Barmizwa. Er ist Breakdancer, mit ihm zusammen hört Yantian auch gerne Popmusik. Sie liebe jede gute Musik – „von Jazz bis Pink Floyd“, wie sie sagt. Wenn sie Zeit dafür findet, geht sie auch ins Konzert, in die Oper oder in die Philharmonie. Aber wie es momentan aussieht, dürften die Abende, da sie nur Zuhörerin ist, in diesem Jahr seltener werden.

www.synagogal-ensemble-berlin.de

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