Oleg Krimer

„Man muss Geduld haben“

Ein Musiktalent hat jeder. Bei manchen ist es gleich an der Oberfläche, bei anderen liegt es tiefer verborgen. Das ist wie bei der Ölförderung. Für manches Vorkommen muss man sehr tief bohren, aber dafür ist es sehr ergiebig. Beim anderen sprudelt es gleich los. Deshalb ist es voreilig, ein Kind schon nach zwei, drei Jahren wegzuschicken, weil es angeblich unbegabt sei und der Unterricht sich nicht lohne. Man muss Geduld haben als Lehrer. Bei manchen Schülern sieht man die Perspektive erst nach sieben Jahren.
Vor einigen Wochen hatten wir in Nordrhein‐Westfalen den Landeswettbewerb „Jugend musiziert“. Acht meiner Kinder haben erste und zweite Plätze gewonnen, dagegen nur fünf von allen städtischen Musikschulen. Darauf bin ich sehr stolz. Musik ist keine Fingerübung, man muss die Kinder begeistern. Musik hilft dem Menschen zu leben, auch wenn es ihm schlecht geht.
Ich habe mehr als 30 Schüler, jeden Nachmittag von halb eins bis halb acht. Die Anfänger kommen für eine halbe Stunde, später sind es 45 Minuten oder eine Doppelstunde. Meine Frau arbeitet mit, und mein mittlerer Sohn hilft ab und zu. Er ist auch Pianist. Sogar die, die Klavier nur zum Spaß spielen, tun es recht anständig. Eine meiner Schülerinnen, eine junge Frau, die nicht Musik, sondern ein anderes Fach an der Uni studiert, spielt derart meisterhaft komplizierteste Stücke, dass sie durchaus mit guten Studenten des Konservatoriums mithalten kann.
Ich muss sagen, so etwas hatten wir in der früheren Sowjetunion nicht. Bei uns hat man die Ausbildung von Profis sehr stark im Blick. Dass aber jemand nur zum eigenen Vergnügen spielt, ist sehr selten. 90 Prozent der Kinder, die in der Sowjetunion die Musikschule besucht haben, wollen danach kein Instrument mehr anrühren. Vielleicht haben ihnen die Pädagogen die Lust ausgetrieben, vielleicht haben sie keine Zeit mehr, ich weiß es nicht.
Aber auch in Deutschland ist nicht alles gut. Es fehlt hier die konsequente, systematische Ausbildung von der frühen Kindheit bis zum Studium. Als ich noch in Minsk unterrichtete, fingen die Kinder mit fünf bei mir an und schrieben 20 Jahre später ihre Doktorarbeit am Konservatorium unter meiner Leitung. Doch der Drill war schrecklich, jedes Jahr wurde ausgesiebt. In Deutschland gibt es Möglichkeiten, die Musik nebenbei zu erlernen und Amateurorchester zu gründen. Das ist eine sehr starke Seite.
Abends und samstags kommen meine erwachsenen Schüler. Das ist eine Erfahrung, die ich erst in Deutschland gemacht habe: Leute, die älter als 60 sind, fangen bei null an, ein Instrument zu lernen. Aber die schaffen es! In nur zwei Jahren spielen sie Grieg oder Chopin.
Neben der Arbeit schenke ich viel Aufmerksamkeit meinem jüngsten Sohn, er ist 12 Jahre alt. Ich unterrichte ihn im Klavierspiel. Alle Kinder möchten gern gut spielen können und vor Publikum auftreten, aber das ist eine sehr aufwändige Arbeit. Doch es geht, wenn man nicht zu viel Druck ausübt. Mein Sohn spielt sehr gut Klavier und auch Oboe. Daher bin ich mir noch nicht sicher, ob aus ihm ein Pianist oder ein Oboist wird. Oder möglicherweise auch gar kein Musiker. Mein ältester Sohn war auch ein vielversprechender Klavierspieler. Doch letztendlich hat er sich für die Physik entschieden.
Musiker zu sein, ist ein interessanter Beruf. Man kann davon leben. Ein guter Profi findet immer Arbeit. Ich selbst übe ständig. Bald gebe ich ein Konzert in Dortmund, zusammen mit spannenden Leuten. Manchmal trete ich auch solo auf. Immer neue Stücke einzustudieren, immer etwas anderes zu tun, hält das Interesse und die Freude an der Arbeit wach. Außerdem unterrichte ich als Gastprofessor in Warschau – ich muss also gut in Form sein. Wenn ich eine Woche oder zehn Tage weg bin, organisiere ich für meine Schüler eine Vertretung.
Seit 2000 lebe ich in Bonn, der Geburtsstadt Beethovens, meines Lieblingskomponisten. Wahrscheinlich durfte ich nach Bonn ziehen, weil ich früher Jurymitglied des „Beethoven‐Wettbewerbs“ war. Sonst nahm Bonn damals keine Leute aus der ehemaligen UdSSR auf. Seither habe ich schon ganz Deutschland bereist. Ich liebe die Autobahnen und die große Geschwindigkeit. Bei 220 Stundenkilometern fühle ich mich richtig entspannt. Vor Jahren las ich mal von einem berühmten Pianisten, der sich, um nach einem Konzert zu entspannen, ins Auto setzte und Gas gab. Damals hat mich das verwundert, aber jetzt weiß ich, was das für ein Rausch ist.
Vor einigen Monaten war ich mit der Familie in Frankreich, und wir haben an der Riviera das Grab von Marc Chagall besucht. Er ist aus Weißrussland wie ich, ich mag seine Bilder sehr. Für mich ist es sehr spannend, die Musik mit der Malerei oder mit der Literatur zu verbinden. Das hilft, die Stile besser zu verstehen. Es hängt alles zusammen. Wenn ich Debussy spiele, stelle ich mir die Impressionisten vor. In Deutschland spielen die Kinder gut Bach. Sie gehen in die Kirche, sie sehen den Barock: Sie sind mit diesem Gefühl durchtränkt.
Gerade habe ich wieder Remarques Zeit zu leben und Zeit zu sterben gelesen. Viele hier kennen Remarque gar nicht. Solch einen Schriftsteller müssten doch alle in der Schule durchnehmen. Seine Romane über den Krieg sind so lehrreich. Er beschreibt Menschen, die an den Nationalsozialismus glaubten und dann völlig enttäuscht wurden, nachdem sie an der Ostfront waren. Ich habe gelesen, wie der Romanheld in die zerbombte Stadt Köln zurückkehrt. Als ich es in Weißrussland las, war es für mich abstrakt. Heute kann ich mir die Stadt gut vorstellen und was die Bürger damals gefühlt haben müssen. Diese Bombardements haben ihnen doch die Nazis eingebrockt. Für die jungen Leute sind der Krieg, der Holocaust abstrakt. Nur durch die Literatur können sie diese Zeit erleben. Viele meiner Freunde haben auf meine Empfehlung hin die Bücher gelesen und staunten, wie spannend sie sind.
Ich habe etliche Freunde unter den Einheimischen. Die Musik bringt die Menschen zusammen. Die Deutschen sind eigentlich ziemlich emotional und humorvoll. Früher hatten wir eine ganz andere Vorstellung von ihnen. Aber sie sind sehr lebendige Leute, die ein gutes Konzert warm aufnehmen. Nun, an das italienische Publikum reicht das deutsche vielleicht nicht heran, aber fast. Die Deutschen können pfeifen oder trampeln vor Begeisterung, ohne sich für ihre Gefühlsausbrüche zu schämen. Mir war sehr ange‐nehm, ihre Reaktion zu sehen, als meine Kollegen aus Russland, ausgezeichnete Klavierspieler, vor Kurzem auftraten. Sie wurden mehrmals durch „Zugabe“-Rufe angefeuert. Und das war nicht nur Höflichkeit.
In Deutschland lernt man, langfristig zu planen. Meine Auftritte und die meiner Schüler sind schon auf Monate hinaus festgelegt. Und die Urlaube sind im Voraus gebucht. Ich weiß, was in einem halben oder in einem Jahr passiert. Das ist gar nicht so übel. Ich bin auf den Geschmack gekommen, obwohl ich an und für sich ein spontaner Mensch bin. Ab und zu überkommt mich aber die Lust, irgendetwas Außerplanmäßiges zu unternehmen.
Wenn es gelingt herauszukommen, packe ich die Familie ins Auto und fahre für ein, zwei Tage in ein schönes Hotel: die Natur erleben, in der frischen Luft spazieren gehen. Ich schwärme für die Nordsee, ich mag die Kälte: Meine Mutter hat mir beigebracht, jeden Tag kalt zu duschen. Vielleicht zieht mich die Nordsee deshalb so in ihren Bann, weil sie praktisch keine Grenzen hat. Sie geht in den Atlantik über, da hat man das Gefühl der Maßlosigkeit. Das Wasser und die Luft brennen auf der Haut und laden den Menschen mit Energie auf. Außerdem erinnert mich die raue Natur an die flämische Malerei, die mir schon als Kind gefiel.
Im Herbst fliegen wir immer ans Rote Meer nach Israel – auch dieses Jahr. Ich war schon sechs Mal dort und dachte jedes Mal, jetzt hätte ich alles gesehen. Aber es ist erstaunlich, dass man ein so kleines Land niemals ganz erforschen kann.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova‐Duda

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