Jakob am Jabok

Kräftemessen

von Rabbinerin Elisa Klapheck

In der Parascha Wajischlach erhält Jakob den Namen Israel – den Namen, den wir als ganzes Volk tragen. Es ist die kürzeste Formel unserer Identität: Jisra-El. Jisra kommt von »lisrot«, das heißt: kämpfen, ringen. »El« bedeutet Gott. Der Name hat grammatikalisch etwas Offenes. Er kann in drei Richtungen ausgelegt werden: »Gott kämpft« – oder: »er kämpft mit Gott« – oder: »Gotteskämpfer«. Auch wenn Jakob zur Begründung für den neuen Namen gesagt bekommt: »denn du hast mit Gott und den Menschen gekämpft«, sind verschiedene Deutungen möglich, da nicht wirklich klar ist, wer mit wem kämpft.
In einer mythischen Nacht am Jabok, so erzählt uns die Geschichte, ringt ein »Isch« bis zum Morgengrauen mit Jakob – ein »Mann« oder nach anderen Übersetzungen ein »Engel«. Keiner kann den anderen überwinden, keiner vermag sich gegen den anderen durchzusetzen. Zwei Kräfte ringen in dieser Nacht, und am Ende segnet die eine die andere.
Wer war dieser »Mann«, der mit Jakob kämpfte? Manche meinen, es sei Jakobs Alter Ego. Danach habe er mit sich selbst gerungen, mit einer höheren Stufe seines Bewusstseins, um der Wiederbegegnung mit Esau gewachsen zu sein. Das würde der Interpretation des Religionsphilosophen Maimonides entsprechen, der »Engel« als verschiedene Stufen auf einer geistigen Leiter des Bewusstseins verstand. Nach dieser Interpretation hätte Jakob sich selbst, von einer höheren geistigen Stufe aus, mit dem Namen Israel gesegnet.
Andere meinen, dass Jakob mit dem Geist Esaus gerungen habe, dem verdrängten älteren Bruder, den Jakob um das Erstgeburtsrecht betrogen hatte. Gefühle der Schuld, Scham und Angst, aber auch der Überlegenheit und des Bewusstseins, im Recht zu sein, mischten sich zu einem aufwühlenden Chaos, das Jakob eine Nacht mit dem Zwillingsbruder ringen ließ, während ihm Esau und 400 bewaffnete Männer entgegeneilten. Weiter gedacht wäre es dann Esau, der Jakob mit dem heiligen Namen Israel segnet. Aber welcher Esau kann mit Jakob gerungen und ihn gesegnet haben? Bestimmt nicht der grobschlächtige Jäger, der ein Linsengericht höher schätzt als das Erstgeburtsrecht.
Auch Esau trägt in der Tora einen zweiten Namen: Edom, abgeleitet von Adam, Mensch. Ist es Esaus Alter Ego, das hier mit Jakob ringt? Edom mit Jisra-El? Ein »Mensch«, der mit einem ringt, der »um Göttliches und Menschliches kämpft«?
Wieder andere meinen, dass es Gott war, der Jakob im Kampf herausforderte. Aber warum sollte Gott mit Jakob kämpfen? Ging es vielleicht um die Macht in Kanaan, da Jakob zurückkehrte? Wer hätte in dem Land das Sagen? Jakob, der als Mensch das legitime Erstgeburtsrecht erworben hat? Oder Gott, der in diesem Land ein heiliges Volk stiften will?
»Er sah, dass er ihn nicht überwinden konnte.« Der Text in der Tora ist so dicht, dass das Subjekt verschwimmt. Wer konnte wen nicht überwinden? Etwa Gott den Menschen nicht? Bezeichnet dies Gottes Angewiesenheit auf den Menschen? Ist die Beziehung des allmächtigen Gottes, des Schöpfers von Himmel und Erde, zum Menschen so beschaffen, dass sie sich – wie am Ende dieser Geschichte – nur in einem Segen einlösen kann?
Viele weitere Auslegungen sind möglich. Wir sind hier in der Tora noch lange vor der Offenbarung am Berg Sinai und der Konstituierung einer nationalen Religion mit Kult und Gesetzen. Die Geschichte von Jakobs Ringen beschreibt einen Moment, der individueller, ja existentieller nicht sein könnte. Es ist der Moment, in dem sich ein Mensch in der Agonie seiner Gefühle erlebt, aber dessen religiöse Wahrnehmung ihn über das Chaos dieser inneren Mächte erhebt. Auf diesen existentiellen Moment verweist der Name Jisra-El, lange noch bevor daraus eine Religion, das heißt eine verbindliche Ordnung oder ein religiöses System entstand.
Die Religionsphilosophie bezeichnet eine Geschichte wie die von Jakobs Ringen als einen uns überlieferten »Mythos«. Die Funktion des Mythos, so schrieb Mircea Eliade, besteht darin, »Modelle zu offenbaren und damit der Welt und dem menschlichen Dasein eine Bedeutung zu verleihen«. Welche Bedeutung ein bestimmter Mythos der Welt und dem menschlichen Dasein beilegt, stehe keineswegs fest, sondern hänge von der jeweiligen Auslegung ab, von der »Arbeit am Mythos«, wie Hans Blumenberg dies nannte. Der Mythos beanspruche für sich selbst Zeitlosigkeit. Aber er hat eine Geschichte von Interpretationen, durch die sich Menschen Klarheit über die eigene Gegenwart zu verschaffen versuchen – über die Frage, wie und warum das geworden ist, was ist, und wie es nun weitergehen soll.
Auch wenn heute nicht jeder Jude sich in allen Einzelheiten der jüdischen Religion wiederfindet, erkennt sich – so glaube ich – doch jeder Jude im Mythos von Jakobs Ringen wieder und damit in dem Namen, der uns als Identität gegeben ist: Jisra-El. Als Juden tragen wir eine religiöse Tradition mit uns, von der wir nicht immer wissen, ob wir ihren Inhalten in allen Details zustimmen, sie »ungeprüft« weitergeben möchten, ja uns mit ihnen identifizieren wollen.
Wenn wir kritisch sind, ist es oft besser, zunächst einen Schritt zurückzugehen, dahin, wo die Identität noch nicht reguliert ist und sie lediglich den religiösen Moment bezeichnet im Menschen, der »mit Gott und Menschen kämpft«. Wenn wir dahin auch unsere Tradition mitnehmen und gewähren, dass sie von diesem Ringen mit erfasst wird, geben wir ihr die Chance, sich in erneuerter Bedeutung zu offenbaren, möglicherweise sogar zu wandeln – in jedem Fall aber in den Segen zu münden, dem allein das Ringen gilt.

Die Autorin ist Rabbinerin der Gemeinde Beit Ha’Chidush in Amsterdam und des Egalitären Minjans in Frankfurt am Main.

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