Toledo

Mazza, Mohn und Sesam

von Jerome Socolovsky

Es sieht nicht aus wie Mazza. Es fühlt sich nicht an wie Mazza. Und ganz gewiß schmeckt es nicht wie Mazza. Doch für Dutzende nichtjüdische Kinder waren die Teigpastetchen, die sie aus Mehl und Wasser formten und dann auf einer elektrischen Kochplatte brieten, das ungesäuerte Brot, das die Juden an Pessach essen.
Jedenfalls wurde es ihnen so gesagt, als sie neulich am Sonntagmorgen an einem Mazza‐Backkurs in Toledo teilnahmen, in jener Stadt, die einmal das Zentrum des mittelalterlichen jüdischen Spaniens war, ein Ort, wo Juden sich entfalten konnten, aber auch verfolgt wurden. Der Kurs fand zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur statt, an dem in zahlreichen Orten in Europa der einst lebendigen jüdischen Gemeinschaften gedacht wurde.
Die Hauptveranstaltungen in Spanien fanden in Ortschaften statt, die ihre Juderias erhalten haben. Das sind die Stadtteile, in denen Juden bis zu ihrer Vertreibung aus dem Land 1492 lebten. In eini‐ gen Juderias kann man noch heute Löcher in den Türpfosten sehen, an denen einst die Mesusa angebracht war.
„Ich wollte, daß meine Kinder die Kultur ihrer Stadt kennenlernen“, sagt Luisa Ruiz, eine Mutter, deren Sohn an dem Mazza‐Backkurs teilnahm. „Und die jüdische Kultur bildet einen Teil unserer Stadt. Wenn wir durch Toledo gehen, durchqueren wir Bezirke, die früher jüdisch gewesen sind.“
Die Kursleiter mußten eingestehen, daß die Mazza keinesfalls authentisch war – und der Zeitpunkt des Kurses nicht einmal entfernt etwas mit Pessach zu tun hat. Lehrer David Calvo meinte, das Mazzabacken sei den Fähigkeiten der Kinder angepaßt worden, um es ihnen leichter zu machen, ein Gefühl für eine jüdische Tradition zu bekommen.
„Es ist ein schöner Brauch mit viel Geschichte und großer Bedeutung in der jüdischen Kultur, und in Toledo gehört die jüdische Kultur zu den wichtigsten historischen Vemächtnissen“, sagt Calvo. „Ich vermute, daß alle Toledaner jüdische Vorfahren haben. Auch ich habe wahrscheinlich jüdisches Blut“, sagt Lehrer Juan Carlos Villacampa, der sein dunkles, lockiges Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat. „Es ist wichtig, daß die Menschen ihre Vergangenheit kennen, damit sie in Zukunft verstehen, daß eine Kultur sich aus verschiedenen Menschengruppen zusammensetzt und daß sie tolerant sein müssen.“ Obwohl die jüdische Gemeinden, auch in Madrid, für die Veranstaltung geworben hatten, nahm kein einziges jüdisches Kind an dem Backkurs teil.
Ivan Izquierdo, der den Teig mit den Fingern knetet, beweist, daß er von Mazza schon mal gehört hat. „Es ist wie Brot, aber ohne Hefe“, sagt der 11jährige Junge. „Die Juden essen es.“ Nach dem Kneten des Teigs lernen die Jungen und Mädchen, ihn flach auszurollen. Dann bestreuen sie ihn mit Kräutern, Mohn und Sesam und legen ihn auf die gefettete Platte. Victor Manuel Martin, ein anderer Lehrer, sagt, die Organisatoren hätten versucht, nur koschere Zutaten zu verwenden, damit sich keiner „unbehaglich oder gekränkt“ fühle. Das Endprodukt sah jedoch eher wie ein Pizzaboden aus, als wie das Brot der Entbehrung der Israeliten.
Nicht gekränkt, sondern eher verwirrt war ein amerikanischer Tourist, der aus der Transito‐Synagoge trat und stehen blieb, um beim Backen zuzusehen. „Wie ein echtes Stück jüdischer Kultur kommt es mir nicht vor, aber das ist wohl nicht anders zu erwarten“, sagt Ed Frankel aus Ohio. Frankel sei zufällig auch im letzten Jahr am Tag der jüdischen Kultur in Europa gewesen. Damals hatte er Amsterdam besucht, wo, wie er sagt, „die nichtjüdische Bevölkerung eine bessere Vorstellung davon hatte, was es heißt, jüdisch zu sein“.
Das jüdische Toledo hat sich von der Vertreibung vor fünfhundert Jahren nie wieder erholt. Heute gibt es nur eine Handvoll Juden in der Stadt. Die meisten der 35.000 spanischen Juden leben in Madrid, Barcelona, an der Costa del Sol und in den Enklaven Ceuta und Melilla an der nordafrikanischen Küste. Während die Ausstellungen in den Synagogenmuseen Toledos Zeugnis ablegen von dem pulsierenden jüdischen Leben, das in der größten Juderia Spaniens einst herrschte, erinnern sie auch an die vielen antijüdischen Tumulte und Massaker, die sich in Spanien zutrugen.
Einer der schlimmsten antisemitischen Mythen Europas – El Niño de la Guardia – handelt von einem christlichen Kind in Toledo, das angeblich von Juden verschleppt und gekreuzigt wurde. Ergebnis war, daß Juden gefoltert wurden und das Kind heilig gesprochen wurde, obwohl man seine Leiche nie fand.
„Von diesen Dingen erzählen wir den Kindern nichts, um ihnen keine Angst einzujagen“, sagt ein Lehrer. „Wir versuchen, die Kultur und eine positivere Sichtweise in den Brennpunkt zu rücken.“ „Sie sollen Spaß haben und sich die Hände schmutzig machen, wenn sie ungesäuertes Brot backen“, fuhr er fort, „und dann sollen sie es essen.“ Was sie auch taten. Und es hat gut geschmeckt, auch wenn es keine Mazza war.

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