Buchmessen in Paris und Turin

Literarischer Nahostkonflikt

Turin: Seit 14 Demonstranten mit Keffijas und palästinensischen Fahnen sein Büro stürmten, versteht Ernesto Ferrero die Welt nicht mehr. Die Mailbox des Leiters der Turiner Buchmesse wird mit Drohungen und Schimpftiraden überflutet, die der renommierte Autor »zutiefst betrüblich« findet.
Ausgelöst hat den Nahostkrieg am Po die Entscheidung, Israel als Gastland zur Anfang Mai stattfindenden Buchmesse einzuladen. Ursprünglich war für diese Rolle Ägypten vorgesehen. Mit Einwilligung Kairos beschloss die Messeleitung, die Teilnahme des Landes auf 2009 zu verschieben. Sie soll zeitgleich mit einer Großausstellung über das antike Ägypten im glanzvoll restaurierten Jagdschloss der Savoyer stattfinden. Dass Ferrero und sein Stiftungsrat das arabische Land aber ausgerechnet durch Israel ersetzten, sorgte für Ärger. Die Liga der arabischen Schriftsteller rief zum Boykott der Buchmesse auf. Linke italienische Gruppen schlossen sich an. Die kommunistische Fraktion im Turiner Stadtrat beantragte, die Einladung auch auf Palästina auszudehnen, eine Forderung, die von Nobelpreisträger Dario Fo und dem jüdischen Theatermacher Moni Ovadia unterstützt wurde. Die israelische Botschaft in Rom reagierte umgehend und ablehnend. In einem verschnörkelten Kommuniqué bestätigten die Veranstalter daraufhin Israel als einziges Gastland, fügten aber hinzu, arabische und palästinensische Autoren seien ebenfalls willkommen.
Die Wogen hat das nicht geglättet, im Gegenteil. Inzwischen vergeht kaum ein Tag, ohne dass sich prominente Autoren in den Feuilletons der italienischen Zeitungen zum Boykott äußern: Amos Oz, David Grossman, Abraham B. Jehoshua und Tahar Ben Jelloun dagegen, Tariq Ramadan, Tariq Ali, Aaron Shabtai und der italienische Philosoph Gianni Vattimo dafür. Die Folge: ratlose Veranstalter, irritierte Sponsoren und verärgerte Verleger. Für neutrale Positionen ist zwischen den Fronten kaum mehr Platz. »Jeder von uns, der jetzt noch nach Turin fährt, wird selbst boykottiert«, resümiert die palästinensische Autorin Suad Amiry die verfahrene Situation. Gerhard Mumelter
Paris: In »Anerkennung seiner dynamischen Literatur, die keiner Frage aus dem Weg geht und ohne Konzessionen fragt und analysiert«, hat Frankreichs wichtigste Buchmesse, der Pariser »Salon du Livre«, Israel als Ehrengast zu der vom 14. bis 18. März stattfindenden Veranstaltung eingeladen. Die Nachricht war Ende 2007 kaum heraus, da meldeten sich schon die ersten Kritiker zu Wort. Tariq Ramadan, Professor für Philosophie an der Universität Genf und Vordenker eines »Euroislam« erklärte, es sei »nicht normal, noch dazu anständig, Israel zu einem Zeitpunkt zu feiern, wenn man weiß, welche Politik dieser Staat in den besetzten und verwüs-teten Gebieten führt.« Ähnlich äußerte sich auch der für seine kritische Haltung bekannte israelische Poet Aaron Shabtai: »Ich denke nicht, dass ein Staat, der eine Besatzung aufrechterhält und dabei täglich Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung begeht, es verdient, zu irgendeiner Kulturwoche oder Ähnlichem eingeladen zu werden.« Er werde deshalb die Einladung zur Messe ausschlagen. Von Ramadan und Shabtai hatte man es wahrscheinlich nicht anders erwartet. Für zusätzliche Kritik, weit über die Reihen der üblichen Verdächtigen hinaus, sorgte aber die Tatsache, dass unter den eingeladenen 39 israelischen Autoren ausschließlich Schriftsteller sind, die auf Hebräisch schreiben. Kein einziger israelisch-arabischer Autor ist dabei. Der Literaturchef der liberalen Tel Aviver Tageszeitung Haaretz, Benny Ziffer, schloss sich daraufhin dem Boykottaufruf an. Selbst ein so besonnener Mann wie Amos Oz erklärte, er werde zum Salon du Livre nur kommen, wenn dort auch israelisch-arabische und palästinensische Autoren anwesend seien.
Zu den wenigen ausgesprochenen Boykottgegnern gehört der französisch-jüdische Literaturkritiker und Schriftsteller Pierre Assouline. Ein Autor sei »ein Individuum, das niemanden außer sich selbst repräsentiert und einbringt und niemandem Rechenschaft schuldig ist«, schrieb er in seinem Blog bei der Zeitung »Le Monde«. Viel Wirkung hatten diese Zeilen bislang nicht. Die Boykottbewegung geht weiter. Lars Weber

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