Jean Alberti

Mittendurch

von Katharina Born

Die Frau wusste gleich, wen ihr Sohn da zum Essen eingeladen hatte. Bei Tisch sprach sie von den neuen Zeiten, vom Geschäft ihres Mannes, das hervorragend lief, und von den feinen Waren, die unweit des zerbombten Hansaviertels im Zentrum von Berlin nun schon wieder zu haben waren. Erst nach der Hauptspeise wies sie den jungen Theologen aus Frankreich mit bedeutungsvoller Miene auf den Flügel im Salon hin. „Ein schönes Stück“, sagte Vater Alberti, „ein Blüthner“. „Sie erkennen ihn wieder?“, fragte die Frau. Alberti sah sie erstaunt an. Als Professor am Großen Seminar des südfranzösischen Autun war er im Sommer 1950 für eine Studienreise nach Berlin gekommen. Nicht zum ersten Mal begegnete ihm in der kriegszerstörten Stadt ein irritierender, zur Schau gestellter Wohlstand. Aber erst jetzt begann er eine Ahnung davon zu bekommen, warum ihm diese Selbstzufriedenheit so unerträglich war. Kurz vor dem Krieg, erklärte die Frau, habe sie den Flügel an sich genommen. Sämtliche Bombenangriffe und den Einfall der Russen habe er so überstanden. Jetzt würde sie ihm den Blüthner natürlich gerne überlassen, er habe schließlich seiner Familie gehört. Alberti verabschiedete sich, ohne den Nachtisch abzuwarten. Endlich an der frischen Luft hatte er plötzlich Mühe, sich zu orientieren. Seiner Erinnerung nach hätte die Straße zum Englischen Garten hin eine Rechtskurve machen müssen. Aber drei Häuser weiter endete sie in einem Trümmerfeld.
Ich lernte Jean Alberti vor zwei Jahren kennen, an seinem 90. Geburtstag. Ein leicht gebückter, fast erblindeter und schwerhöriger Mann, der noch der traurigsten Geschichte eine lustige Wendung abringt. Seit einigen Jahren lebt Alberti in einem Priesterheim am Stadtrand von Lyon, wo er jahrzehntelang an der theologischen Fakultät unterrichtet hat. Er ist der Großonkel meines französischen Mannes. Aber als Kind hat Onkel Jean, der damals Hanns hieß, wie ich im Berliner Hansaviertel gelebt.
Albertis Schicksal macht den ehemaligen Berliner, der in Frankreich katholischer Priester wurde, zu einem der letzten Zeugen einer deutsch‐französischen Geschichte, wie sie noch heute in beiden Ländern wenig bekannt ist. In Nazi‐Deutschland wurde er als Jude verfolgt, in Frankreich als deutscher Flüchtling ins Konzentrationslager gesperrt. Bevor er selbst abtauchen musste, half er jüdischen Flüchtlingen mit Taufscheinen über die spanische Grenze. In der katholischen Kirche wurde er sein Leben lang beargwöhnt. Und noch als erfolgreicher französischer Theologe schien Alberti auch in Berlin niemanden über die Verletzlichkeit desjenigen hinwegtäuschen zu können, der alles verloren hat.
Die Albertis bewohnten mit zwei Angestellten und einer englischen Gouvernante eine elegante Dreizehn‐Zimmer‐Wohnung direkt am Tiergarten. Hanns und seine drei älteren Schwestern Carla, Anne‐Marie und Josefa übten Klavier im Esszimmer, die Mutter besaß noch einen zweiten Blüthner im großen Salon. Den Urlaub verbrachte die Familie am Attersee in Oberösterreich, im belgischen Waulsort oder bei den Verwandten in Brügge. Am Wochenende spielte man Tennis am Wannsee.
Felix Ferdinand Alberti hatte in der Friedrichstrasse die „Kosmos‐Gesellschaft für internationalen Austausch industrieller Verfahren“ gegründet. Als Ge‐ schäftsführer reiste er viel und verdiente gut. Zu Hause gab sich der Diplomingenieur deutschnational und liberal. Aber wenn sein Sohn von der neuesten Aufführung von Lessings Nathan der Weise und der Gleichheit aller Religionen schwärmte, winkte Alberti verächtlich ab: Der Katholizismus war für ihn die höchste aller Religionen.
Während des Ersten Weltkriegs hatte er als Rittmeister der preußischen Armee zwanzig polnische Geiseln erschießen sollen. Der jüdische Militärgeistliche riet ihm, den Befehl zu befolgen. Der katholische dagegen sagte, er solle den Menschen die Flucht ermöglichen, denn das Töten sei eine Sünde. Seine Frau Elisabeth hatte sich bereits während der schwierigen Schwangerschaft mit Hanns 1915 bei den Eltern in Belgien taufen lassen. Nun trat auch Hanns’ Vater zum katholischen Glauben über.
Den siebenarmigen Leuchter sägte Felix Alberti eigenhändig in der Mitte durch. Nur seiner Mutter zuliebe stellte er die beiden Hälften für Chanukka wieder zusammen. Aber während die wohlhabende Witwe eines Kölner Bankiers zum Schabbat die benachbarte Synagoge besuchte, gingen Hanns’ Eltern ins Kino. Großmutter Leontine beklagte, daß „die Kinder“ den jüdischen Glauben nach tausendjähriger Verfolgung „einfach fallen gelassen“ hatten. Nach alter Tradition der rheinischen Rabbinerfamilie nannte sie Hanns als Erstgeborenen noch immer den „Rabbiner ehrenhalber“. Für das Laubhüttenfest zog Leontine mit einem Strohhut und Leckereien eingedeckt auf den Balkon, wo sie eine Woche lang eine Art Höhle aus Zweigen und Blättern bewohnte, um des Exodus des jüdischen Volkes zu gedenken. Den Kindern sagte sie dann: „Ihr kriegt keinen Kuchen von mir, ihr wollt ja keine Juden sein.“ Und die Kinder antworteten: „Oma, für Dich sind wir heute doch gerne mal Juden.“
Hanns besuchte wie so viele der großbürgerlichen Berliner Juden das französische Gymnasium am Reichstagsufer. Nachmittags wurde bei Kaffeekränzchen Musik gehört, getanzt, mit Mädchen geredet, und „ich bekam die schönsten Häuser von ganz Berlin zu sehen.“ Auf einem Foto sieht man den gutaussehenden jungen Mann in Kni‐ckerbockerhosen, mit zurückgekämmtem Haar und einem breiten Grinsen vor dem schmiedeeisernen Entrée der Brückenallee 29 stehen. Die Mutter trägt einen Mantel mit Pelzbesatz und einen Glockenhut. Unter das Foto hat seine Schwester Josefa mit geschwungener Mädchenschrift geschrieben: „Mutt und Hanns, Berlin 1932“.
Als ich Mitte der 80er‐Jahre mit meiner Familie in das Berliner Hansaviertel am Rande des Tiergartens zog, wirkte die Gegend wie die Neubebauung eines Parkgeländes. Für die Ausstellung „Interbau“ von 1957 hatten dort Architekten aus aller Welt aufsehenerregende Hochhäuser errichtet, um der Ostberliner Stalinallee die westliche Moderne entgegenzusetzen. Zwischen den Bahnhöfen Bellevue und Hansaplatz, zwischen der Spree und dem Großen Stern entstanden großzügige Stadtlandschaften aus bunten Wohnwürfeln, Türmen, Grünanlagen und Parkplätzen. Im Menzelgymnasium am Spreeufer sahen wir während des Unterrichts die Filme der Leichenberge im befreiten Auschwitz. Am Hansaplatz gab das Grips‐Theater jeden Abend vor ausverkauftem Saal das Stück Ab heute heißt du Sara über das Schicksal der Berliner Jüdin Inge Deutschkron. Auf dem Schulweg kamen wir an einer Gedenktafel zur Judenverfolgung vorbei, und nach der Wende besichtigten wir das ehemalige KZ Sachsenhausen bei Berlin. Diese Geschichten berührten mich damals sehr, aber sie blieben von einer fernen Abstraktheit, wie Schwarz‐Weiß‐Fotos in einem Album, das niemandem mehr gehört. Ich wusste nicht, dass das Hansaviertel schon lange vor der Bauausstellung existiert hatte. Und nie wurde erzählt, dass gerade in unseren Straßen einmal einige der bekanntesten jüdischen Familien Berlins gelebt hatten.
Dort, wo Anfang der sechziger Jahre die Akademie der Künste (West) am Rande des Tiergartens ihr neues Gebäude bezog, war vor dem Krieg eine Allee aus Platanen, von mächtigen Stuckfassaden gesäumt. Die Loggien und Terrassen der Bürgerhäuser reichten bis in den Park hinein. Nach dem Bombenangriff in der Nacht zum 23. November 1943 stand kaum noch ein Haus der Brückenallee. Doch zu diesem Zeitpunkt waren die Albertis längst fort.
Bereits mit der Weltwirtschaftskrise hatte Felix Alberti einen Großteil seines Kapitals eingebüßt. Zunächst halfen die Ersparnisse in Belgien und die wohlhabenden Verwandten. Doch bald zeichnete sich mit dem Aufstieg Hitlers die immer gefährlichere Situation der jüdischen Geschäftsleute ab. Nach dem Reichstagsbrand wurde die Familie in ihrer Straße nicht mehr gegrüßt. Albertis Bruder Rudolf wurde wegen sogenannter Betriebssabotage in seinem Treibstoffhandelsunternehmen verhaftet. Hanns wurde im Theater von Unbekannten beschimpft und angespuckt. Im April 1933 kamen die SA‐Männer in die Räume der „Kosmos“. Sie warfen die Möbel auf die Straße, schlugen den Geschäftsführer zu Boden und gingen nur deshalb wieder, weil Alberti im Befehlston darauf bestand, als hochdekorierter Offizier der preußischen Armee anständig behandelt zu werden.
Die Familie bezog zunächst eine kleinere Wohnung in der Charlottenburger Neuen Kantstraße. Die jüngste Tochter ging zu einer Tante in die USA. Josefa zog zu ihrem Onkel nach Belgien, wo sie bald heiratete. Die Witwe Gustav Stresemanns bat darum, die Verlobung ihres Sohnes mit der ältesten Alberti‐Tochter zu lösen, da er schließlich „aus bester preußischer Familie“ stamme. So reiste auch Carla unter Tränen ab, um in Italien zu heiraten. In einer Eidesstattlichen Erklärung vor dem Berliner Entschädigungsamt heißt es: „Zu jener Zeit wurden schon folgende Gegenstände unter Wert verschleudert: ein Schrank, ein Tisch, ein Eisschrank im Wert von 2.300 Reichsmark.“
Hanns stand kurz vor dem Abitur, das er mit einer Sondergenehmigung im April 1934 gerade noch ablegen durfte. Das Studium war ihm als „Volljude“ verboten. Spätestens, als er im neu begründeten Rassekundeunterricht einen zehnseitigen Auf‐ satz über die Minderwertigkeit des jüdischen Volkes schreiben musste, war ihm klar, dass seine Pläne, in Berlin ein berühmter Schriftsteller zu werden, einer längst verlorenen Welt angehörten. „Sie wissen, dass die Berliner Spree nicht gerade ein reißender Fluß ist“, sagt Onkel Jean mit einem Augenzwinkern. „Einige meiner Freunde hatten bereits erfolglos versucht, sich darin das Leben zu nehmen. Also sagte ich mir, ich muss auf Gott setzen, denn er allein ist stark genug, mir zu helfen.“
Auf Vermittlung eines befreundeten Dominikaners und eines Klassenkameraden, dem Sohn des französischen Botschafters, reiste Hanns nach Frankreich aus, um in Montpellier zu studieren. Völlig auf sich gestellt, beschloss Alberti aber schon bald, sein naturwissenschaftliches Studium abzubrechen und sich ganz dem katholischen Glauben zu widmen. Nachdem einige Einrichtungen keine Juden und schon gar keine Deutschen beherbergen wollten, wurde Alberti in das renommierte Großseminar von Saint Sulpice bei Paris aufgenommen.
Das viele Knien, das Weihwasser und der Pomp bei den Messen befremdeten den in einem liberalen Elternhaus aufgewachsenen jungen Mann. Oft fühlte er sich ausgeschlossen von den Freundschaften und Gesprächen der jungen Seminaristen. Sogar der Rektor ließ ihn fast täglich spüren, dass nach seinem Verständnis die Juden schuld am Tode Christi waren.
„Am schlimmsten war, dass ich ihn dann auch noch im Tennis geschlagen habe“, erzählt Alberti. „Aber ich habe nicht aufgegeben. Irgendwann ist dann die Kirche eben doch zu meiner neuen Familie geworden.“ Er räuspert sich. „Für mich. Für die Kirche bin ich immer der Jude geblieben.“
In ganz Europa befanden sich die Juden inzwischen auf der Flucht. Die Auslandsvisa wurden knapp, und die Ausreisebestimmungen beschnitten den Handlungsspielraum der Emigranten. Aber wenn Alberti im Seminar davon erzählte, warum er aus Berlin geflüchtet war, unterbrach ihn der Obere zornig, er solle aufhören, „die Lügen der Feinde Europas“ zu verbreiten. Die Monarchisten und extremen Rechten der „Action française“, die gerade unter den Traditionalisten der katholischen Kirche vertreten war, verbuchten in dieser Zeit der wirtschaftlichen Krisen eine wachsende Anhängerschaft. Der bereits seit Anfang der dreißiger Jahre nicht enden wollende Flüchtlingsstrom nach Frankreich verschaffte der antikommunistischen und antisemitischen Propaganda zunehmend Gehör. Als Frankreich am 3. September 1939 in Reaktion auf Hitlers Einfall in Polen dem Deutschen Reich den Krieg erklärte, schafften die französischen Behörden sämtliche „unerwünschten Ausländer“ in Internierungslager.
Schon für die Flüchtlinge des Spanischen Bürgerkriegs waren sogenannte Konzentrationslager eingerichtet worden, in denen wegen unwürdiger Bedingungen mehrere Tausend ums Leben kamen. Nun wurden in ganz Frankreich in einer Mischung aus Kontrollwahn und Paranoia vor allem für die deutschen und österreichischen Flüchtlinge sowie für die Juden Osteuropas mehr als 300 weitere, teils stark provisorische Sammel‐ und Arbeitslager geschaffen.
Bei seiner Ankunft in dem ihm zugewiesenen Fußballstadion Colombes bei Paris wurde Jean Alberti Anfang September 1939 klar, wie sehr nun auch in Frankreich die Welt aus dem Lot geraten war. Bis zu 7.000 Gefangene waren auf den Zuschauertribünen ohne jegliche Vorkehrungen, ohne Toiletten, Waschmöglichkeit und Wechselkleidung zusammengepfercht. Der Kommandant des Lagers unterschlug das Geld zur Verpflegung der Gefangenen. Manche der Internierten waren bald so entmutigt, dass sie sich das Leben nahmen. Der junge Seminarist eilte von einem Gefangenen zum nächsten, half mit Worten und Gebeten, tröstete, übersetzte, vermittelte. Er erklärte dem verblüfften französischen Wachpersonal, warum ein or‐ thodoxer Jude lieber sterben wollte, als seinen Hut abzusetzen. Und dem halbnackt im Waschraum kauernden Rabbiner lieh er für die obligatorische Dusche nach der Aufnahme ins Lager seine Mütze. Vor allem setzte sich Alberti für die Hygiene und die Nahrungsversorgung der Häftlinge ein. „Ich habe dem Kommandanten immer wieder vorgehalten, er habe kein Recht, uns wie Verbrecher zu behandeln. Manchmal hat das genützt.“ Es blieb kaum Zeit zum Nachdenken, sagt Alberti heute. „Aber dass die Franzosen uns, die wir vor Hitler geflohen waren, mit einer solchen Arroganz und Herablassung behandeln würden, war für mich ein schwerer Schock.“
Für viele der Emigranten begann mit dem Stadion von Colombes eine wahre Odyssee durch die französischen Klein‐ und Kleinstlager. Alberti ließ man als Priesteranwärter des bekannten Seminars von Saint Sulpice nach einer Woche wieder gehen. In dem Lager hat er sich zum ersten Mal in seinem Leben tatsächlich als Jude gefühlt. Gleichzeitig war er sich so sicher wie nie zuvor, dass er „das Wort Gottes“, mit dem er sich selbst und andere vor der Verzweiflung hatte retten können, tatsächlich zu seinem Beruf machen wollte.
Als die Deutschen im Mai 1940 über die Niederlande, Belgien und Luxemburg in Richtung Paris marschierten, trafen sie auf ein völlig unvorbereitetes Frankreich. Statt über militärische Gegenwehr nachzudenken, debattierte man über das Gerücht von einer „fünften Kolonne“, die mit Sabotage und Spionage Hitlers Blitzkrieg vorbereite. Während Tausende Flüchtlinge noch immer in französischen Lagern saßen, folgte ab Mitte des Monats eine zweite Welle der Masseninternierung.
Alberti gelangte über ein Pariser Sammellager in das Camp du Ruchard bei Tours. Die größte Angst der etwa 400 Internierten war, man werde sie an die Deutschen ausliefern. Es bestand keine Hoffnung mehr, dass die französischen Streit‐ kräfte Hitlers Truppen aufhalten könnten. Am 14. Juni besetzten sie Paris, kurz da‐rauf das südlich gelegene Tours. Erst in der Nacht zum 20. Juni öffnete der Kommandant endlich die Tore des Lagers. Alberti hoffte, sein Priesterseminar zu erreichen, das während des Krieges nach Limoges verlegt worden war. Ausgehungert und in einer abgerissenen Soutane machte er sich zu Fuß auf den Weg. Italienische Flugzeuge beschossen die Straßen, auf denen sich endlose Flüchtlingsströme nach Süden bewegten. In den Dörfern verdächtigte man den ausgehungerten, bärtigen Fremden mehrfach, ein deutscher Fallschirmspringer zu sein. In letzter Minute konnte er einer standrechtlichen Erschießung entgehen. Einmal ließen ihn die Gendarmen gehen, weil sie glaubten, er werde ohnehin an Schwäche sterben. „Der Glaube hat mir das Leben gerettet“, sagt Alberti heute. „Uns Katholiken hilft das Wissen, dass Gott stark ist und die Menschen schwach.“ Dann denkt er kurz nach. „Auch wenn ich mindestens genauso vom Segen des jüdischen Galgenhumors überzeugt bin. Ohne den hätte ich vielleicht doch den Mut verloren.“
Kurz nach dem Waffenstillstand am 22. Juni erreichte Alberti schließlich Limoges. Er bestand die eilig angesetzte Prüfung und wurde zur Priesterweihe zugelassen. „Im Eilverfahren und um sieben Uhr morgens! Damit ja niemand merkt, was für ein komischer Vogel da geweiht wird, der so abgemagert ist, dass ihm keine Soutane mehr passt.“ Doch schon einen Monat später, im Juli 1940, wurde Alberti wieder interniert. Die Auslieferung deutscher Flüchtlinge an die Besatzer gehörte zu den vom Vichy‐Régime oft übereifrig erfüllten Teilen des Waffenstillstandsabkommens. Als es eines Abends in dem behelfsmäßigen Lager im Limousin hieß, die Deutschen kämen, floh Alberti in der allgemeinen Panik in den Wald. „Ich hatte dazugelernt. Nur eine Handvoll meiner 200 Mithäftlinge hatte den gleichen Einfall. Zwei begingen sofort Selbstmord. Alle anderen kamen in den Vernichtungslagern um.“
Diesmal war auch einem seiner Freunde in der Kirche klar geworden, dass Alberti untertauchen musste. Unter falschem Namen unterrichtete der junge Priester zunächst in einer Klosterschule in Montpellier. Dann lernte er den Dominikaner‐Oberen Joseph‐Marie Perrin kennen, der Juden half, nach Toulouse und über die spanische Grenze zu gelangen. Gemeinsam stellten sie Taufscheine aus und unterrichteten die Flüchtlinge in den Grundzügen des Katechismus. Alberti und seine Verbindungsmänner von der Résistance wurden immer mutiger, bis im November 1942 die Deutschen in die „Zone libre“ einmarschierten. Perrin wurde von der Gesta‐ po gefasst. Wieder konnte Alberti in letzter Minute flüchten. Bis in die abgelegene Klosterschule von Ardouane im Hérault, wo es weder Elektrizität noch fließendes Wasser gab, drang die Gestapo bis Kriegs‐ende nicht vor.
Bereits 1937 waren auch Albertis Eltern und seine Großmutter nach Paris geflüchtet. Jeans Vater war in einem Zustand schwerer geistiger Verwirrung aus einem ersten Arbeitslager in der Normandie entlassen worden. Auch aus dem „Judenlager“ in Bordeaux kam er während der Wirren des Waffenstillstands wieder frei. Unter den deutschen Besatzern wurden die Albertis in ihrer kleinen Wohnung in der Pariser Rue Thiers regelmäßig verhört und von Behörden schikaniert. Großmutter Leontine erlag einer Panikattacke, als sie die französische Fremdenpolizei für die Gestapo hielt. Im Sommer 1942 begann die Polizei, auch in Paris Judentransporte für die deutschen Vernichtungslager zusammenzustellen. Felix und Elisabeth Alberti, die inzwischen beide weit über 60 Jahre alt waren, konnten sich mithilfe ihres belgischen Schwiegersohns, Josefas Mann, aus dem Sammellager Drancy freikaufen. Mit falschen Papieren gelangten sie nach Belgien und überlebten, auf einem Dachboden versteckt, den Krieg.
Erst im August 1946 sah Jean endlich seine Eltern wieder. Elisabeth Alberti hatte Haare und Zähne verloren. Völlig entkräftet starb sie bald nach Kriegsende. Felix Alberti hatte einen schweren Herzschaden davongetragen. Nun erfuhr man auch vom Tod Onkel Rudolfs im Konzentrationslager Theresienstadt. Der Rest der Familie war in die USA gelangt. Nur Josefa, deren Mann an der Front war, flüchtete mit ihrer kleinen Tochter nach Portugal. Auf den letzten Fotos vom Sommer 1939 sitzt die zweijährige Janine, die heute meine Schwiegermutter ist, lachend in einem weißen Kleid‐ chen im Garten ihrer Eltern. Das Familienalbum reißt an dieser Stelle ab. Der neue Band beginnt erst wieder mit Fotos von Janines Firmung aus den fünfziger Jahren.
Im September 1954 stellt der Berliner Syndikus Curt Behrendt im Auftrag der Familie Alberti den Antrag auf Entschädigung für die Verfolgung durch das nationalsozialistische Régime. Das ab 1933 ausgefallene Gehalt Felix Albertis wird dem ehemaligen Geschäftsführer der „Kosmos“ bis zur Höchstgrenze von 40.000 Mark erstattet. Noch bevor er im Januar 1955 stirbt, erhält er auf Drängen des Anwalts eine Vorauszahlung. In einem Vermerk von 1965 heißt es, die Erben hielten die Ansprüche des Verfolgten auf Entschädigung nur noch für die Zeit der Illegalität in Belgien aufrecht, sowie für das „Sterntragen in Frankreich“. Die Haftzeiten von 1939 und 1940 in Frankreich seien „ohnehin nicht entschädigungsfähig“, da es sich um „fremdenpolitische Maßnahmen der französischen Behörden“ gehandelt habe.
Pater Alberti verlässt das kleine Zimmer in seinem Lyoner Priesterheim nur noch für die Mahlzeiten und die tägliche Messe. Von Zeit zu Zeit kommt eine ehemalige Schülerin, um ihm aus der Zeitung vorzulesen. Auch wenn seine Augen die Fotos schon seit Jahren nicht mehr erkennen, weiß Onkel Jean genau, an welcher Stelle über der Kommode die alten Schwarz‐Weiß‐Bilder der Familie hängen: Großmutter Leontine, die Mutter, die geliebten Schwestern. Die holzgeschnitzte Maria vor dem Fenster stammt noch aus Deutschland. An der Wand hängt der Druck einer alten Mizrah, den ihm ein befreundeter Rabbiner geschenkt hat. Sonst scheint nichts darauf hinzuweisen, dass Jean Alberti kein Priester wie die anderen ist. „Noch heute wirft man mir hier meine übermäßige Kontaktfreudigkeit, meinen Humor und meine Redseligkeit vor. Die finden, das passt nicht zu einem Geistlichen. Aber das ist eben mein jüdisches Temperament. Ich bleibe ein Entwurzelter, ewig auf Wanderschaft.“
Dabei wurde Alberti noch in den vierziger Jahren das Recht auf die französische Staatsbürgerschaft eingeräumt: „Für meine Verdienste um die Jugend der Nation, weil ich im Hérault Waisenkinder aufgenommen habe. Nach dem Krieg gab es in Frankreich nur noch Helden und Résistance‐Kämpfer. Genau wie es in Deutschland nur noch unschuldige Kriegsopfer und wohlverdienten Reichtum gab.“
Auf die Frage, warum er das Angebot der Berliner Dame, das Klavier seiner Familie zurückzugeben, damals nicht angenommen hat, braust Onkel Jean auf: „Die dachte doch tatsächlich, ich würde einfach vergessen, dass die sich alles angeeignet haben, nachdem wir weg waren. Außerdem war das gar nicht unser Blüthner. Vielleicht war es der meines Onkels.“ Er grinst verschmitzt. „Und drittens, hätte ich in meinem kleinen Priesterzimmer doch gar keinen Platz gehabt für einen Flügel.“

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