Konstanz

Mitten im Leben

von Frank van Bebber

Vor einem Jahr kannten die neun Konstanzer Design‐Studenten noch keine jungen Leute wie Alexandra und Robert Kattein, Dima Slutskin, Daniel Schulkin oder Susan Sideropolous. Und andererseits kannten sie sie doch: Alexandra und Robert Kattein leben mit ihnen in derselben Stadt. Susan Sideropolous ist Schauspielerin in der RTL‐Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und fast jeden Tag im Fernsehen zu sehen. Den Studenten war nur nicht klar, daß sie Jüdin ist. „Wir wissen, wie viele Opfer es im Holocaust gab, aber wie viele Juden es heute in Deutschland gibt, wissen wir nicht“, sagt Jörg Schwertfeger.
Er und acht Kommilitonen aus dem Studiengang Kommunikationsdesign hatten sich vor einem Jahr gemeldet, als Professoren an der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung das Projekt „Jüdische Jugend heute in Deutschland“ ausschrieben. Ziel sei gewesen, „auf unsere Gegenwart zu schauen in einer Weise, wie wir es noch nicht getan haben“, erklärt Professor Volker Friedrichs. Studenten, die sich mit Gestaltung befassen, soll‐ ten die „Kraft des Dokumentarischen erfahren“. Die neun machten sich auf, um Ma‐ terial für eine Ausstellung und einen Film zusammenzustellen. Ein Jahr hatten sie Zeit, mit jungen Juden in Deutschland zu sprechen. „Wir hatten so wenig Ahnung von jüdischer Jugend“, sagt Daniela di Lena, „da waren wir durchaus repräsentativ.“
Als erstes trafen sie in Konstanz Alexandra und Robert Kattein, sehr unterschiedliche Geschwister. Alexandra war von Anfang an begeistert, vor der Kamera zu erzählen. Sie spreche immer offen, sagt sie. Schlechte Erfahrungen habe sie nie gemacht. Ihr Bruder dagegen erinnert sich ein Jahr später noch an das komisches Gefühl dabei: „Ich bin bislang verhalten mit meinem Judentum umgegangen und habe es nicht an die große Glocke gehängt.“ Jüdisch zu sein, sei für ihn kein Glauben, sagt Robert. „Für mich ist das eher die Gemeinschaft. Man gehört zusammen.“ Für das Ausstellungsfoto stand er zunächst vor dem Konstanzer Mahnmal für die deportierten Juden. Dann ließ er sich fröhlich beim Bier fotografieren. „Ich trinke gerne eins und wollte zeigen, daß ich so wie jeder andere Student bin.“
Der lockere Umgang der ersten Interviewpartner half den neun Studenten. „Wir waren meist verkrampft“, erinnert sich Schwertfeger. Doch die Gleichaltrigen plauderten bald unbefangen miteinander. Viele jüdische Jugendliche hatten bereits vorher schon einmal mit Journalisten gesprochen. Der entscheidende Unterschied jetzt war jedoch, daß die jungen Juden in den Gesprächen mit den Studenten „nicht das Judentum in Deutschland repräsentieren sollten, sondern es galt, einfach über sich selbst zu erzählen“, sagt Lisa Worbis.
Ein Kontakt ergab den nächsten, bald war das Projekt einer Ausstellung unter den jüdischen Jugendlichen in Deutschland bekannt. Zudem übernahmen Zentralratspräsident Paul Spiegel und der baden‐württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger die Schirmherrschaft. Von Konstanz aus tourten die Interviewer 5.000 Kilometer durch 14 Städte und trafen 60 junge Leute.
Eine Antwort auf die Frage „Wie sind junge Juden in Deutschland?“ wollen und können die Studenten nicht geben. In ihrer Ausstellung in der Konstanzer „Galerie im Turm“ zeigen sie die Fotografien und Interviews unkommentiert und unverändert, auch in ihrer Widersprüchlichkeit. Das Spektrum reicht von der jungen Frau, der erst im Interview klar wird, daß sie Jüdin ist, bis zur angehenden Rabbinerin, die sich früher als Junge verkleidet in die Synagoge schlich.
Da erzählen Studenten, Sportler, Schüler und shoppende Teenager. Der Kölner Student Eugen Panov, 22, berichtete ausführlich über seine Beschneidung. „Religion interessiert mich nicht so“, sagt er dann. Ein paar Sätze später erklärt er: „Mit der Beschneidung geht man einen Bund mit Gott ein. Vielleicht ist auch noch ein bißchen Gruppenzwang dabei.“
Die Rapper und DJs Dima Slutskin und Daniel Schulkin laden die Konstanzer Studenten gleich zu einer Party ein. „Ich könnte überall auf der Welt leben“, sagt Dima, der aus Rußland nach Deutschland zugewandert ist. Wenig später lenkt der 20jährige ein und bekennt: „Wenn man darüber nachdenkt, ist Deutschland für Juden ein Luxusland.“ In Israel werde man in die Armee eingezogen, und es herrsche Krieg. Sein Kumpel Daniel ergänzt, sein Herz schlage etwas für Israel. Er war noch nie da. In Deutschland fühle er sich sicherer.
Unklomplizierte Gespräche, die vor allem die älteren Besucher der Ausstellung nach dem Holocaust kaum für möglich gehalten hätten. Er sei leider nicht so unbefangen, bekennt auch der Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank (Grüne). Die Ausstellung sei Zeichen der Hoffnung, „weil das für uns bedeutet, die Nazis haben nicht gesiegt“.
So locker geht es aber nicht immer zu. Schülerin Rabea weist vor dem Besuch eines jüdischen Altenheims darauf hin, daß man man zunächst den Sicherheitschef treffe. „Das kennt ihr ja sicher schon“, setzt sie stillschweigend voraus. Vor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg heißt es: Keine Bilder vom Gebäude, nicht von Fenstern und Kameras.
Schauspielerin Susan Sideropolous, 25, sagt in der Dokumentation, was viele junge Juden ähnlich betonen: „Die Vergangenheit darf nicht vergessen werden.“ Es sei gut, daß es das Mahnmal in Berlin gebe. Aber sie sagt auch: „Es gibt so viele andere Dinge, die das Judentum ausmachen. Dinge, die sehr schön und sehr positiv sind.“ Für den Studenten Jan Schwert‐ feger ist das jüdische Leben nach den vielen Gespräche inzwischen „ein völlig normaler Teil der deutschen Gesellschaft“. Ein Teil, den er vor einem Jahr nicht kannte. Nun fragt er sich: „Was ist mit den anderen Bereichen, von denen ich keine Ahnung habe?“

Die Ausstellung „Jüdische Jugend heute in Deutschland“ ist in der „Galerie im Turm“, Kulturzentrum am Münster, noch bis zum 30. April, dienstags bis freitags 12 bis 18 Uhr und am Wochenende 10 bis 17 Uhr geöffnet.

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