Pogromnachtgedenken

Mahnen und hoffen

Herbststürme fegen mit eisigem Wind übers Land. Regen peitscht die Lindenbäume rund um den alten Jüdischen Friedhof in Rostock. Trotzdem sind an diesem 9. November etwa 250 Menschen mit Blumen und Kerzen gekommen, um der Opfer der Pogromnacht von 1938 zu gedenken. »Es geht uns nicht nur darum, an die Tragödie zu erinnern, sondern auch darum, Lehren aus der Geschichte zu ziehen«, sagt Bürgerschaftspräsidentin Liesel Eschenburg. Die Teilnehmer singen gemeinsam und beten für den Frieden. »Wir sind uns einig, daß Nazis keine Chance haben dürfen«, sagt Stine Baumann, die an der Rostocker Uni Pädagogik studiert. Und sie ist überzeugt: »Wir sind stark genug, den Rechten den Boden zu entziehen.« Zum Polizeischutz, der angeordnet wurde, weil es erstmals einen Aufruf »nationaler Aktivisten« gab, die jährliche Veranstaltung in Rostock zu stören, meint sie schulterzuckend: »Das ist doch normal.«
Für den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde ist das alles andere als normal. »Heute stehen wir hier im Schein der Kerzen. Alles ist wie immer, wie in den Vorjahren und doch anders«, sagt Jury Rozov. »Wer von uns hätte sich vorstellen können, daß im Landtag die sitzen werden, die die geistigen Nachfahren der Nazischergen sind? Wer konnte sich vorstellen, daß sie Zehntausende Stimmen erhalten? Sie übernehmen damit auch die Verantwortung für die Taten von damals. Viele halten das für Demokratie. Ich finde es erschütternd.«
Am nächsten Morgen haben sich die dunklen Wolken über Rostock verzogen. Sonnenstrahlen fallen auf den Gedenkstein, der an die ehemalige Synagoge erinnert. Hier, wo jetzt ein Wohnhaus steht, wo rote Alpenveilchen in den Fenstern blühen und eine Frau halb verdeckt hinter einer Gardine auf die Straße schaut, stand das Bethaus am 10. November 1938 bis in den Vormittag in Flammen. Keiner der Nachbarn hatte das Feuer löschen wollen.
Rund 50 Menschen hören zu, als Landesrabbiner William Wolff von den Mutigen erzählt, die während des Nationalsozialismus ihr Leben aufs Spiel setzten, um Ju‐ den zu retten. »Wir benötigen keine Mahnstunde«, sagt Wolff. »93 Prozent der Wäh‐ ler, die sich bei den Landtagswahlen für demokratische Parteien entschieden haben, beweisen das.« Ein Mann will klatschen und besinnt sich im letzten Moment. Kinder aus der nahen Tagesstätte hören den feierlichen Reden zu, auch wenn sie nicht verstehen, worum es geht. Sie haben Blumen mitgebracht, wie die Veteranen des antifaschistischen Widerstandes, die gekommen sind. Ein Ritual. »Ich habe das erste Mal im Jahr 2000 bewußt wahrgenommen, daß der 9. November bei den Deutschen ein Gedenktag ist. Es hat mich beeindruckt«, erklärt Rostyslav Petrushanskyy, der 1999 aus Kiew nach Rostock kam. Er hat eine ganz persönliche Verbindung zu diesem Datum. »Als 1938 die Synagogen brannten, machten die Deutschen auch in Kiew Jagd auf Juden. Mein Opa hat nur überlebt, weil die Leiche meines Onkels auf ihn fiel, als die Deutschen wild um sich schossen.« Manuela Pfohl

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Der Psalm des Rabbiners schallt durch die Straßen. Er ruft die Menschen, die sich am 9. November in der Mainzer Neustadt versammelt haben, zur Ruhe und Besinnung. Knapp 150 Teilnehmer sind gekommen, um am Standort der ehemaligen Synagoge in der Hindenburgstraße der Pogromnacht vor 68 Jahren zu gedenken. Ernst und betroffen schauen sie zu Boden, als der Gesang des Rabbiners einsetzt. »Auch in Mainz brannten Häuser, Geschäfte und Synagogen«, erinnert Oberbürgermeister Jens Beutel die Besucher mahnend. »Das Hauptziel des Terrors war die Hauptsynagoge, die von SS‐Trupps in Brand gesteckt und dabei völlig vernichtet wurde«, sagt er. Besorgt zeigt sich Beutel über den Anstieg des Rechtsextremismus in Deutschland. »Wir müssen Zivilcourage an den Stammtischen zeigen und die Jugend in den Schulen stärker aufklären«, fordert er. Besonders freue er sich deshalb über die knapp 20 Schüler, die zu der Gedenkfeier gekommen sind, betont Beutel. Sie waren größtenteils Teilnehmer einer Israel‐AG, die ein Mainzer Gymnasium vor vielen Jahren ins Leben gerufen hatte.
Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Stella Schindler‐Siegreich, erinnert an das Leid der Juden während des Nazi‐Regimes. »Eigentlich ist alles schon gesagt, was es zu diesen Untaten zu sagen gibt. Daher hatte ich Hemmungen, aufs Neue eine Rede zu formulieren«, sagt sie. »Doch wenn ich auf das Hochzeitsfoto meiner Eltern aus dem Jahre 1933 sehe, auf dem mich 15 glückliche Menschen anschauen, dann weiß ich, daß ich nicht schweigen darf. Denn nur vier überlebten die ‚Endlösung‘.«
Mit dem Totengebet El Male Rachamim endet die Trauerfeier. Teil des Gebets ist die Aufzählung der deutschen Konzentrationslager. Sie führt sowohl den Gemeindemitgliedern als auch den vielen nichtjüdischen Besuchern die Orte des Schrek‐ kens vor Augen. Christoph Platt
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»Es werden jedes Jahr mehr, die zum Novembergedenken kommen«, resümiert Joachim Kaiser, ehemaliger Kulturbeigeordneter der Stadt Erfurt. Auch er besucht den Jüdischen Friedhof seit vielen Jahren am 9. November und erinnert sich, daß vor der Wende gerade mal ein knappes Dutzend Erfurter der Pogromnacht gedachte. In diesem Jahr sind rund 180 Menschen auf den Jüdischen Friedhof gekommen. Sie waren der Einladung der Jü‐ dischen Landesgemeinde Thüringen gefolgt. Neben der lokalen politischen Prominenz, Erfurter Bürgern und zahlreichen Gemeindemitgliedern, nahmen vier Schulklassen an der Feier teil.
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 war es auch in Erfurt zu Ausschreitungen gekommen: Jüdische Geschäfte und die Friedhofshalle auf dem Jüdischen Friedhof wurden verwüstet, die Synagoge am Kartäuserring brannte, 180 Erfurter Juden wurden inhaftiert und nach Buchenwald verschleppt. Nur 15 Erfurter Juden überlebten den Holocaust.
Wolfgang Nossen, der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, konnte nicht am Gedenken teilnehmen und ließ seine Rede vorlesen. Darin richtete er das Wort nicht nur an die Gemeinde und die Gäste, sondern übte vor allem Kritik an der Thüringer Landesregierung. Sowohl in Funktion als Vorsitzender der Landesgemeinde als auch als Vorsitzender des Vereins für Mobile Beratung in Thüringen Für Demokratie – Gegen Rechtsextremismus (Mobit) wirft er ihr vor, sie sei die einzige Regierung in den neuen Bundesländern, die die Initiativen gegen rechts fi‐ nanziell nicht unterstütze. Dabei gehe es Mobit nicht um Millionen, sondern um 55.000 Euro. Für Nossen ein klares Zeichen dafür, welch geringen Stellenwert der Kampf gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in der Landespolitik einnehme. Inga Hettstedt

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Es weht ein kalter Wind im Dortmunder Süden, und nur wenige Menschen eilen noch aus den hell erleuchteten Geschäften in die einsetzende Dämmerung. Die Haupteinkaufsstraße im ehemaligen Arbeiterviertel und heute vor allem von Migranten geprägten Stadtteil Hörde scheint wie leergefegt. Umso mehr fällt die Gruppe von 30, vielleicht 35 Menschen an der Ecke Ebertstraße auf und zieht die Passanten an. Sie bleiben stehen, schauen über die Schultern der anderen hinweg und suchen nach Anlaß und Grund für die Versammlung. Der schwarze Granitstein gibt stille Auskunft: »Hier stand die Hörder Synagoge, zerstört in der Reichspogromnacht 9./10. November 1938.«
Fritz Hofmann tritt ans Mikrofon, daß neben dem Stein aufgebaut ist. Er erzählt vom Gedenken im Jahr 2006, von Holocaustprojekten an Schulen, vom gut besuchten Tag des offenen Denkmals auf dem nahen alten Jüdischen Friedhof im vergangenen Jahr und der Verantwortung für die nachwachsende Generation. »Einiges kann man besser machen«, gibt der pensionierte Geschichtslehrer zu. Man habe es verpaßt, die Gedenkstunde im großen Stil publik zu machen. »Aber entscheidend ist, daß die Öffentlichkeit den 9. November zur Kenntnis nimmt«, schiebt er nach. Es sei besonders die zeitliche Nähe zur offiziellen Gedenkveranstaltung mit vielen, zumeist geladenen, jüdischen und nichtjüdischen Gästen im Foyer des Theaters auf dem Platz der ehemaligen Hauptsynagoge – seit Jahrzehnten Mittelpunkt des Gedenkens in Dortmund – sorge nicht gerade für mehr Zulauf.
Dennoch sind – wie in den vergangenen zehn Jahren, seit die Stadt mit dieser Art lokalen Gedenkens begann – vor allem Lehrer, Pastoren, Schriftsteller und lokale Persönlichkeiten gekommen. »Multiplikatoren«, nennt sie Fritz Hofmann. »Diese Menschen tragen dazu bei, daß das Gedenken an den 9. November nicht nur hier und jetzt oder im Kreise der Offiziellen thematisiert wird, sondern auch morgen am Arbeitsplatz, in den Hörder Schulen oder in der lokalen Presse.« Doch mit Gedenken an begangenes Unrecht allein sei es nicht getan, schließt er, und weist mit der Hand auf die nahen Kirchtürme, die sich in der Dämmerung nur erahnen lassen. »Lernen müssen wir von dem, was im Pogrom zerstört worden ist: Den guten nachbarschaftlichen, gleichberechtigten Beziehungen zwischen den Religionsgemeinschaften.« Ronen Guttman

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