Kaschrutliste

»Koscher liegt im Trend«

Herr Rabbiner, seit dem 30. September liegt die neue Koscher-Liste 2006/07 vor. Welche Produkte haben Sie herausgenommen, welche sind drin geblieben?
hod: Das kann man im Einzelnen gar nicht sagen. Wir haben nicht die alte kopiert und einige Produkte ausgetauscht, sondern sie komplett durchforstet, sozusagen ganz neu gestartet. Gesucht haben wir im Internet, Informationen bekamen wir durch den Kontakt mit verschiedenen Firmen. Wir haben von ihnen Listen erhalten von allen Produkten, die milchhaltig sind oder nicht, welche Fleisch enthalten, vegetarisch oder vegan sind. Diese Liste umfaßt mehr als 2.000 neue Produkte.

Russischsprachige Zuwanderer haben viele Speisen mitgebracht, sind einige möglicherweise auch schon in die Liste aufgenommen worden?
hod: Nein, denn die meisten dieser Speisen werden zu Hause zubereitet und sind noch nicht als Fertiggerichte zu kaufen.

Was macht eine Überarbeitung notwendig: die Konservierungsstoffe, die Geschmacksverstärker?
hod: Die Firmen sind bei der Herstellung ihrer Produkte viel vorsichtiger geworden, weil es so viele Allergien und Unverträglichkeiten gibt. Am häufigsten treten Laktose-Intoleranz, Unverträglichkeit von Proteinen oder Gluten auf. Die Firmen sind derart vorsichtig, daß selbst wenn sie in der gleichen Linie nichtkoschere Lebensmittel verarbeiten, keine Kontamination zwischen Koscherem und Treifenem stattfinden kann. Sie haben inzwischen Reinigungsmethoden entwickelt, die auch den Kaschrutregeln entsprechen. Wir können sagen, das Kaschern der Produktionsanlagen ist automatisch schon so eingestellt, wie wir es für die koschere Produktion verlangen würden.

Das heißt, die Herstellung ist viel transparenter geworden, hat sich auch der Kontakt zu den Herstellern verbessert?
hod: Der ist viel besser geworden. Die Inhaltsstoffe sind deutlicher gekennzeichnet. Inzwischen kann man im Internet erfahren, welche Lebensmittel glutenfrei oder milchfrei sind und wo man sie erhält. Davon profitieren wir auch. Die Firmen sind bereit, uns Rezepturen zu schicken, und das macht für uns die Sache viel einfacher. So haben wir heute die Möglichkeiten, Produkte aufzunehmen, die wir früher nicht mit aufnehmen konnten, weil wir ihre Inhaltsstoffe nicht überprüfen konnten.

Muß man sich als Rabbiner, der eine solche Liste aufstellt, in Lebensmittelchemie auskennen?
hod: Ja natürlich. Ich selbst habe mehrere Jahre hindurch Kurse bei den diversen Lehrern belegt und habe mich durch Bücher in Lebensmittelchemie, -technologie und -biologie aus- und fortgebildet.

Wenn die Lebensmittelkontrolle jetzt doch erheblich einfacher geworden ist, kann man davon ausgehen, daß derjenige, der sich koscher ernährt, von Gammelfleisch unbehelligt bleibt?
hod: Soviel ich weiß, handelte es sich beim Gammelfleisch um kein koscheres Fleisch. Aber sicherlich heißt das nicht, daß, wer sich nur vegetarisch oder koscher ernährt, von solchen Skandalen unberührt bleibt. In Deutschland gibt es nur zwei, drei Lieferanten für koscheres Fleisch, und die stehen unter strenger Aufsicht, selbst die Transportwege und die hygienischen Bedingungen werden strengstens überwacht. Deswegen sollte so etwas eigentlich in bezug auf koschere Produkte nicht passieren. Hinzu kommt, daß es sich bei koscherem Fleisch nicht um Massenware handelt. Die Mengen sind überschaubar und werden in der Regel sofort verzehrt.

Rabbiner Ehrenberg will in Berlin koschere Produkte so preiswert wie möglich anbieten, damit jeder sie sich leisten kann. Ist das realistisch?
hod: Das wollen wir alle. Doch das Problem ist, daß der Bedarf an koscheren Lebensmitteln so klein ist, daß man die Herstellung nicht preiswerter gestalten kann. Wenn mehr nachgefragt würde, könnten sie auch preiswerter angeboten werden. Ich hatte vor Jahren mal die Idee, die Muslime, die in Deutschland leben und die ja auch ihre Tiere schächten, also beim Schlachten die Tiere ausbluten lassen, zur Zusammenarbeit anzuregen. Wir hätten diese bei den Moslems genannten Hallal-Produkte auch mit in der Liste erfassen können. Das Problem ist, daß viele Muslime gar nicht daran interessiert sind, hallal zu leben. Aus Frankreich weiß ich, daß in fast jeder von Arabern betriebenen Metzgerei an den Fleischwaren Hallal/Koscher auf französisch und arabisch steht. Das ist in Deutschland nicht der Fall. Hier findet man in Imbissen und Kebab-Buden darauf keine Hinweise.

Haben sie den Eindruck, daß das Interesse an koscherer Nahrung und Lebenshaltung wächst?
hod: Ja, wir haben sehr viele Anfragen. Die neue Koscherliste wird auch auf unserer WebsSite erscheinen, und wir denken, daß es darauf noch mehr Zugriffe geben wird. Ich bekomme schon jetzt jede Woche zwischen 10 und 20 Anrufe, die die Kaschrut betreffen. Viele Fragen kommen von jungen Leuten, die gar nicht jüdisch sind, die aber für sich beschlossen haben, daß sie koscher essen möchten. Sie fragen, wie sie ihre Küche kaschern können. Dann sage ich ihnen, sie sollten sich an einen Rabbiner an Ort und Stelle wenden, und es kommt heraus, daß es in ihrer Nähe keine jüdische Gemeinde gibt, ja, daß sie gar keine Juden sind. Auch unter Gemeindemitgliedern kommt es vor, daß sie keinen Schabbat halten, aber für sich beschlossen haben und daran glauben, daß es gut ist, sich koscher zu ernähren. In Mannheim war ich mal bei einer Familie eingeladen, ihre Küche zu kaschern. Das waren Leute, die überhaupt nie in die Synagoge kamen, die keinen Zugang zur Religion hatten, aber ihr Essen wollten sie koscher halten.

Wer jetzt wirklich Kaschrut halten will, ist überfordert angesichts der unterschiedlichen Koscher-Zertifikate. Woran kann man sich orientieren?
hod: In unserer Liste sind die Produkte, die ein anerkanntes Koscherzertifikat haben, mit einem Sternchen gekennzeichnet.

Die Liste »Rabbi, ist das koscher?« ist über die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland, Roonstrasse 50, 50674 Köln, Fax-Nummer: 0221/92 15 60 19, Email: kosherliste@ordonline.de erhältlich.

Mit dem Rabbiner sprach Heide Sobotka.

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