Jugendarbeit

Lieb und teuer

von Lisa von Prondzinski

Fröhliche Gesichter: Die fast 30 Kinder und Jugendlichen in der Kölner Synagoge sind ausgelassen. Sie haben getobt, gespielt und geredet. Jetzt steht das gemeinsame Essen auf dem Programm – an diesem warmen Sonntag draußen. Mit am Tisch sitzen die zwei Leiter des Jugendzentrums. Einer davon: Benjamin Vamosi. Der 23‐Jährige hat Jugendarbeit von der Pike auf gelernt. Als Achtjähriger hat er an Freizeiten teilgenommen, später selbst welche geleitet. Vamosi weiß, „wie man eine Gruppe formt und jüdisches Wissen vermittelt“.
Die Kölner Gemeinde als eine der großen mit fast 5.000 Mitgliedern ist in der komfortablen Lage, zwei Jugendzentrumsleiter zu bezahlen. Viele Gemeinden jedoch können das nicht. So arbeiten in Kassel ausschließlich Ehrenamtliche im Kinder‐ und Jugendzentrum. „Wir sind auf den guten Willen und die Begeisterung der Leute angewiesen“, sagt Gemeindevorsitzende Esther Haß. Das Geld, das die rund 1.100 Mitglieder zählende Gemeinde bereitstellt und die Projekt‐Zuschüsse vom Landesverband reichten nicht für große Sprünge. Auch die Spenden in der Zuwanderer‐Gemeinde sind, wie Haß es formuliert, „übersichtlich“. Viele Gemeindemitglieder seien Hartz‐IV‐Empfänger. Haß: „Wir müssen versuchen, das Geld gummimäßig zu strecken.“ Was nicht immer gelingt. So konnten an einer Ferienaktion nicht alle Kinder teilnehmen, die sich gemeldet hatten, denn es war nicht genug Geld da. Die Vorsitzende wünscht sich, „dass ich jemanden fest anstellen könnte, ohne irgendwo betteln zu gehen“.
Haß hat beim Zentralrat der Juden in Deutschland um Zuschüsse für das Jugendzentrum gebeten, aber keine erhalten. Das ist keineswegs außergewöhnlich, denn der Zentralrat engagiert sich auf Umwegen über die Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland (ZWSt). Die bietet Kindern und Jugendlichen Aktivitäten an. So werden Machanot (Ferienlager) organisiert und Jugendliche zu Madrichim (Gruppenleitern) ausgebildet. Das Geld dafür kommt zum großen Teil vom Zentralrat, der die ZWSt umfassend fördert.
Zum anderen hat der Zentralrat einen Integrationsfonds. Daraus werden auch Jugendprojekte gefördert, wenn sie speziell auf die Integration zugewanderter Gemeindemitglieder ausgerichtet sind. Der Duisburger Gemeinde kam die Förderung durch diesen Fonds zugute. „Wir haben dreimal hintereinander Projekte bewilligt bekommen. Zwei davon sind aus dem Jugendbereich“, sagt Geschäftsführer Michael Rubinstein. Mit einer Förderung von jeweils maximal 10.000 Euro sei das sehr gut.
Allerdings sind nicht alle zufrieden mit dem Integrationsfonds. Weil sich die Bewilligung der Projekte auf das laufende Jahr bezieht, wollen die antragstellenden Gemeinden möglichst schnell wissen, ob ihr Projekt gefördert wird oder nicht. Es dauere manchmal einfach zu lange, bis eine Entscheidung falle, sagen Kritiker.
Sicherlich gebe es Verbesserungswünsche, sagt Josef Schuster, im Präsidium des Zentralrats zuständig für Jugendarbeit. Darum werde man sich kümmern. Aber davon abgesehen, könnten neben dem Zentralrat auch andere Stellen angesprochen werden. Zudem müsste die Vernetzung in den Landesverbänden optimiert werden.
In Sachsen zum Beispiel gibt es diese Vernetzung bereits. „Dennoch haben wir manchmal das Gefühl, auf uns selbst gestellt zu sein“, sagt die Vorsitzende der Gemeinde in Dresden, Nora Goldenbogen. Fahrten für die Jugendlichen zwischen Dresden, Chemnitz und Leipzig lassen sich gut organisieren. Weiter entfernt liegende Gemeinden seien hingegen schwieriger zu erreichen. Um die Arbeit vor Ort finanziell zu erleichtern, rechnet sich Goldenbogen Chancen aus, den geringen Etat doch noch aufzustocken: „Wir werden versuchen, Mittel aus der freien Jugendarbeit des Landes und der Kommunen zu bekommen.“ Daraus werde auch die Arbeit religiöser Gruppen finanziert. Diesen Weg empfiehlt auch Josef Schuster. Die Quellen müssten nur richtig angezapft werden, meint er. Als vorbildlich in Sachen Vernetzung und Finanzen nennt Schuster den Landesverband in Bayern, dem er selbst angehört. Dort gibt es einen festangestellten Jugendreferenten, der auch kleinere Gemeinden betreut.
Davon profitiert auch Stanislav Kol, Jugendzentrumsleiter in Augsburg. Um an zusätzliches Geld zu gelangen, investiert Kol eine Menge Zeit in Recherche und das Ausfüllen von Formularen. Er wendet sich an Behörden, Institutionen und Stiftungen in Bayern und weit über die Grenzen des Freistaats hinaus. So hat er auch Mittel aus dem Europäischen Flüchtlingsfonds für die Jugendarbeit erhalten. „Zehn Prozent der Anträge kommen durch“, sagt Kol. Das Geld ermöglicht es ihm, zwei Teilzeitkräfte zu bezahlen. Und auch die Gruppenleiter im Jugendzentrum gehen nicht leer aus. Sie erhalten eine Aufwandsentschädigung. Die Augsburger Gemeinde beschäftigt Erwerbslose, die sich neben ihrer staatlichen Unterstützung ein geringes Zubrot verdienen, um den Jugendlichen ein breites Angebot zu machen: Nachhilfe in Mathe und Deutsch oder der Hebräischunterricht werden so in der Sonntagsschule bezahlbar. Außerdem gibt es eine enge Zusammenarbeit mit dem wesentlich größeren Jugendzentrum in München, das per Bahn gut zu erreichen ist. Auch dort werden die Angebote in enger Kooperation mit dem Stadtjugendamt, den Jugendverbänden und dem Bayerischen Jugendring ermöglicht. Förderung gibt es dort zudem unter anderem von der Robert‐Bosch‐Stiftung und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
Benjamin Vamosi, der 23‐jährige Leiter des Kölner Jugendzentrums, weiß um die Finanzsorgen in den großen und kleinen Gemeinden. Für ihn steht fest, dass neben den Inhalten die Köpfe in der modernen jüdischen Jugendarbeit ausschlaggebend sind. Der Erfolg steht und fällt mit denen, die sich darum kümmern. Und ganz besonders in Zeiten knapper Kassen ist das ehrenamtliche Engagement dabei von großer Bedeutung. Und viel Kreativität, um dafür das nötige Geld zu besorgen.

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi-Gruß ist«

Torwart des Premiere-League-Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019

Ferdinand von Schirach

Die zweite Schuld

Der Autor stellt Studie über Raubkunst in seiner Familie vor – und fordert Nazi-Nachkommen zu Transparenz auf

 12.04.2019

USA

Polizeihund darf nicht »Rommel« heißen

Mit den Worten »Willkommen an Bord, Rommel!« hatte das Sheriff-Büro den Neuzugang stolz vorgestellt

 08.04.2019