Elija Avital

Kraft seiner Worte

von Bettina Piper

Er hat sich verliebt. So etwas passiert nun mal. Aber sie ist die Frau eines anderen. Und die Verbindung mit ihr könnte seinem Ansehen schaden. Was soll er tun? Sie aufgeben? Sich über alle Hindernisse hinwegsetzen? Den Nebenbuhler gar töten? Elija Avital redet mit durchdringender Stimme, sein Blick streift unruhig umher, seine ganze Körperhaltung zeigt die innere Zerrissenheit. Im Café le Marais in Rüdersdorf ist es mucksmäuschenstill. Fiele eine Stecknadel zu Boden, würde sie eine Menge Lärm verursachen. Avital sitzt vorne auf einem Stuhl, ein Akkordeon auf dem Schoß, den geöffneten Instrumentenkoffer neben sich, und erzählt die Geschichte von König David und dessen verbotener Zuneigung zu Bath‐Scheba. Er spricht von Liebe und Hass, Eifersucht und Rache, Angst und Tod, Konkurrenz und Freundschaft. Ist Mann und Frau, Betrüger und Betrogener, Sieger und Verlierer zugleich. Hin und wieder hält Avital inne, spielt auf seinem Akkordeon und singt melancholische hebräische Lieder. Beinahe vergisst der Zuhörer, dass er einer jahrtausendealten Geschichte aus der Bibel lauscht, so unmittelbar rückt das Geschehen in die Gegenwart. Und wird gleichzeitig zu einem Teil seiner selbst, einem Spiegel der eigenen Sehnsüchte, Schwächen und Tugenden.
Seit nunmehr zwei Jahren tritt der israelische Künstler mit seinem Erzähltheater auf Kleinkunstbühnen, in Cafés oder Bi‐
bliotheken in und um Berlin auf. Immer spricht und besingt er, begleitet von seinem Akkordeon, alttestamentarische Geschichten. Seine Protagonisten heißen Neomi und Ruth, David und Jehonathan, Hanna und Penina, Jakob und Elijahu. Gerade hat er unter dem Titel „Lieder aus der Seele und Geschichten aus dem Herzen“ eine CD herausgebracht, die einige der Chansons aus seinem Programm versammelt.
Musik bedeutet Elija viel, vielleicht mehr, als ihm selbst bewusst ist. Akkordeon spielt er seit seinem siebten Lebensjahr. Zwar kann er bis heute keine Noten lesen, wie er etwas beschämt zugibt, aber der feinsinnige Mann hat ein gutes Gehör. Sein Instrument hat ihn immer begleitet. Auch, als er sich 1985 entschied, seine Heimatstadt Haifa zu verlassen und nach Berlin zu kommen. „Die Menschen und ihre Sprache haben mich fasziniert. Ich wollte sie kennenlernen. Und ich wollte Hesses ‚Siddharta‹ auf Deutsch lesen.«
Der 49‐Jährige liest, seit er denken kann, die gesamte Weltliteratur rauf und runter. Am liebsten mit einer Tasse Kaffee und einer Zigarette in der Kneipe. „Den Typ mit der Zigarettenspitze“ nennen sie ihn hier, im Café in der Nähe des Winterfeldtplatzes, wo es noch ein kleines Nebenzimmer für Raucher gibt. Und wo man bei einer Latte Macchiato und einem Glas Wasser stundenlang entspannt sitzen kann. In dieser Umgebung fällt es schwer, den zierlich wirkenden Mann mit dem wort‐ und stimmgewaltigen Erzähler auf der Bühne in Verbindung zu bringen. Oder gar mit der Bibel. Und dennoch spielt sie eine zentrale Rolle in seinem Leben. Ihre Lektüre hat ihn nachhaltig beschäftigt. Unzählige Male hat Elija ihre Geschichten studiert. Ganz nebenbei erwähnt er, dass er so gut wie nie die Syna‐goge besucht oder sich in der Gemeinde aufhält. Er braucht viel Zeit für sich, lebt allein. Einsam wirkt der temperamentvolle Mime mit den lebhaften Augen aber keineswegs. Er träumt gerne vor sich hin, denkt einfach nach.
Avital ist Autodidakt. Er hat nie eine Schauspielschule besucht oder eine andere künstlerische Ausbildung genossen. Und dennoch: Wenn er zu erzählen beginnt, ist spürbar, wie ihm die Worte auf der Zunge zergehen, wie er mit Klängen spielt und welche Freude es ihm bereitet, mit Geschichten zu jonglieren, sie wie Bälle in die Luft zu werfen und an irgendeiner Stelle wieder aufzufangen. „Ich bin ein Artist. Ein Clown. Aber ich mache den Leuten nichts vor. Ich will die Menschen zum Lachen, zum Weinen und zum Nachdenken bringen.«
Schon als kleines Kind drängte es ihn auf die Bühne. Er genoss es, im Mittelpunkt zu stehen, andere zu unterhalten, hatte Spaß daran, sich zu verkleiden und in die unterschiedlichsten Charaktere zu schlüpfen. Bald nach seiner Einberufung zum Militärdienst wurde der junge Mann in die sogenannte Unterhaltungsabteilung versetzt. Er landet in der Gruppe für Organisation und Management, wirkt bei verschiedenen Theater‐ und Musikproduktionen mit und überrascht immer wieder mit spontanen kabarettistischen Einlagen. Doch er findet nicht den Mut, seine ganze Energie in eine künstlerische Laufbahn zu investieren und beginnt ein akademisches Studium. In Deutschland schließlich macht der ausgebildete Soziologe und Erziehungswissenschaftler seine persönliche Leidenschaft Stück für Stück zu seinem Beruf.
Seit 1990 unterrichtet er Tora und Hebräisch an der Heinz‐Galinski‐Schule in Charlottenburg. Das gestaltet er so spannend, dass die Kinder manchmal freiwillig auf die große Pause verzichten, um ihm weiter zuhören zu können. Jahre später wagt er den Schritt auf die Bühne.
Elija legt Wert darauf zu betonen, dass er mit seiner künstlerischen Arbeit nicht missionieren, sondern zum kritischen Nachdenken anregen will. „Wie oft gibt es im alltäglichen Leben Gelegenheit, beispielsweise über die Grundsätze von Moral, über die Motivation unseres Handelns zu sprechen?“ Auch in der Schule geht es ihm um den reflektierenden Umgang mit Inhalten, um die Entwicklung von Urteilsvermögen und persönlicher Entscheidungsfreiheit. „In der Bibel ist zu lesen, dass Gott bestraft. Aber muss es deswegen richtig sein, dass er das tut? Könnte er nicht auch anders handeln?“
Avital ist so etwas wie ein Geschichtenerzähler. Aber wie kann man eine Ge‐
schichte wirklich gut erzählen? Vielleicht so, dass sie selbst Hilfe ist. Ein hoher An‐
spruch, aber dieser Ansatz ist dem Künstler wichtig. Er nimmt sich dafür im Umgang mit den überlieferten Texten die größtmögliche Freiheit. Geschichten sind für ihn wie Wege, auf denen man wandern kann und die in unbekannte Landschaften führen. Die Worte der Bibel sind die Pflastersteine dieser Wege.
„Die Liebe zu ihren Erzählungen verleiht meiner Fantasie Flügel, die mich durch diese Landschaften tragen. Aber irgendwann einmal“, da ist sich Elija Avital sicher, „erzähle ich meine eigenen Geschichten.“ Die Vorstellung davon zaubert ein strahlendes Lächeln auf sein Gesicht. So, als hätte der Suchende in der Ferne sein Lebensziel erblickt.

Veranstaltungstermine und weitere Informationen im Internet: www.frei-erzaehlt.de

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