Lyubov Symonenko

»Meiner Mutter zuliebe«

von Vera von Wolffersdorff

Langsam wendet die junge Frau die Augen vom Bildschirm ab, legt den Stapel Kontoauszüge weg und dreht sich auf ihrem Bürostuhl herum. Lyubov Symonenko kümmert sich um die Buchhaltung der Augs- burger Kultusgemeinde. Sie ist kräftig, hat langes braunes Haar, ein rundes Gesicht und schräg geschnittene braune Augen. Abwartend, fast zögerlich streckt sie die Hand zur Begrüßung aus, ihre Bewegungen wirken kontrolliert.
»Alle hier nennen mich Lyuba, denn Lyubov klingt für viele Leute nach einem Mann, wegen der Endung«, erklärt sie später freundlich. Verschwunden ist die Scheu, nur Gesten hält sie noch zurück, die Hände bleiben auf den Oberschenkeln liegen. Sie formuliert gekonnt, zwar mit Akzent, doch besser, als sie behauptet: »Ich bin nicht sehr sprachbegabt.« Das kann kaum ernstgemeint sein. 28 Jahre ist sie alt, mit 21 kam sie mit ihrer Mutter, der Schwester, dem Schwager und deren Sohn aus Charkow in der Ukraine nach Deutschland. Da war sie schon zum zweiten Mal verheiratet – und wollte bald wieder zurück: »Ich bin mit einer Tasche gekommen, mit ein paar Sachen für einen Monat, das war alles.« Ihr Mann lebte in der Ukraine, er wollte nicht auswandern. Inzwischen sind sie geschieden.
1994, mit 17, hatte Lyuba die Schule abgeschlossen und eine Friseurlehre begonnen. Geld verdiente sie in den Jahren darauf mit verschiedenen Jobs: Sie verkaufte Kleider und Schuhe auf dem Markt, Sachen, die in Moskau günstig zu haben waren und sich in Charkow mit Gewinn verkaufen ließen. »Viele machten das damals so: Zu russischen Verwandten fahren und einkaufen«, erzählt sie unbefangen und erlaubt nun auch ihren Händen, das Gesagte zu unterstreichen. Wenn sie sich an ihre Vergangenheit erinnert, wirkt sie plötzlich ganz jung, fast mädchenhaft.
Später arbeitete sie in einem Notariat als Mädchen für alles, dann als Managerin in einer israelischen Import-Export-Firma, die Maschinen zur Herstellung von Toilettenpapier in die Ukraine lieferte. »Ich war damals wirklich eine Geschäftsfrau, auch entsprechend gekleidet, und ich habe mein Gehalt in Dollars gekriegt. Das mußte ich umtauschen, und die Angestellten in dem Laden, in dem ich das tat, nannten mich bloß Dollarfrau. Eine von ihnen habe ich in Augsburg zufällig wiedergetroffen. Sie und ihre Familie leben jetzt auch hier.« Lyuba grinst, wenn sie über ihre Zeit als Business-Woman spricht.
Sie verdiente gut und hatte keinen Grund zu emigrieren. Eher schon wollte sie ihrer Mutter einen Gefallen tun. Die hatte ihr Leben lang unter dem Antisemitismus in der Ukraine gelitten. Als Kleinkind etwa wurde sie von einem Passanten auf offener Straße geschlagen, weil sie Jiddisch gesprochen hatte. »Meine Mutter kennt alle jüdischen Gerichte und alle Feiertage. Aber religiös gelebt haben wir nicht«, berichtet Lyuba. »Nur als meine Urgroßmutter an Jom Kippur gestorben ist, hat eine Tante gesagt: ›Das ist gut, ihr Weg in den Himmel ist jetzt ganz kurz.‹«
Judenfeindliche Sprüche gehörten auch für Lyuba und ihre Schwester zum Alltag, Rangeleien in der Schule gab es immer wieder. Daß die Beschimpfungen oft von sehr ungebildeten Menschen kamen, war nur ein schwacher Trost. »Trotzdem«, Lyuba dreht den Kopf ein wenig zur Seite, »in meiner Jugend war Jüdischsein für mich eher eine Art Rebellion. Es ging mir gar nicht um die Religion, sondern darum zu sagen: Ja, ich bin Jüdin!« Anders sein, dazu stehen, sich bloß nichts gefallen lassen – viele entwickeln da eine gewisse Härte. Hart scheint Lyuba aber nicht zu sein. Vielleicht ein bißchen vorsichtig.
Also kein Anlaß zur Ausreise? Nein. Ihre Schwester und ihr Schwager litten unter der wirtschaftlichen Situation daheim. Und ihre Mutter drängte nach Deutschland. »Sie wollte eine bessere Zukunft für uns.« Also ging Lyuba mit.
Die Ankunft in Nürnberg flößte ihr Angst ein. Mit dem Bus kamen sie eines Abends vor dem Flüchtlingswohnheim an. Von einem Zimmer ging es in das nächste und in ein drittes, ein Arzt war da, dann gab es Besprechungen, von denen sie kein Wort verstand. Die neue Heimat schien völlig undurchschaubar. Um fünf Uhr früh ging plötzlich ein Alarm los. Die Symonenkos stolperten nach draußen auf den Gang, ohne zu wissen, was passiert war. Menschen um sie herum redeten aufgeregt, man verstand sie nicht. Heilloses Durcheinander – das war ihr erster Morgen in Deutschland.
In Augsburg angekommen, erfuhr Lyuba, daß sie in ein Wohnheim für Alleinstehende ziehen muß, während ihre Schwester mit ihrer Familie woanders leben würde. »Das war für mich ein Schock. Jetzt weiß ich: Augsburg ist so schön und kompakt – egal wo in der Stadt ich wohne, ich bin in zehn Minuten dort, wo ich hin will. Aber damals war das für mich ein riesiger Abstand. Mir war klar: Hier bleibe ich nicht!« Aber die Aussicht auf Bildung, auf den Besuch einer höheren Schule, die Möglichkeiten, die sich ihr boten, stimmten sie um.
»Im November 1998 fuhr ich zurück in die Ukraine. Da ich mich gar nicht darauf vorbereitet hatte, hierzubleiben, mußte ich mein Arbeitsbuch holen und vieles andere, also bin ich für zwei Wochen hin. Wieder mit dem Bus. Und da wurde mir an der Grenze klar: Nein, ich gehe doch nie mehr in die Ukraine zurück.« Leise sagt sie das und schüttelt den Kopf.
Die Armut dort, der Schmutz überall prägten nun ihre Sicht auf das alte Zuhause. Einmal lief Lyuba mit einer Mülltüte 20 Minuten durch die Stadt, um einen Abfalleimer zu finden. Sie konnte die Tüte nicht einfach auf die Straße werfen. »Und das tun die Leute dort. Man hat sich das so schnell abgewöhnt.« Schlagartig wurde ihr bewußt, wie sehr sie sich schon verändert hatte: »Daß ich spätabends nicht einfach so auf die Straße kann – das hat mich plötzlich gestört. Hier in Deutschland war es so selbstverständlich, daß man ohne Angst am Abend rausgeht.«
Ihre Augsburger Freunde stammen aus der Ukraine, aus Usbekistan oder aus Birobidschan, einem im Fernen Osten gelegenen Gebiet, auf dem in den 30er Jahren ein autonomer jüdischer Bezirk gegründet wurde. Ein buntgemischter Bekanntenkreis, wie Lyuba findet. Manche sind Spätaussiedler, die meisten sind Juden. Fast alle sind Immigranten.
Lyuba will in Augsburg bleiben. Die Altstadt, die kleinen Gassen gefallen ihr gut. Das Fachabitur hat sie bestanden, seit 2004 studiert sie Betriebswissenschaften an der Fachhochschule. Zuvor half sie eine Zeitlang im jüdischen Gemeindezentrum ehrenamtlich anderen Zuwanderern bei Behördengängen.
So entstand Kontakt zu den Angestellten des Sozial- und des Arbeitsamts. Den pflegt sie weiter, manchmal treffen sie sich auf einen Kaffee. »Wir sprechen viel über Israel und seine Politik. Ich kann mit meinesgleichen darüber reden, aber die Leute auf den Ämtern haben ganz andere Meinungen. Das ist wichtig für mich, das ist die Sicht von außen: Eine Welt, die ich auch brauche.« Neben dem Ausgehen mit Freunden bestimmt Arbeit ihr Leben. Seit zwei Jahren ist sie nun als Buchhalterin bei der jüdischen Gemeinde angestellt. »Aber wenn Gäste kommen, putze ich auch mal den Flur – oder die Toilette. Das macht mir nichts aus«, sagt sie.
Ehrgeiz schwingt in ihren Worten mit. Stolz spricht sie von Immigranten-Kindern, die bereits nach zwei Jahren in Deutschland das Gymnasium besuchen. Von Menschen aus der Ukraine und Rußland, die wirklich etwas erreichen wollen, die sich immer ein bißchen mehr anstrengen müssen als andere. »Das ist aber für uns kein Problem. Mein Schwager spricht kein Deutsch, aber er ist ein guter Schweißer. Da muß er nicht deutsch sprechen.« Für Lyuba persönlich zählt Erfolg.
Was sie am meisten vermißt? Die alten Freunde. Vor denen sie sich nicht verstellen kann, weil sie sie kennen, mit allen Stärken und Schwächen. Beim letzten Klassentreffen in der Ukraine bemerkte sie, daß in ihre alte Schulbank noch immer dieselben Zeichen geritzt sind: Namen, mathematische Formeln.
Wehmut klingt mit, wenn Lyuba sagt: »Gott hat uns das Gedächtnis gegeben, damit wir uns erinnern können.« Aber sie lächelt dabei.

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