Raketen-Schutzsysteme

Mit Laser, Infrarot und Fackeln

von Ralf Balke

Den 28. November 2002 werden die 261 Passagiere des Arkia‐Fluges von Mombasa in Kenia nach Tel Aviv wohl nicht so schnell vergessen. Nur um Haaresbreite entging die Maschine der israelischen Chartergesellschaft einem Anschlag, als Al‐Kaida‐Terroristen zwei SA‐7 Strela Flugabwehrraketen auf die Boeing 757 abschossen. Allein das Geschick der Piloten und eine gehörige Portion Glück verhinderten die Katastrophe. Ein Jahr später erwischte es eine DHL‐Frachtmaschine über dem Irak. Der Airbus A 300 erhielt einen Turbinentreffer, schaffte aber eine Notlandung in Bagdad. Das Besondere daran: Der Abschuß wurde auf Video festgehalten und im Internet verbreitet. Zu sehen ist eine Gruppe vermummter Männer, wie sie mit einer von der Schulter abgefeuerten Rakete den Airbus vom Himmel holen.
»Das Schlimme ist, daß es unglaublich einfach ist, eine solche Waffe zu besorgen und abzuschießen«, sagt Pnina Joseph, Marketing‐Managerin der zum Israel Aircraft Industries‐Konzern gehörenden Elta Systems Group. »Jeder potentielle Attentäter kann sich seinem Ziel mit einem ganz normalen Koffer nähern, ohne dabei Verdacht zu erregen. In wenigen Minuten hat er die Flugabwehrrakete zusammengeschraubt und abgeschossen.« Rund 600.000 solcher MANPADS (Man Portable Air Defence Systems) wurden in den vergangenen Jahrzehnten weltweit produziert. Zwar befindet sich ein Großteil davon in den Arsenalen regulärer Armeen, doch laut des Fachmagazins »Jane’s Defense Weekly« sind etwa dreißig Terrororganisationen in Besitz dieser effektiven Waffe, die auf dem Schwarzmarkt schon ab 5.000 Dollar zu haben ist. Einem Geheimdienstwitz zufolge sind MANPADS in Afghanistan und im Irak derzeit die beliebtesten Hochzeitsgeschenke.
Direkt nach dem Vorfall in Mombasa autorisierte Premierminister Ariel Scharon die Entwicklung eines Abwehrsystems für Angriffe durch die gefürchteten MANPADS für israelische Zivilflugzeuge. Zurückgreifen konnte man dabei auf das vorhandene Know‐how aus der Rüstungsin‐ dustrie. Bereits im Sommer 2004 präsentierte Elta »Flight Guard«, die zivile Version einer bereits seit 16 Jahren benutzten Technik. Und die funktioniert so: Ein Hochleistungsradar kann MANPADS unmittelbar nach dem Abschuß erkennen, woraufhin brennende Täuschkörper, im Fachjargon »Flares«, deren hitzegesteuertes Suchsystem durcheinanderbringen und so die Rakete von ihrem Ziel ablenken. »Das richtige Timing für den Abfeuerung der Täuschkörper ist dabei von entscheidender Bedeutung«, erklärt Elta‐Ma‐ nagerin Joseph. Alles muß blitzschnell gehen, denn Attacken mit MANPADS finden in den zehn bis fünfzehn Minuten dauernden Start‐ und Landeanflugphasen statt. In Höhen über zwanzigtausend Fuß (rund sechs Kilometer) können sie nicht mehr viel Unheil anrichten.
Im Dezember 2004 wurde das erste »Flight Guard«-System von Elta in einer EL Al‐Boeing installiert, um es auf Herz und Nieren im Alltagsgebrauch zu testen. Die Ergebnisse fielen wohl überzeugend aus, denn im Februar 2006 verkündete Jitzchak Raz vom israelischen Verkehrsministerium, daß sechs Flugzeuge mit »Flight Guard« ausgerüstet würden. »El Al wird aus Kostengründen das System nicht in seiner ganzen Flotte einbauen«, so Raz. »Im Einzelfall soll aber auf der Basis von Geheimdienstinformationen und Sicherheitswarnungen darüber entschieden werden, auf welchen Flugrouten es sinnvoll ist, entsprechend ausgerüstete Maschinen einzusetzen.« Flugziele, in denen gegen Israel gerichtete terroristische Aktivitäten zu be‐ fürchten sind, haben also Priorität.
In Europa sollten diese besser nicht liegen. Zwar sind die Hitzefackeln, auf denen »Flight Guard« basiert, auch in der europäischen Militärluftfahrt im Gebrauch, für zivile Airliner gelten aber andere Regeln. Und die sind wie üblich nicht einheitlich. Während in den deutschen Vorschriften keine Bedenken gegen die Existenz von Raketenabwehrsystemen an Bord von Verkehrsflugzeugen geäußert werden und keine Aussagen über deren möglichen Einsatz zu finden sind, lehnen die Schweizer sie ab. »Sollten die Israelis mit solchen Systemen erwischt werden, riskieren sie es, am Boden zu bleiben«, sagte ein Sprecher des Schweizer Luftamtes dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Denn die brennenden Täuschkörper könnten auf einem Flughafen, wo mit leicht entflammbaren Materialien hantiert wird, für viel Unheil sorgen. Das fürchten zumindest die zuständigen Behörden.
Es gibt noch zwei weitere Abwehrsysteme »made in Israel«, die mit »Flight Guard« in Konkurrenz stehen und nicht mit brennenden Täuschkörpern arbeiten: »Britening« von der Rüstungsfirma Rafael setzt Infrarotstrahlen ein, um MANPADS vom Kurs zu bringen; »MUSIC« von Elbit Systems operiert mit Laser. Laut Expertenmeinung sind dies die Techniken der Zukunft. Der israelische Markt ist für den kommerziellen Erfolg solcher Terrorschutzschilder aber viel zu klein. Die Unternehmen arbeiten deshalb mit ausländischen Partnern zusammen, um ihre Sicherheitstechniken weltweit besser vermarkten zu können.
Während für die Systeme von Rafael und Elbit keine genauen Preise vorliegen, kostet die Ausrüstung eines Flugzeugs mit »Flight Guard« knapp eine Millionen Dollar. Das klingt nach einer ganzen Stange Geld, doch runtergerechnet bedeutet das 0,003 Dollar Mehrkosten pro geflogener Passagiermeile. Das sind für den Kunden einer Airline bei einem 2.000-Meilen-Flug rund 70 Cent Aufpreis auf das Ticket. Damit kostet die zusätzliche Sicherheit jeden Fluggast soviel wie die obligatorische Tüte Erdnüsse an Bord.

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