Ari Folman

»Krieg ist etwas Surreales«

Ari Folman, in Ihrem Film »Waltz with Bashir« begeben Sie sich auf die Suche nach Ihren verlorenen Erinnerungen aus dem ersten Libanonkrieg. Was war der Anstoß für diese Suche?
folman: Bis zu meinem 40. Geburtstag musste ich regelmäßig zum Reservedienst der Armee. Ich hatte dort keinen besonders harten Job: Ich machte kleine Lehrfilme, die zum Beispiel erklärten, wie man sich im Fall eines Angriffs mit chemischen Waffen verhalten soll. Vor fünf Jahren wollte ich vorzeitig aus dem Reservedienst entlassen werden. Die Armee war einverstanden, aber ich muss‐te dafür an einem neuen Programm teilnehmen und einem Psychotherapeuten der Armee über meine Militärzeit berichten. Ich war acht oder zehn Mal bei ihm, habe ihm alles erzählt, was ich noch wusste. Und als es vorbei war, wurde mir klar, dass ich zuvor darüber nie gesprochen hatte.

In Ihrem Freundeskreis war der Krieg kein Thema?
folman: Ich lebe in der kleinen hermetischen Welt des Films, in der es nicht cool ist, über Kriegserlebnisse zu reden. In Gesprächen mit meinen Freunden merkte ich, dass das ein ganz verbreitetes Problem ist: Alle verdrängen ihre Erinnerungen aus dem Libanonkrieg. Also war mir die Grundidee für meinen Film schnell klar: Ich wollte die schwarzen Löcher in meiner Erinnerung füllen.

Dazu haben Sie eine völlig neue cineastische Form gefunden, den animierten Dokumentarfilm.
folman: Für mich war Animation die einzige Möglichkeit, diesen Film zu machen. Schließlich geht es um verlorene Erinnerun‐gen, Träume, Unterbewusstes, um Ängste –also um Surreales. Und der Krieg an sich ist ja auch etwas Surreales. Um völlig frei arbeiten zu können und all das zu kombinieren, habe ich mir den Film von Anfang an animiert vorgestellt.

War Ihnen bewusst, dass es diese Form für einen Dokumentarfilm vorher noch nicht gab?
folman: Ja, ich hatte ein bisschen im Internet herumgesucht und nur Kurzfilme gefunden. Am Anfang fand ich es wichtig, eine Art Pionier zu sein. Aber eigentlich hat es mir nur Probleme gemacht.

Was für Probleme denn?
folman: Die Finanzierung wurde dadurch viel schwieriger: Unter unserem Projekt konnte sich niemand etwas vorstellen. Und wer gibt schon Geld, ohne zu wissen wofür? Da hätte ich auf den Titel »Erster animierter Dokumentarfilm« gut verzichten können.

Im Zentrum des Films steht das Massaker von Sabra und Schatila 1982, das christliche libanesische Milizen unter dem Schutz der israelischen Armee an palästinensischen Flüchtlingen verübten. Als Sie mit Ihrer Arbeit an dem Film begannen, wussten Sie nicht mehr, wo Sie sich zum Zeitpunkt des Massakers aufgehalten hatten. Wie erklären Sie sich diesen Gedächtnisverlust?
folman: Das ist ganz einfach: Wenn du wirklich etwas vergessen willst, nie daran denkst, nie darüber sprichst, dich entscheidest, es zu verdrängen, dann funktioniert das. Ich bin diesem Thema konsequent ausgewichen.

Am Ende des Film verlassen Sie die Animationsform und zeigen reale Aufnahmen: Leichen, trauernde Frauen, zerstörte Häuser – so als würden Sie der Kraft der animierten Bilder nicht trauen.
folman: Ich wollte verhindern, dass irgendwer irgendwo aus dem Kino geht und denkt: cooler Trickfilm, coole Musik. Schließlich geht es um reale Ereignisse, und die Szenen lassen daran keinen Zweifel. Es sind nur 50 Sekunden. Aber mir kommen sie jedes Mal vor wie fünf Minuten.

Während Sie an dem Film arbeiteten, brach im Sommer 2006 der zweite Libanonkrieg aus.
folman: Das war für mich ein totales Déjà Vu. Ich war voller Wut, ich spürte, dass ich weg musste aus Israel und flüchtete mit meiner Familie für drei Wochen in ein kleines Dorf auf Kreta. Ich habe die Bilder im Fernsehen einfach nicht mehr ausgehalten: In den Nachrichten zeigten sie dieselben Dörfer, in denen wir gewesen waren, die gleichen Orte. Ich hatte das Gefühl, dass sich alles wiederholte.

In Ihrem Film ziehen Sie eine Parallele zwischen dem Massaker von Sabra und Schatila und der Schoa. Bei europäischen Kritikern hat das für Diskussion gesorgt.
folman: Ja, ich wurde ständig danach gefragt. In Israel war das überhaupt kein Thema. Für mich ist das offensichtlich: Bei jedem Foto eines Massakers, ob das nun Srebrenica ist oder Sabra und Schatila, denke ich an den Holocaust.

Gerade durch die Animation wirkt Ihr Film wie eine Parabel auf das kollektive Verdrängen der Grausamkeiten des Krieges.
folman: Ich habe das erst so gesehen, als der Film fertig war, diese überhöhende Interpretation war nicht meine Absicht. Aber tatsächlich hätte dieser Film überall gemacht werden können: In den USA über Vietnam, in Russland über Afghanistan. Es ist eine universelle Geschichte.

Am Anfang des Films treffen Sie Ihren Freund Boas in einer Bar und er sagt, dass Filme eine Art Psychotherapie sind.
folman: Jeder Film ist für den Regisseur eine Therapie. Auch wenn du denkst, du erzählst die Geschichte eines anderen, ist der Film am Ende doch immer auch über dich selbst. Bei »Waltz with Bashir« war das natürlich extrem: Ich reiste, traf Leute, recherchierte, ich habe den Film geschrieben, gedreht, geschnitten. Es war ein sehr langer Prozess.

Hat das Sie verändert?
folman: Wenn ich mir vor fünf Jahren ein Foto von mir als 19‐Jährigem anschaute, dann erkannte ich den jungen Mann auf dem Bild zwar – aber uns verband nichts, er war kein Teil von mir, er gehörte zu einem anderen Leben. Heute sehe ich: Okay, dieser Typ bin ich, wir gehören zusammen.

Das Gespräch führte Anna Kemper.

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