Juden und Indianer

Moishe trifft Weiße Feder

von Gerd Braune

Als David Ahenakew, eine bis dahin hoch respektierte Führungspersönlichkeit der kanadischen Indianer, im Dezember 2002 unvermittelt Hasstiraden gegen die Juden ausstieß, schockierte er die jüdische Gemeinde Kanadas und sein eigenes Volk. Noch ist der Fall Ahenakew juristisch nicht abgeschlossen. Unerwartete Folgen hat er in den vergangenen Jahren aber hervorgebracht: Die Beziehungen zwischen dem Canadian Jewish Congress (CJC) und der Assembly of First Nations, dem Dachverband der Indianervölker Kanadas, sind so eng wie nie zuvor. »Wir haben etwas Negatives in etwas Positives umgekehrt«, sagt Wendy Lampert, beim CJC für die Beziehungen zu anderen ethnischen und religiösen Gemeinden zuständig. Aus den schlimmen Entgleisungen Ahenakews sei »etwas Wundervolles« entstanden.
»In Bezug auf Diskriminierung und Rassismus haben wir dieselben Erfahrungen erlitten. Es ist im besten Interesse unserer beider Gemeinden, zusammenzuarbeiten«, sagt Phil Fontaine, der als Vorsitzender der Assembly of First Nations (AFN) und nationaler Oberhäuptling der Indianer Kanadas im Juni als erster AFN‐Chef auf der Generalversammlung des Jüdischen Kongresses Kanadas spricht. Zwei Jahre zuvor hatte eine von Fontaine und CJC‐Präsident Ed Morgan geführte Delegation Israel besucht und in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem der Opfer des Holocaust gedacht. Eine Gruppe indianischer Frauen hat in diesem Jahr das »Golda Meir Mount Carmel International Training Center« in Haifa besucht, das sich um die Förderung von Frauen in leitenden Positionen bemüht. Für Mitte November ist der Besuch einer CJC‐Delegation in Reservationen West‐Kanadas geplant, um den Repräsentanten des Jewish Congress einen Einblick in die Lebensverhältnisse der Indianer zu geben. »Auch wir müssen uns mehr mit ihren Erfahrungen auseinandersetzen«, meint Wendy Lampert.
Nach solch engen Beziehungen hatte es im Dezember 2002 nicht ausgesehen. Damals löste David Ahenakew, der von 1982 bis 1985 AFN‐Chef war, mit unglaublichen Aussagen zur Vernichtung der Juden durch die Nazis einen Sturm der Entrüstung aus. In einer Rede in Saskatoon, die die Gesundheitspolitik zum Thema hatte, schweifte er ab, kam auf den Irak, die Politik der USA und Israels, den Zweiten Weltkrieg und die Juden zu sprechen. Auf Nachfrage eines Reporters des »Saskatoon StarPhoenix« sagte er, die Juden hätten versucht, Deutschland und Europa zu übernehmen. Daher habe Hitler sechs Millionen Juden »gebraten«. Er verglich die Juden zudem mit einer Krankheit.
Der AFN entschuldigte sich sofort beim CJC. Der damalige Oberhäuptling Mathew Coon Come nannte Ahenakews Aussagen »hasserfüllt, dumm und unakzeptabel«. Er bedauere die Beleidigung »unserer jüdischen Brüder und Schwestern, die uns in vielen Kämpfen unterstützt haben«. Bei den Indianern war das Entsetzen groß. Niemand konnte nachvollziehen, wie Ahenakew zu solch horrenden Ansichten kommen konnte. Ahenakew war für viele eine Leitfigur im Kampf für indianische Rechte. Dass er jetzt einen Rassismus offenbarte, den er anderen gegenüber seinem eigenen Volk vorwarf, schockierte. Das konnte auch nicht mit Ahenakews Erklärung weggewischt werden, er habe sich aus Wut und Ärger über die Unterdrückung seines Volkes dazu hinreißen lassen. »Wir sind zutiefst traurig. Wir wissen, was Rassismus ist«, sagte Perry Bellegarde, Häuptling der Saskatchewan‐Indianer, der Indianer und jüdische Gemeinde zu einem Heilungsprozess und zum Dialog aufrief.
Bereits im Jahr 2004 sprachen Ed Morgan und Bernie Farber, Chief Executive Offiver des CJC, auf der AFN‐Versammlung in Yellowknife. Zwar hatte es schon vor dem Ahenakew‐Vorfall Kontakte zwischen beiden Organisationen gegeben, aber sie waren kein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit. »Nun erkannten wir, was wir tun mussten. Wir haben eine gemeinsame Geschichte der Diskriminierung. Wir haben beide erfahren müssen, Ziel von Hass zu sein«, erklärt Wendy Lampert. »Wir teilen diese Geschichte und sollten einander verstehen.«
Es ist auf beiden Seiten ein Lernprozess. Die Begegnungen in Israel waren für die Vertreter der Indianer bewegende Erfahrungen. Dazu gehört die Konfrontation mit dem Holocaust, aber auch die Erkenntnis, dass man gemeinsame Werte hat. »Die Ureinwohnervölker Kanadas haben viel mit dem Volk Israel gemein«, sagt Phil Fontaine. Dazu zählt er die Bedeutung, die Land und Sprache für beide Seiten haben. Dass Hebräisch von einer alten, fast ausgestorbenen Sprache zur offiziellen Sprache Israels wurde, nahmen die Indianervertreter bei ihrem Besuch im Nahen Osten mit besonderem Interesse zur Kenntnis. Von den mehr als 50 indianischen Sprachen ist nur eine Handvoll so gefestigt, dass ihr Fortbestand gesichert ist. »Wir glauben, wir können die gleichen Techniken in Kanada anwenden, um die Sprachen unserer Völker zu sichern«, meint Phil Fontaine. In einigen Indianergemeinden unterstützt die jüdische Gemeinde Kanadas nun Projekte, indianische Sprachen wiederzubeleben.
Für den Canadian Jewish Congress war die Auseinandersetzung mit den Folgen der sogenannten Residential Schools wichtig. Diese staatlichen Internatsschulen waren bis in die 70er‐Jahre hinein für Indianerkinder das dominierende Schulsystem. Sie wurden ihren Kulturen und Familien entrissen, um sie in das Wertesystem der »weißen« Gesellschaft einzufügen. Viele erlitten psychischen, physischen und sexuellen Missbrauch. Sie wurden entwurzelt, was heute als eine der Ursachen für soziale Probleme in indianischen Gemeinden gilt. »Wir verstehen, was es bedeutet, wenn uns Kinder weggenommen werden«, sagt Bernie Farber. Daher unterstützte der Jüdische Kongress auch den mehrjährigen Prozess, der im Sommer dazu führte, dass sich Kanadas Regierung offiziell für das Unrecht entschuldigte, das den Ureinwohnern durch die Residential Schools zugefügt wurde.
Ahenakew hatte sich wenige Tage nach dem Vorfall entschuldigt, seine Mitgliedschaft im kanadischen Verdienstorden wurde ihm genommen, zudem verlor er seinen Sitz im Senat der Föderation der Saskatchewan‐Indianer. 2005 verurteilte ihn ein Gericht wegen »vorsätzlicher Förderung von Hass« zu einer Geldstrafe von 1.000 Dollar. Ein Jahr später hob die nächste Instanz das Urteil mit der Begründung auf, der Richter habe nicht ausreichend geprüft, ob Ahenakew die notwendige Absicht hatte, das Verbrechen zu begehen. Er ordnete ein neues Verfahren an. Auch das nächsthöhere Appellationsgericht blieb bei dieser Ansicht. Im November wird Ahenakew erneut vor Gericht stehen – während sich CJC und AFN bemühen, ihre Beziehungen weiter zu stärken.

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