kindergarten

Lern mit Benzi

Die Freude ist groß als Benzi endlich auftaucht. Die orangefarbene Schildkröte hat an diesem Freitagvormittag schließlich lange genug auf sich warten lassen. »Boker tov«, klingt es aus dem Mund der Handpuppe und nur Sekunden später hängt schon das erste Kind an Benzis flauschigem Hals. »Wir feiern heute Schabbat«, versucht der Vierjährige dem sprechenden Reptil verständlich zu machen. Doch da gibt es ein kleines Problem. »Ani lo medaber germanit – Ich spreche kein Deutsch« – antwortet Benzi und im Gesicht des Vierjährigen zeichnet sich förmlich das Rattern hinter seiner Stirn ab, während er versucht seinen Satz ins Hebräische zu übersetzen.
Der Freitag ist auch im Kindergarten Westend der jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main kein Tag wie jeder andere. In den Gruppenräumen, die sich über drei Stockwerke verteilen, stehen auf kleinen Tischen Kerzen bereit, umrahmt von Blumen, sofern Kinder und Eltern daran gedacht haben, welche mitzubringen. In der Küche wird Traubensaft in Plastikbecher ausgeschenkt – der Weinersatz für den anstehenden Kiddusch, den die Kinder heute gemeinsam begehen. Und einige Gruppen bekommen vorher noch Besuch von Benzi, der Schildkröte, die den Kleinen die ersten Worte auf Hebräisch beibringt.

kompromiss Ein Besuch am Freitagvormittag verdeutlicht, was mit den »Grundlagen der jüdischen Erziehung und Tradition«, die auf den Internetseiten des Kindergartens beschworen werden, gemeint ist. Dabei handelt es sich bei der Frankfurter Kita keineswegs um eine dezidiert religiöse Einrichtung. »Aber unsere Aufgabe ist es Jüdisches und Weltliches miteinander zu verbinden«, erklärt Elvira Güver, Leiterin des Kindergartens. Und das bedeutet nicht selten, Kompromisse finden zu müssen. »Denn unsere Kinder kommen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten und Elternhäusern. Von orthodox bis säkular.« Ein Gemisch wie es typisch ist für jüdische Kindergärten in Deutschland, deren Anzahl in den vergangenen Jahren beständig gewachsen ist. Als vorerst Letzte Einrichtung dieser Art wurde im August 2009 ein jüdischer Kindergarten in Duisburg eröffnet. Ein Grund für die steigende Nachfrage ist die Einwanderungswelle jüdischer Migranten aus den Republiken der ehemaligen Sowjetunion. Je größer die Gemeinden, umso größer auch der Bedarf an Kinderbetreuung. Die Jüdische Gemeinde Frankfurt, die mittlerweile über 7.000 Mitglieder zählt, unterhält inzwischen zwei Kindergärten – den im Westend und einen im Röderbergweg, einige Kilometer vom Gemeindezentrum entfernt. Allein im Westend werden 102 Kinder betreut, seit knapp anderthalb Jahren auch Unter‐Dreijährige in der eigens dafür eingerichteten Krabbelstube, darunter Kinder mit den unterschiedlichsten familiären Hintergründen. Russischstämmige Einwandererhaushalte, Kinder von israelischen oder amerikanischen Diplomaten und alteingesessene Frankfurter Familien, die nach der Schoa in die Mainmetropole zurückgekehrt sind. In vielerlei Hinsicht eine Herausforderung für die Erzieherinnen. »Auch das orthodoxeste Kind muss zu uns kommen können«, sagt Elvira Güver. Für den Kindergarten Westend bedeutet dies, dass ein besonderes Augenmerk auf die koschere Zubereitung der Speisen gelegt werden muss. In der Hausküche zeigt sich das schon am Geschirr. Blaue Teller für alles Milchige, rote für Fleisch – streng voneinander getrennt. Wenn ein Kindergeburtstag ansteht, muss eigens koscherer Kuchen bestellt werden. Schließlich sollen alle Kinder mitfeiern können. Ein Aufwand, der nicht bei allen säkular orientierten Eltern auf Verständnis stößt. »Aber letztlich müssen wir alle Kinder, egal mit welchem Hintergrund, integrieren«, sagt Güver.

Spannungsfeld Ein Satz, den wohl auch die meisten Erzieher in nichtjüdischen Kindergärten unterschreiben könnten. Tatsächlich sieht die stellvertretende Leiterin des Kindergartens, Orly Schwarz, weitreichende Parallelen. »Stellen sie sich vor, in einem nichtjüdischen Kindergarten gibt es ein Kind mit einer Allergie«, sagt die Pädagogin, »da muss auch darauf geachtet werden, welches Essen auf den Tisch kommt.« Im Spannungsfeld zwischen traditionellem Judentum und moderner Pädagogik beschreiten die Erzieherinnen im Frankfurter Westend längst eigene Wege. Großen Wert wird auf mathematische und naturwissenschaftliche Früherziehung gelegt. Oft werden Feiertage und religiöse Termine als Anlass für themenbezogene Projektarbeiten oder Ausflüge genommen. »Erziehung spielt in fast allen jüdischen Elternhäusern eine große Rolle. Unser anderer Schwerpunkt ist natürlich die Sprache«, erklärt Elvira Güver. Knapp 90 Prozent der Kinder, schätzt sie, wachsen mehrsprachig auf. Ähnlich wie in nichtjüdischen Kindergärten legt man auch im Westend Wert auf die Vermittlung deutscher Sprachkenntnisse – in den jüdischen Schulen der Stadt ist Deutsch Unterrichtssprache. Doch während in der öffentlichen Debatte die Sprachvielfalt in den Erziehungseinrichtungen oftmals als »Integrationshemmnis« dargestellt wird, sieht man sie im jüdischen Kindergarten als großen Vorteil. »Wir ermutigen die Eltern sogar, die jeweilige Muttersprache zu Hause zu stärken«, erklärt Orly Schwarz. Und auch im Kindergarten selbst wird die Mehrsprachigkeit aktiv gefördert. Jede Gruppe wird von mindestens drei Personen betreut, darunter eine deutsche und eine nichtdeutsche Muttersprachlerin. Natürlich steht auch Hebräisch auf dem Programm. Hier kommt wieder Benzi ins Spiel, die Schildkröte. Im dritten Stock sind die Köpfe der Kinder wieder am Rattern, während Benzi Tierbilder mit hebräischen Schriftzeichen in die Höhe hält. Zebra und Gorilla sind noch recht einfach zu übersetzen.
Schwierig wird es beim Nilpferd. Da kann man das »R« in der Mitte noch so sehr rollen, auf Hebräisch heißt es »Hipopotam«. Für Benzi bleibt noch einiges zu tun an diesem Freitagvormittag.

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