entwarnung

Mit Ruhe und Gelassenheit

Am Jüdischen Krankenhaus Berlin gibt man sich betont ruhig. »Eigentlich«, sagt Michael Pe-
ters, Pandemie-Beauftragter der Klinik, »kann es nächste Woche mit den Impfungen losgehen.« In der Heinz-Galinski-Straße ist man auf alle Eventualitäten in Zusammenhang mit der »Schweinegrippe« gut vorbereitet. Peters und seine Kollegen vom Pandemiestab des Klinikums stehen in ständigem Kontakt mit dem Berliner Senat, der sie über die neuesten Entwick-
lungen in Sachen H1N1 auf dem Laufenden hält. »Die entsprechenden Pläne liegen in den Schubladen«, sagt Peters.
Allerdings scheint sich die Aufregung mittlerweile größtenteils gelegt zu haben. »Ab und zu kommt noch ein Patient und fragt, wie er sich gegen die Schweinegrippe schützen kann«, berichtet der Experte. Die Zahlen-Buchstaben-Kombination »H1 N1«, die noch vor wenigen Monaten wie ein Menetekel durch die Medien geisterte, hat allem Anschein nach viel von ihrem Bedrohungspotenzial eingebüßt. Bei der Jüdischen Gemeinde zu Berlin scheint man die Sache mit der »Schweinegrippe« mittlerweile sogar mit Humor zu nehmen. »Sie wollen jetzt wohl wissen, ob wir die Mesusa nicht mehr küssen?«, fragt die Dame aus der Presseabteilung.
Tatsächlich hatten noch Mitte August israelische Ärzte angeregt, das Küssen der Mesusot nur anzudeuten, um die Anste-
ckungsgefahr zu verringern. 32 Todesopfer hat die neue Grippe bislang in Israel gefordert. Für Deutschland hingegen weist das European Centre for Disease Prevention and Control bislang zwei Todesfälle aus.

vorsorge Wohl deshalb sind weder die Pandemie selbst noch die diese Woche be-
ginnenden Impfungen ein großes Ge-
sprächsthema in den Gemeinden. »Gott sei Dank«, sagt Rabbiner Jaron Engelmayer von der Synagogen-Gemeinde Köln, »gab es bei uns bislang keinen größeren Gesprächs-
bedarf.« Ähnlich stellt sich die Situation in Dortmund dar, wie Rabbiner Avichai Apel berichtet: »Bislang hat mich lediglich eine Schwangere angesprochen. Sie will sich vor-
erst nicht impfen lassen, weil noch zu we-
nig über die Nebenwirkungen bekannt ist.«
Beide sind sich einig, dass von Angst in den Gemeinden bislang nichts zu spüren ist. »Die Menschen wissen Bescheid«, erklärt Apel, »aber sie fürchten sich nicht.« Auch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz hat sich bislang nicht mit dem Thema befasst. »Aber wenn die Ärzte die Impfung empfehlen, wird sich die Konferenz dem anschließen«, ist Apel überzeugt.
Derweil stehen die ersten Kontingente des Grippe-Impfstoffs »Pandemrix« bereit. 50 Millionen Dosen des neu entwickelten Medikaments sollen in den kommenden Monaten produziert werden. Grundsätzlich kann sich jeder Bundesbürger impfen lassen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) em-
pfiehlt eine schrittweise Durchführung. Als Erste sollten diejenigen geimpft werden, die durch ihren Beruf mit einer großen Anzahl Menschen in Berührung kommen: Polizisten, Ärzte, Pflegekräfte.

informationsmangel Dazu zählen auch die Angestellten jüdischer Pflegeeinrichtungen, wie des Altenzentrums Nelly-Sachs-Haus in Düsseldorf. Dort allerdings fühlt man sich seitens der Ämter nicht ausreichend informiert. »Bis jetzt halten wir uns an das, was wir von den Medien und dem Gesundheitsamt erfahren haben«, betont Peter Hahn, Leiter des Altenzentrums. »Und das ist ziemlich wenig.«
Einstweilen achte man darauf, dass Personal und Besucher die Hygienevorschriften einhielten. Eine Impfempfehlung wolle er seinem Personal derzeit allerdings noch nicht geben, betont Hahn. Zu ungenau seien bislang die Informationen über mögliche Nebenwirkungen des Impfstoffes. »Eine Empfehlung wäre unqualifiziert. Wie soll ich guten Gewissens etwas empfehlen, von dem ich selbst zu wenig weiß?«
Im Frankfurter Budge-Altenheim wird den Mitarbeitern mittlerweile zur Impfung geraten, auch wenn die Nachrichten über Ausbreitung und Verlauf der Schweinegrippe bislang »eher beruhigend« seien, wie Heimleiter Heinz Rauber betont. Größere Sorge bereite der Heimleitung derzeit die saisonale Influenza, gegen die sich ein Großteil des Personals bereits impfen lasse.
Ähnlich unaufgeregt gibt man sich an jüdischen Bildungseinrichtungen. »Zu Be-
ginn des Schuljahres war die Grippe kurzzeitig Thema bei den Eltern«, berichtet Da-
rina Purgil, Leiterin der Jüdischen Grundschule in Stuttgart. Daraufhin habe man Infomaterial an die Schüler und Eltern verteilt. Mittlerweile habe das Interesse aber auch hier deutlich nachgelassen.

nebenwirkungen Ebenfalls auf Aufklärung setzt man an der Jüdischen Oberschule Berlin. Hier arbeite man besonders eng mit der für die Schule zuständigen Arbeitsmedizinerin zusammen, erklärt der stellvertretende Schulleiter Uwe Jacobs. Auch hier schaut man vor allem auf die jährlich wiederkehrende Grippewelle. Rund die Hälfte des Kollegiums lasse sich dagegen impfen. »Ansonsten können auch wir erst mal nur abwarten«, sagt Jacobs.
Abwarten kann man sich im Jüdischen Krankenhaus nicht leisten. »Vorerst müssen wir jeden Patienten, der hierher-kommt so behandeln, als könnte er die Grippe haben«, betont Michael Peters. Die Skepsis gegenüber den noch relativ neuen Impfstoffen könne er aufgrund der Schlag-
zeilen der vergangenen Tage zwar durchaus nachvollziehen, dennoch empfiehlt er den sogenannten Risikogruppen, eine Impfung in Betracht zu ziehen: »Bei Schwangeren und Krankenhausangestellten ist das si-cherlich eine Überlegung wert.«

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