USA

Krieg im Chassiden-Reich

von Jonathan Mark und
Baruch Rabinowitz

Sie bereiten sich auf den Krieg vor. Aaron (58) und Zalman (54) Teitelbaum, die zwei Söhne des am 24. April verstorbenen Satmarer Rebben Moshe Teitelbaum, streiten um den Thron der größten chassidischen Sekte der Welt. Sie haben einander vor dem New York County Supreme Court verklagt, ihre Chassidim zur Gewalt aufgefordert und Satmar endgültig in zwei Fraktionen gespalten.
Der Streit zwischen Aaron und Zalman ist aber keine Neuigkeit. Schon 1999 wollte Mosche Teitelbaum, der sich seiner Sterblichkeit bewußt war, seinen Machtbereich aufteilen. Angeblich erklärte er seinem ältesten Sohn, daß die Bewegung zu groß geworden sei. Deswegen sollte Aaron sich um die 18.000 Chassidim in Kiryas Joel, dem Satmar-Schtetl in Orange County, kümmern. Aarons Bruder Zalman hat aber eine viel größere Ehre von seinem Vater erhalten. Er wurde zum Rabbiner von Williamsburg in Brooklyn, einem Gebiet mit über 35.000 Anhängern, ernannt.
Viele sahen darin bereits die Krönung Zalmans zum nächsten Satmarer Rebben. Aaron jedoch behauptete stets, er sei der Nachfolger seines Vaters auch in Williamsburg. Jetzt streben die beiden Männer danach, die Alleinherrschaft für sich zu beanspruchen.
Sowohl in Kiryas Joel als auch in Williamsburg teilten sich die Chassidim bald in zwei Lager, die »Aronis« und die »Zalis«, wobei jedes Lager aus seiner Verachtung für den Gegner keinen Hehl machte. Im vergangenen Herbst mußte sogar ein Überfallkommando der Polizei gerufen werden, um Hunderte von Aronis und Zalis zu trennen, die sich in und vor der Williamsburger Hauptsynagoge Schlachten lieferten.
Der Führungsstreit zwischen den zwei Söhnen führte schon viel früher dazu, daß in Kiryas Joel und in Williamsburg über mehrere Jahre hinweg Straßenschlachten, Brandstiftungen, zerbrochene Fenster, aufgeschlitzte Reifen und gegenseitige Bannsprüche an der Tagesordnung waren. Obwohl ein chassidischer Rebbe angesehen wird als jemand, der königsähnliche Macht besitzt, schien das für Moshe Teitelbaum zu keiner Zeit zutreffend. Beobachter konnten sich nie darüber einig werden, ob er die rauflustigeren Elemente seiner Gemeinde in ihrem Treiben bestärkte oder ob er sie nur nicht unter Kontrolle hatte.
Vieles könnte man wohl vermeiden, wenn der Rebbe Moshe Teitelbaum seinen Nachfolger genannt hätte. Er war aber entweder nicht in der Lage oder nicht willens es zu vermitteln. Er verbrachte seine letzten Jahre krank, isoliert und stumm. Leider war er auch kein Mann des Friedens, schon gar nicht innerhalb seiner Familie. In seinem Zuhause herrschte schon immer eine Atmosphäre, die von Unruhe und Feindseligkeit geprägt war.
Der Krieg innerhalb seiner Familie und seiner Bewegung weitete sich oft auf Kämpfe mit anderen chassidischen Gruppen aus. Laut einem Bericht von David Pollock vom Jewish Community Relations Council besuchte Rabbiner Moshe Teitelbaum noch bevor er offiziell Rabbiner war nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit den Belzer Chassidim die Satmar-Jeschiwot und verurteilte die Rowdys. Dennoch kam es 1981 zu einem erneuten Angriff gegen Belz.
Während der Ausschreitungen in Crown Heights im Jahr 1991 wurde von afroamerikanischer Seite beklagt, daß die Polizei einseitig die Lubawitscher schütze. Das Polizeiaufgebot war aber nicht dazu da, die Lubawitscher gegen Afroamerikaner, sondern um sie gegen Satmar zu schützen. 1983 wurde dem Lubawitsch-Lehrer von Satmar-Chassidim der Bart geschoren. Im selben Jahr entführten sie einen anderen Lubawitscher Chassid und schnitten in einem Minibus auch ihm den Bart ab.
So oder so: Jede Seite hat für sich schon längst entschieden, wer der Nachfolger des Grand Rebben ist. »Die Frage ist nicht, wer der nächste Rebbe wird. Die einzige Frage lautet: Wer von beiden das Recht hat, der neue Rebbe zu werden«, sagt Leib Glantz, der Sprecher von Aaron Teitelbaum im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Nach unserem Gesetz erbt der ältere Sohn die Stellung des Vaters. Außerdem hat Aaron schon seit Jahren die Gemeinde geführt. Der Grand Rebbe war sehr krank, und Aaron hat seine gesamten Pflichten übernommen«, erklärt Glantz. Aber nicht alle teilen seine Meinung. Es gibt auch Chassidim, die den jüngeren Sohn Zalman als neuen Rebbe krönen wollen. Zalman ist auch der Meinung, daß sein Vater ausgerechnet ihn als seinen Nachfolger ernannt hat. Angeblich gibt es sogar einen Brief, den der Rebbe noch 2003 geschrieben hat, in dem er Zalman seinen Stab übergibt. Seine Entscheidung erklärt er in seinem Brief jedoch nicht.
Die Trauerwoche war gerade zu Ende, als beide Söhne ihre weißen Socken und silbernen Mäntel – das Gewand des neuen Herrschers – anzogen und sich von ihren Chassidim als neue Grand Rebbes beglück- wünschen ließen. Jeder der beiden Männer vermutet, etwa 70 Prozent der schätzungsweise 100.000köpfigen Gemeinschaft auf seiner Seite zu haben. Der Wunsch von beiden, jeweils als Alleinherrscher zu regieren, ist wohl verständlich – das Gesamtvermögen der Satmar-Bewegung beträgt über 500 Millionen Dollar.
Zwar verfügt Satmar über ein Vermögen, doch die gewöhnlichen Gemeindemitglieder haben wenig von diesem Reichtum. Kiryas Joel, wo etwa 60 Prozent der Familien unterhalb der Armutsgrenze leben, ist eine der ärmsten Stadtgemeinden im Bundesstaat. Und in Williamsburg sieht es für beinahe die Hälfte der Familien nicht besser aus.
Aaron sei eine sehr starke Persönlichkeit, erklärt Leib Glantz weiter. Er würde sich nie auf Korruption einlassen. »Und es gibt diejenigen, die so einen starken Führer nicht haben wollen.« Zalman wird auch des Loyalitätsbruchs in Bezug auf seinen Vater beschuldigt. Er hatte angeblich dessen Feinde unterstützt, die sogar protestierten, daß der Rebbe an der Seite des berühmten Satmarer-Rebben, seines Onkels Joel Teitelbaum (Rebbe Jolisch) begraben wird.
Und Feinde hatte er genug. Als Teitelbaum 1979 Rebbe wurde, stand er im Schatten seines Onkels. Die Witwe Feiga hielt nichts von ihrem Neffen und hielt ihm zum Trotz bis zu ihrem Tod 2001 an ihrer eigenen Satmar-Schattenregierung fest. Es hieß, Aaron versuchte sie zu bekämpfen, Zalman – sie zu unterstützen. Momentan werden die Einrichtungen in Kiryas Joel immer noch von Aaron und in Brooklyn von Zalman kontrolliert. Aber »Das Gericht wird entscheiden, wer das Recht hat, die Immobilien zu behalten«, sagt Glantz. »Wir sind auch überzeugt, daß wir den Prozeß gewinnen. Schließlich sind die meisten Chassidim in Williamsburg Anhänger von Aaron.«
Schon bevor der Rebbe starb, beschäftigten sich New Yorker Gerichte in vier verschiedenen Verfahren mit der Nachfolge und der Kontrolle von Satmar-Institutionen. Jetzt geht der Streit unter anderem um die Große Synagoge, die Schule, den Kindergarten und die Jeschiwa in Wil- liamsburg, die zu den wertvollsten Satmarer-Besitztümern gehören.
Obwohl die Halacha es ausdrücklich für den gläubigen Juden verbietet, miteinander vor einem nicht jüdischen oder säkularen Gericht zu streiten, haben die zwei Brüder die Möglichkeit vor einem rabbinischen Gericht vorzusprechen, abgelehnt. »Jeder will seinen eigenen Beit Din haben. Und wenn die Rabbiner parteiisch sind, können sie sowie so nicht richtig entscheiden«, sagt Glantz.
Beide Seiten bedrohen einander mit Überfällen und markieren die unerwünschten Besucher in ihren Synagogen mit blauen Flecken. »Wenn jemand versucht unsere Ruhe zu stören, werden wir ihn rausschmeißen«, sagt Glantz. Ab jetzt dürfen die Chassidim ihre Gegner nicht mehr besuchen.
Schmuli Birnbaum ist 48, lebt in Willamsburg und ist eifrig dabei, die Ehre seiner Sekte zu verteidigen. Sein Rebbe ist Zalman. Für ihn hat die Stunde jetzt geschlagen, und in der zersplitterten chassidischen Gemeinschaft dürfen jetzt die Kanonen donnern. »Es wird bestimmt einen Krieg geben«, sagt Birnbaum der Jüdischen Allgemeinen. Daß dieser Konflikt doch friedlich gelöst werden kann, glaubt er nicht. »Es ist viel zu viel Geld im Spiel. Und es dreht sich um sehr viel Macht.« Sehr viele Chassidim seien von ihrer Institution finanziell und damit auch existentiell abhängig. Die Kinder müssen in die Schule gehen, irgendwann muß man ja auch seine Kinder verheiraten. »Jeder möchte einen Rebben haben, mit dem er schon vertraut ist«, betont Birnbaum. Wie man miteinander teilt, haben die zwei Söhne offensichtlich noch nicht gelernt. Und die Worte Frieden und Kompromiß gehören wohl auch nicht zum satmarer Wortschatz.
Auch wenn Zalman vor Gericht verliert, werden sie seinen Bruder Aaron nie als Rebben anerkennen. »Wir werden dann unsere neue Gemeinde von Grund aufbauen. Satmar hat schon mehrmals in einer Krise gesteckt. Auch diese werden wir überleben«, sagt Birnbaum. Wenn auch nur zum Teil.

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