brasilien

Mein Freund, der Baum

Er hat die Hölle gesehen und liebt die Erde wie sein Leben. »Das 20. Jahrhundert war das grausamste der Menschheit, und diese Brutalität lebt fort«, sagt Frans Krajcberg. Die Grausamkeit des Menschen gegen den Menschen unterscheide sich nicht von der gegen die Natur. Deshalb schafft der 88‐Jährige seine Totems aus geschändeter Natur, seine Installationen aus verkohlten Stämmen und Ästen, seine Mahnmale vor dem Untergang.
Krajcberg ästhetisiert die Apokalypse, um sie bewusst zu machen. An einem verkohlten Baumstumpf fahren die Menschen im Bus vorüber. Steht der amputierte, tote Baum mit den Hieroglyphen des Künstlers aber im Foyer einer Bank, im Museumssaal oder im Hoteleingang, bleibt jeder stehen.
Frans Krajcberg, der Mahner und Prophet, malt keine Protest‐Plakate. Seine Naturstücke zeigen die Zerstörung der Natur ebenso wie ihre Natur – weil er das Material verfremdet und geradezu hineinhört in die Fundstücke, die er sammelt, um sie zu neuem Leben zu erwecken.
Krajcberg hatte in seinem Leben alle Hoffnung verloren. »Ich wollte nach dem Krieg nicht mehr leben. Es war zu viel an Grausamkeit.« Seine ganze Familie wurde ermordet. Viereinhalb Jahre kämpfte er als Offizier der sogenannten Anders‐Armee. »Als ich mit der Roten Armee nach Polen kam, befreiten wir ein KZ voll mit ungarischen Juden. Als ich das Lager betrat, sah ich nur drei riesige Haufen: Leichen, die man zum Verbrennen aufgetürmt hatte.«
Frans Krajcberg kam am 12. April 1921 im polnischen Kozienice, einem typischen Schtetl, in einer jüdischen Familie zur Welt. Er konnte vor den Nazis fliehen und in Leningrad Kunst und Ingenieurwissenschaften studieren. Das Studium gab er 1941 auf, um sich der polnischen Anders‐Armee anzuschließen, die in Italien gegen die Hitler‐Armee kämpfte. Nach dem Krieg studierte er an der Stuttgarter Kunstakademie unter Willy Baumeister, der ihn an Fernand Léger in Paris weiterempfahl, wo er sechs Monate blieb.
Nullpunkt, Schwarzmarkt, Ruinen: Alles in Europa gemahnt an Krieg und Untergang. Nichts und niemand hält Frans Krajcberg länger hier. So schifft er sich 1948 nach Brasilien ein. Schlimmer würde es bestimmt nicht werden. In São Paulo findet er eine kritische Masse an »deplatzierten« und kreativen Menschen, die so wie er nichts zu verlieren haben. Bei der Biennale 1951 ist er mit zwei Werken vertreten. Im Jahr darauf unternimmt er einen letzten Versuch, ins bürgerliche Leben zurückzufinden: Er zieht in den südlichen Bundesstaat Paraná und arbeitet dort als Ingenieur in einer Papierfabrik. Doch das musste scheitern. Krajcberg zieht sich zurück aus der Welt des Geldes, er lebt als Eremit und Einsiedler in tropischer Natur, lässt sich im Bundesstaat Rio de Janeiro nieder und beginnt seinen Weg als Re‐Createur von »Stillleben«, die im Portugiesischen »tote Natur« genannt werden.
1964 richtet er sich in Cata Branca, in der Nähe des Itabirito‐Gipfels, ein Freilichtatelier ein. Hier arbeitet er mit Steinen und Manganknollen und erschafft seine ersten Skulpturen aus toten Bäumen und Stämmen. Seit Ende der 70er‐Jahre bereist er Amazonien. »Einmal sah ich dort eine Wolke von Geiern am Himmel kreisen. Wir glitten mit dem Kanu vor, schlugen uns durch den Wald: Vor mir hingen sechs Indianerleichen in den Ästen, drumherum die Geier. Ich machte ein Foto, mit geschlossenen Augen, es war zuviel.«
Von nun an wird der Schutz der Natur vor dem Menschen zu Krajcbergs Obsession. »Heute geht es zum ersten Mal in der Geschichte um das Überleben des ganzen Planeten – das ist das Thema des 21. Jahrhunderts – und die Kunst schweigt dazu«, klagt Krajcberg. Als Mahner vor der Apokalypse ist er in den vergangenen Jahren weit über Brasilien hinaus bekannt geworden. 1996 tritt er in Paris mit der großen Ausstellung »Villete‐Amazone/Manifesto« an die Öffentlichkeit. Krajcberg wird mit Ehrungen und Preisen überhäuft. Aber es gleitet an ihm ab. Mit der Eitelkeit des Kunstmarktes ist er längst durch. Wenn Krajcberg nicht als Künstler‐Eremit in seinem Baumhaus in Südbahia lebt, so taucht er wie ein zierlicher Waldschrat am Rand der Ausstellungen und Installationen auf, die jedes Jahr in den großen europäischen Kunstmetropolen gezeigt werden. Er, der einzige Überlebende seiner Familie, der Jude aus Polen mit dem brasilianischen Pass, der polyglotte Kunstprophet. Carl D. Goerdeler

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