Frankfurt

Mit 17 hat man noch Träume

Wovon die jüdischen Menschen träumten, die sich vor exakt 50 Jahren trafen, um die Zionistische Jugend Deutschlands (ZJD) neu zu begründen, ist nicht schwer nachzuvollziehen: Gerade mal 13 Jahre nach dem Ende der Nazizeit wollte man jüdischen Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich zunächst ausgiebig über Israel zu informieren und später dann dauerhaft dorthin zu ziehen.

Wieviele ZJDler seit 1958 den Schritt gewagt haben, ist allerdings nicht bekannt, man führe nicht Buch, sagt Vorstandsmitglied Parva Raibstein. Natürlich verpflichteten sich heute nicht mehr so viele Jugendliche, nach Israel zu gehen, wie das noch in den Anfangstagen der Bundesrepublik der Fall gewesen war. »Aus einer politisch so stabilen Situation wie in Deutschland heraus entsteht einfach nicht mehr so ein großer Bedarf nach Auswanderung – andererseits: Wer hätte gedacht, dass in Frankreich einmal eine Situation entstehen würde, in der Juden sich nicht mehr ganz so sicher im Land fühlen?«

Außerdem sei es auch heute noch immens wichtig, jüdischen Kindern und Jugendlichen Israel nahezubrigen. »Denn ob wir es wollen oder nicht, wir Juden in Deutschland sind immer auch die Advokaten und Botschafter Israels.« Egal wie alt man selbst sei werde man oft in die Lage gebracht, »für alles, was im Land gerade passiert, einstehen zu müssen. Deshalb sei es ungeheuer wichtig, den jungen Menschen genügend Argumente und Selbstbewusstsein zu vermitteln, dass sie in solchen Diskussionen auch bestehen können. Das ist eine wichtige Aufgabe der ZJD.«

Nostalgie Einer, der fast von Anfang an dabei war, ist Micha Brumlik. Der erste Schaliach der ZJD war ein Mann namens Baruch Bardin. Das war im Sommer 1958. »Mein Vater war erster Madrich bei Makkabi Rot‐Weiß in Essen gewesen, Bardin, der damals noch Robert Farse hieß, gehörte damals zu seinen Schützlingen«, erinnert sich Brumlik. Der mittlerweile verstorbene, damals 36 Jahre alte Mann, war nach Kriegsende in der Fluchthilfebewegung in der Tschechoslowakei tätig und lebte später bis hinein in die 70er‐Jahre im Kibbuz Matzuva. Und er schaffte es, seine Schützlinge für die zionistische Sache zu begeistern.« Die ZJD sei für ihn als kleiner Junge rasch ein echter Lichtblick geworden, erzählt der heutige Erziehungswissenschaftler. »Für jüdische Jugendliche war das Leben im Nachkriegsdeutschland äußerst bedrückend, die Zionistische Jugend eröffnete uns eine Perspektive jenseits dieses sehr düsteren Deutschlands und des beeinträchtigten Elternhauses.«

Und so »füllte die ZJD mein Schülerleben bald ganz und gar aus, ich wurde Madrich, Funktionsträger und Redakteur unserer Zeitung.« Gepflegt wurden »die Umgangsformen der Jugendbewegung. Schlichheit war angesagt. Wir lebten sehr pfadfinderisch‐asketisch.« Alkohol, Zigaretten und auch der damals aufkommende Rock’n’Roll waren verpönt, »wir legten am lodernden Feuer nächtens heilige Schwüre ab, nach dem Abitur Deutschland zu verlassen und nach Israel zu emigrieren.«

Und sie unterschieden sich damit sehr von den jüdischen Jugendlichen, die nicht in der ZJD waren, sondern die Jugendzentren besuchten. »Wir entwickelten ein sehr elitäres Bewusstsein und setzten uns bewusst von ihnen ab, das war fast schon so etwas wie ein kleiner Kulturkampf«, blickt Brumlik zurück und lacht. Den Schwur vom Lagerfeuer habe er schließlich sogar eingehalten: »Zwei Jahre nach meiner versuchten Auswanderung bin ich dann aber wieder nach Deutschland zurückgekehrt.«

Wenn es im Rückblick auf 50 Jahre ZJD von ihm »etwas zu kritisieren gäbe, dann wäre es vielleicht, dass wir ein vergleichsweise unrealistisches Bild des Staates Israel vermittelt bekamen«, erklärt der 62‐Jährige. »Für uns war Israel damals wie in Leon Uris Buch Exodus geschildert. Auf die schwierigen Umstände, auf die wir dann vor Ort trafen, waren wir einfach nicht vorbereitet.«

»Es war cool«, stellt Leonid K. kurz und bündig fest, er ist 22 und lebt in Berlin. »Ein guter Treff für Jugendliche – und natürlich auch, um ziemlich tolle Mädchen kennenzulernen«, fügt er lachend hinzu, und freut sich immer noch darüber, »an den coolen Jugendcamps« teilgenommen zu haben. Besonders beeindruckt haben ihn die Madrichim, denn die Jugendleiter »waren nicht nur älter, so dass man automatisch zu ihnen aufschaute, nein, sie wussten auch so viel mehr.«

K., der die Jüdische Oberschule in Berlin besuchte und nun Politik und Jura studiert, erinnert sich besonders an heiße Diskussionen, »man erfuhr viel und man lernte viel.«

»Natürlich wurde nicht nur vermittelt, warum Israel wichtig ist, sondern auch, warum es wichtig ist, nach Israel zu gehen. Aber: Ich wurde nie zu irgendetwas gedrängt, fühlte mich nie unter Druck gesetzt« sagt der junge Stundent mit Nachdruck, und das sei sehr angenehm gewesen. »Israel bedeutet mir sehr viel«, betont er weiter, trotzdem wolle er »in absehbarer Zeit nicht dorthin gehen, außer natürlich im Urlaub.«

Aus einem einfachen Grund: Rücksichtnahme auf die Eltern. »Sie sind alt, sie würden sich Sorgen machen, und das möchte ich ihnen nicht antun.« Sie hätten »den Schritt, aus der Ukraine nach Deutschland auszuwandern, schließlich für uns Kinder gemacht, um uns eine bessere Zukunft zu ermöglichen – und ich fühle mich deswegen nicht nur Israel, sondern auch ihnen gegenüber besonders verpflichtet.«

Anachronismus Könnte es nicht auch sein, dass die Verpflichtung, nach Israel auszuwandern, in der heutigen Zeit ein wenig anachronistisch ist? Könnte das Land überhaupt, vor allem angesichts der Wirtschaftskrise, einen Ansturm jüdischer Zuwanderer verkraften? Jedes Land habe schließlich Bedarf an gut ausgebildeten jungen, tatkräftigen Menschen, findet man bei der ZJD. Das Bedürfnis, mehr über Israel zu erfahren, »ist auf jeden Fall da«, freut man sich bei der Organisation.

Vor allem bei den Kindern und Jugendlichen aus der ehemaligen Sowjetunion gebe es zudem einen immensen Nachholbedarf, dem man Rechnung tragen müsse. Ihnen will sich die ZJD sehr bald besonders widmen. Die Jugendorganisation steht zwar allen offen. Die zugewanderten Juden aus Osteuropa, sagt Raibstein, »sind aber nun einmal unsere Zukunft«. Und so werden im Rahmen eines neuen Projekts demnächst israelische Freiwillige in die Gegenden Deutschlands fahren, in denen ganz besonders viele Zuwanderer leben und wo die Zionistische Jugend heute keine Vertretungen mehr hat.

Mit etwas Glück können diese Freiwilligen dann auch bei der großen Geburtstagsparty der Zionistischen Jugend Deutschlands dabei sein, denn die steigt erst im nächsten Jahr. Bis es soweit ist, bleibt für Ehemalige genug Zeit, in Erinnerungen zu kramen, denn die sind gefragt: Jeder, der Fotos, Filme, Schriftstücke, persönliche Erlebnisse beisteuern möchte, ist herzlich willkommen. Die ZJD‐Party soll nämlich ein sehr persönliches Fest für Gründungsmitglieder bis hin zu den heute aktiven Kindern werden. Derzeit werden Adresslisten Ehemaliger zusammengestellt.

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