Ruth Klüger

Lakonie der Wirklichkeit

von Thedel von Wallmoden

»An judenfeindlichen Schildern hab ich die ersten Lesekenntnisse und die ersten Überlegenheitsgefühle geübt.« Mit solch lakonischen Sätzen beschreibt Ruth Klüger ihre Kindheit in Wien. Eine Kindheit am falschen Ort und zur falschen Zeit, wenn man dort am 30. Oktober 1931 als jüdisches Kind geboren wurde. Bald nach Hitlers Einmarsch durfte sie nicht mehr wie andere Kinder ins Kino gehen, nicht mehr auf der Parkbank sitzen oder im Dianabad schwimmen. Sie erlebte die Ausgrenzung in allen Lebensbereichen. Zusammen mit ihrer Mutter blieb sie bis zum Herbst 1942 in der Stadt. Dann wurden beide nach Theresienstadt deportiert, in den »Stall, der zum Schlachthof gehörte«, von dort nach Auschwitz und weiter zur Zwangsarbeit nach Christianstadt. Gegen Kriegsende gelang die Flucht auf einem der Todesmärsche, mit denen die KZs evakuiert wurden. Nach dem Krieg emigrierte Ruth Klüger in die USA, studierte auf Heinz Politzers Anregung in Berkeley Literaturwissenschaft, »demonstrierte gegen den Vietnam‐Krieg mit den Kindern im Schlepptau«, engagierte sich in der Frauenbewegung und erhielt einen Ruf nach Princeton, an eine der »selbstgefälligsten Institutionen der Welt«, wo sie als erste Frau Chairwoman wurde.
Ende der 80er Jahre übernahm Ruth Klüger eine Gastprofessur in Göttingen. Ein Verkehrsunfall und der anschließende Krankenhausaufenthalt waren der äußere Anlaß, ihr autobiographisches Buch weiter leben. Eine Jugend zu schreiben, das von der Kritik mit Begeisterung aufgenommen wurde und zu den wichtigsten Holocaustbüchern zählt. Einer der Gründe für die enorme Wirkung des Buches ist, daß es die Zeitebenen der erlebten und der erzählten Erinnerung kunstvoll verzahnt. Die erinnerte Kindheit wird mit Gesprächen konfrontiert, welche die Autorin mit jungen deutschen Kollegen führt. Dadurch entsteht eine Intensität, die unmittelbarer ist, als es jedes noch so detailgenaue Buch über den Völkermord sein könnte. Daß Ruth Klüger dabei auf die nochmalige Schilderung des Grauens der Lager verzichtet, ist gelegentlich als versöhnliche Geste mißverstanden worden. Ein Angebot, sich mit der Geschichte bequem einzurichten, ist dieses Buch ganz gewiß nicht. Es ist vielmehr ein Angebot zum Gespräch und zum selbständigen Nachdenken jenseits der ritualisierten Formen des Gedenkens.
Man kann mit einigem Recht sagen, daß Ruth Klügers Buch weiter leben am Beginn einer neuen Wahrnehmung und einer neuen Beschäftigung mit dem Holocaust steht. Indem sie erzählt, wie der rassenideologische Wahnsinn und der nationalsozialistische Vernichtungswille über das Leben einer ganz normalen Familie und über das Leben eines Kindes hereinbrechen, erzeugt sie für die Leser eine selten erreichte Dichte der Vergegenwärtigung. Neben der beeindruckenden Schilderung der ambivalenten Beziehung zu ihrer Mutter, mit der sie die Lager überlebt hat, gehört die Erinnerung an den ermordeten Vater, dem dieses Buch Gesicht und Stimme gibt, zu den bewegendsten Texten, die ich kenne.
Ruth Klügers 75. Geburtstag ist ein Anlaß für Glückwünsche und Geschenke – aber es bleibt dabei, wir, die Leserinnen und Leser, sind die Beschenkten, unsere Glückwünsche verbinden sich mit großem Dank. Mehr noch: Das Buch weiter leben hat den Wallstein Verlag bekanntgemacht und ein Fundament für die Arbeit der letzten Jahre gelegt. Unendlich dankbar bin ich für die Freundschaft dieser Autorin, die von sich sagte, daß sie ihr »Talent für Freundschaft« in Theresienstadt entdeckt hat. Dankbar für weitere wunderbare Bücher und Gespräche über die »gelesene Wirklichkeit«.

Der Autor ist Verleger des Wallstein Verlags.

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