Limmud

Lehren und Lernen

von Dirk Hempel

»Wer ist weise? Wer von jedermann lernt.«
Diese talmudische Weisheit steht als Motto für das erste Limmud Deutschlands, eine Bildungsveranstaltung mit Angeboten aus dem breiten Spektrum des Judentums. So unterschiedlich die Themen, so unterschiedlich sind auch die rund 300 Besucher, die am Sonntag ins Centrum Judaicum an der Oranienburger Straße kommen. Alle tragen einen Aufkleber mit handgeschrie-benen Namen und die wenigsten wissen, was ihnen der Nachmittag bringen wird.
Limmud – das ist eine jüdische Lerngemeinschaft. Alle sollen Schüler sein, jeder kann Lehrer sein. Das ist die Idee. Egal ob Mann oder Frau, ob orthodox oder liberal – jeder hat etwas zu sagen, das für andere interessant und lehrreich ist. Aus 26 verschiedenen Workshops á 50 Minuten besteht das Programm, das die Veranstalter Mini-Limmud nennen.
Ein Stundenplan weist den Weg. Hier ist aufgelistet, welche Veranstaltung in welchem Raum stattfindet. In den Pausen ist der Fahrstuhl überfüllt, Menschengruppen ziehen eifrig plaudernd durchs Treppenhaus des Centrums Judaicum. So mancher Aspekt wird auf den Gängen noch einmal erörtert. Schließlich gilt es in der Pause auch zu überlegen, welche Schiur als nächste besucht werden soll.
Da geht es zum Beispiel um Literatur. Der ehemalige Bildungsdezernent der Berliner Gemeinde, Boris Schapiro, liest eigene Gedichte vor. Ein anderer Workshop thematisiert, wie sich heute das Dasein als jüdischer Schriftsteller in Deutschland gestaltet. Natürlich gibt es auch Schiurim zur Religion. Rabbiner Yehuda Teichtal von Chabad Lubawitsch führt in die praktische Lehre der Tora ein, Rabbiner Andreas Nachama erläutert die jüdische Sicht auf andere Religionen, wie sie aus Bibel und Talmud hervorgeht.
Die Kinder spielen unterdessen im Hof Fußball oder tollen mit weißen Luftballons herum. Aber auch sie nehmen Wissen auf, beschäftigen sich spielerisch mit Symbolen der jüdischen Religion, malen Bilder zu Israel oder lernen tanzen.
Eifrig diskutiert wird vor allem in den Sitzungen zu gesellschaftlichen Themen. Zur Perspektive eines europäischen Judentums beispielsweise. Oder zur aktuellen Situtation der jüdischen Gemeinden Deutschlands. Auch die zentrale Frage des Nach-
mittags wird erörtert: In welcher Form läßt sich jüdisches Lernen selbst organisieren? Auffällig dabei: Wer an der einen Stelle Referent ist, sitzt später mitunter im Publikum und diskutiert mit. Dieses Miteinander von Lehren und Lernen gehört zum Konzept des Limmud.
Die Idee der Lerngemeinschaft kommt aus England. Wie Clive Lawton, Dozent am Europäischen Zentrum für Jüdische Führungskräfte erklärt, ging es vor allem um einen emanzipatorischen Erziehungsbegriff. »Lehre soll hierarchiefrei sein«, sagt Lawton. »Niemand soll darüber befinden, wer das Recht hat zu lehren und wer nicht.« Aber natürlich auch um die Idee, ein Forum für jüdischen Austausch zu schaffen. Für einen Austausch, der vor allem durch Offenheit und Respekt gekennzeichnet ist und von allen Strömungen zur Bereicherung genutzt werden kann. Lawton gehörte zu jenen, die 1980 in England das erste Limmud weltweit organisierten. Mittlerweile gibt es in England in verschiedensten Städten ein örtliches Limmud. Auch in den USA, Israel und Südafrika hat sich diese Idee durchgesetzt.
Daß es Limmud jetzt auch in Deutschland gibt, ist das Ergebnis von mehr als zwölf Monaten ehrenamtlicher Arbeit. Inspiriert von einer ähnlichen Veranstaltung in Israel hat Sophie Mahlo ein Vorbereitungsteam auf die Beine gestellt. »Sie hat uns mit ihrer Idee infiziert«, heißt es im frischgegründeten Limmud-Verein über die Vorsitzende und ihr Engagement. Wissensvermittlung für alle von allen – und das zu jüdischen Themen – ist das zentrale Anliegen. »Es kann nicht sein, daß ich mehr über Eichmann weiß als über jüdische Geschichte«, sagt Mahlo. Und ist erfreut, daß die Resonanz so positiv ist. 250 Leute hatten sich für das Mini-Limmud angemeldet, gekommen sind noch mehr.
Heidi Winke ist eigens aus Hamburg angereist. »In meiner Familie habe ich so gut wie gar nichts vom Judentum mitbekommen«, bedauert die 50jährige. Nun muß sie es selbst versuchen. »Und das Limmud ist ein guter Ort dafür«, findet sie. Auch Michael Brenner, Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilian-Universität, nennt das Limmud eine »bemerkenswerte Eigeninitiative.« Anderen Besucher gefällt vor allem die offene Atmosphäre, die 20jährige Lea strahlt. Sie findet gut, »daß hier auch verschiedene Strömungen mal miteinander reden.« Das passiere sonst viel zu selten. »Und wenn, dann nicht in so entspannter Stimmung.« Auch Clive Lawton ist vom Berliner Mini-Limmud begeistert. Er ist sich sicher: Ein großes Event wird nächstes Jahr folgen. Ein genaues Datum gibt es zwar noch nicht. Schon aber melden einige Teilnehmer Ideen für das nächste Limmud an und wollen sich an der Vorbereitung beteiligen.

Weitere Infos im Internet: www.limmud.de

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026

Sanktionen

Iran will weiter internationale Ziele anfliegen

Ab Mittwoch sollen iranische Airlines nach Worten der US-Regierung internationale Ziele nicht mehr anfliegen können. Die zivile Luftfahrtbehörde in Teheran widerspricht

 23.09.2026

Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Berlin

Gideon Joffe: »Mit Elif Eralp wird Geis zur Gärtnerin gemacht«

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde mahnt, dass die Hauptstadt vor massiven Herausforderungen stehe

 22.09.2026

Washington D.C.

USA wollen Saudi-Arabien 48 moderne F-35-Kampfjets verkaufen

Die Tarnkappenjets gelten als die aktuell modernsten Kampfflugzeuge. Im Nahen Osten waren sie bislang dem US-Verbündeten Israel vorbehalten. Nun zeichnet sich ein geplanter Deal mit Saudi-Arabien ab

 18.09.2026

Magdeburg

AfD will FPÖ-Erfahrungen in Sachsen-Anhalt nutzen

»Von den politischen Erfahrungen der FPÖ können wir sicherlich profitieren«, sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion

 18.09.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  16.09.2026

Sachsen-Anhalt

BSW will AfD-Landtagspräsidenten mitwählen

Bundesweit ist es der AfD noch nie gelungen, das Amt eines Parlamentspräsidenten zu übernehmen – auch wenn sie die stärkste Partei war. Das könnte sich in Sachsen-Anhalt jetzt ändern

 08.09.2026